• aktualisiert:

    SCHWEBHEIM

    Geschichtsforschung als Gehirnjogging

    Ortschronist Richard Ludwig feiert diesen Montag seinen 90. Geburtstag. Foto: Ursula Lux

    Ein Unbekannter war Richard Ludwig in seiner Gemeinde noch nie, in den letzten Jahren aber hat er dafür gesorgt, dass er auch von nachkommenden Generationen nicht vergessen und geschätzt werden wird. Richard Ludwig, der diesen Montag seinen 90. Geburtstag feiert, hat Schwebheims Geschichte festgehalten.

    Als Ludwig nach 45 Jahren als Prokurist und Betriebsleiter in den Ruhestand ging, hat er erst einmal die Welt bereist. Europa, Asien, Süd- und Nordamerika, der Nahe Osten, einzig den schwarzen Kontinent ließ er aus. Dann suchte er eine neue Aufgabe, denn dem rüstigen Rentner war immer klar: „Wenn man sein Gehirn nicht beschäftigt, schläft es ein.“

    Ein Aufruf im Amtsboten der Gemeinde sollte für ihn weitreichende Folgen haben. Dort wurden Interessenten für einen Ortsgeschichtlichen Arbeitskreis gesucht, den Ludwig dann gleich mit aus der Taufe gehoben hat. 16 Jahre war er in dessen Vorstand tätig.

    Zehn Jahre Arbeit in Archiven

    Seine eigentliche Karriere als Ortschronist begann zwei Jahre nach Gründung des Vereins. Damals feierte die Grundschule ihr 25-jähriges Bestehen und der Vorsitzende des Ortsgeschichtlichen Arbeitskreises bat Ludwig doch ein bisschen über die Schulgeschichte zu recherchieren. Das war der Beginn einer über zehn Jahre dauernden Arbeit in Archiven. Das erste Ergebnis war das 200 Seiten starke Werk „Schwebheimer Schulgeschichte“.

    Drei weitere Bücher über die Schwebheimer Geschichte sollten folgen. „Aber das eine hab' ich ja nur abgeschrieben“, räumt der Jubilar bescheiden ein. Es handelt sich dabei um das handgeschriebene Manuskript der 1903 vom ehemaligen Ortspfarrer Otto Schwarz verfassten Dorfchronik, das Ludwig „abgeschrieben“ hat. Auch in anderen Publikationen veröffentlichte er Artikel und hielt geschichtliche Vorträge.

    Ahnenforschung im Pfarrarchiv

    Sein Interesse an Geschichte blieb. Bis vor zwei Jahren übersetze er Briefe und Gerichtsakten des Heinrich von Bibra aus dem 16. Jahrhundert, und immer wieder treibt er auf Nachfrage auch Ahnenforschung im evangelischen Pfarrarchiv. Probleme mit dem Augenlicht erschweren dem Jubilar heute jedoch die Beschäftigung mit der Geschichte, die ihm „einfach Spaß macht“.

    Auch sein eigenes Leben spiegelt ein Stück deutscher Geschichte wieder. Am 24. September 1928 geboren, besuchte Ludwig acht Jahre lang die Volksschule, in der immer vier Jahrgänge in einer Klasse zusammensaßen. Obwohl in einer „unpolitischen Familie“ aufgewachsen, sorgte die andauernde Nazipropaganda dafür, dass der Jugendliche zu einem überzeugten Hitlerjungen wurde. Es sei seine „erste große Enttäuschung“ gewesen, als er nach Kriegsende die ganze Wahrheit über die Gräuel der Nazis erfuhr.

    Großes Engagement im Heimatort

    Am 20. Februar 1945 wurde der junge Mann zum Reichsarbeitsdienst nach Marktredwitz eingezogen. „Dort haben wir acht Wochen geübt, dann sind wir nachts marschiert und die Alliierten tagsüber hinterher“, erinnert er sich. Der Marsch endete am 8. Mai auf einem Bauernhof bei Braunau. Nach acht Tagen dort machte sich Ludwig zu Fuß auf den Heimweg, wurde aber schon nach acht Kilometern aufgegriffen. Nach einer Nacht in amerikanischer Gefangenschaft konnte er seinen Fußmarsch nach Hause fortsetzen. „Erst 1948 normalisierten sich die Verhältnisse in der Heimat wieder“, erinnert sich Ludwig und meint lachend: „Die Zeit hatte auch ihr Gutes, ich war nicht zu dick und trotzdem gesünder.“

    1949 heiratete Ludwig seine Frau Käthe. Neun Jahre später wurde mit viel Eigenleistung das Einfamilienhaus gebaut, in dem heute der Sohn mit seiner Familie lebt. Seine Frau starb 1996. Ein Jahr später fand er in Wilfriede Keidel eine Lebensbegleiterin, mit der er viel gemeinsam unternimmt. Ludwig engagierte sich auf vielfältige Art in seinem Heimatort. 15 Jahre war er Gemeinderat, von Jugend an bei den Naturfreunden, er ist im TSV, bei den Eigenheimern und hat den Musikverein mit gegründet.

    „Ich habe ein erfülltes Leben gehabt, mit dem ich sehr zufrieden bin“, sagt er heute.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!