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    Schweinfurt

    Getöteter Polizeischüler: Eltern fordern Aufklärung

    Wie kam eine geladene Waffe in die Stube der Polizeischüler? Nicht nur auf diese Frage wollen die Eltern des getöteten Julian K. im Prozess am 1. April in Würzburg Antworten.
    Wie kam es zum tödlichen Schuss eines Würzburger Polizeischülers auf einen Kollegen? Der Frage geht ab dem 1. April das Amtsgericht in Würzburg nach.
    Wie kam es zum tödlichen Schuss eines Würzburger Polizeischülers auf einen Kollegen? Der Frage geht ab dem 1. April das Amtsgericht in Würzburg nach. Foto: Boris Roessler, dpa

    Am 28. Februar 2019 starb der 21 Jahre alte Polizeischüler Julian K. aus Garstadt (Lkr. Schweinfurt) auf seiner Stube in der Kaserne der Bereitschaftspolizei in Würzburg durch einen Schuss, der sich aus der Pistole eines Mitschülers gelöst hatte. Dieser muss sich am 1. April vor dem Jugendschöffengericht des Würzburger Amtsgerichts wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

    Wie es am 28. Februar 2019 zu dem Vorfall kam, scheint weitgehend geklärt. „Nach derzeitigen Erkenntnissen ist nur ein Verhandlungstag vorgesehen“, erklärte kürzlich der stellvertretende Amtsgerichtsdirektor Jürgen Reiher auf Anfrage dieser Redaktion. Allerdings gibt es für die Eltern des Getöteten eine ganze Reihe Fragen über den Ablauf des Abends, von denen sie befürchten, dass sie durch den Prozess nicht beantwortet werden. Sie treten als Nebenkläger im Prozess auf, ihr Anwalt Jürgen Scholl aus Schweinfurt wandte sich mit einer Erklärung im Namen seiner Mandanten an die Redaktion.

    Der Polizeischüler soll seinen Kollegen versehentlich mit seiner Dienstwaffe in der Kaserne der Bereitschaftspolizei im Würzburger Stadtteil Zellerau erschossen haben. Ein anderer Beamter hörte den Schuss und eilte zu den jungen Männern in den Raum, wo er den einen lebensgefährlich verletzt, den anderen unter Schock fand. Der angeschossene Polizeischüler erlag in der Nacht auf den 1. März  in einem Krankenhaus seinen Verletzungen. Er wurde wenige Tage später unter großer Anteilnahme auf dem Friedhof in Garstadt (Lkr. Schweinfurt) beigesetzt. 

    Der erschossene Polizeischüler wurde unter großer Anteilnahme im März 2019 in Garstadt beigesetzt.
    Der erschossene Polizeischüler wurde unter großer Anteilnahme im März 2019 in Garstadt beigesetzt. Foto: Anand Anders

    Vieles deutet darauf hin, dass der Polizeischüler mit dem neuen Modell der 9-Millimeter-Polizeipistole hantiert hatte - ohne zu ahnen, dass - gegen jede Vorschrift - eine Patrone im Lauf war. Wie es dazu kam, soll im Prozess klärt werden. Der Staatsanwalt sagte dazu: "Der Anklage zufolge ist der tödliche Verlauf des Geschehens als Folge eines mehrfachen persönlichen Versagens des Beschuldigten aus dem Landkreis Schweinfurt zu bewerten."

    "Wir wollen alle Ursachen lückenlos und gründlich aufgeklärt haben."
    Jürgen Scholl, Anwalt der Eltern des getöteten Polizeischülers Julian K. aus Garstadt

    Anwalt Jürgen Scholl erklärt: "Wir wollen alle Ursachen lückenlos und gründlich aufgeklärt haben. Es gibt so viele Fragen, die nach einer Antwort schreien." Scholl hat im Namen seiner Mandanten Mitte Januar eine achtseitige Stellungnahme an die Staatsanwaltschaft geschickt und die Sicht der Eltern geschildert. "Für die Eltern", betont er, "ist es eine große Belastung", da sie immer noch nicht genau wüssten, warum es passierte und ob der tragische Tod ihres Sohnes hätte verhindert werden können.

    Zum einen wollen die Eltern laut Scholl wissen, wie genau die Kontrollen innerhalb der Kaserne ablaufen, wenn nach Dienstschluss die Waffen zurückgegeben und die Magazine im Tresor gelagert werden. Wie war es möglich, dass sich noch eine Patrone im Lauf befand? Welche Verantwortung kommt den Polizisten in Ausbildung zu, die am Nachmittag und Abend des Tattags das Magazin des Angeklagten entgegen nahmen und ihm später wieder aushändigten? Warum wurde diese Kontrolle nicht von Ausbildern gemacht?

    Eine weitere Frage für Jürgen Scholl ist auch, ob für den Angeklagten tatsächlich Jugendstrafrecht zur Anwendung kommen sollte. Ein Merkmal wäre, dass der Angeklagte bei der Tat eine Reifeverzögerung hatte. Die Frage, ob Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht zur Anwendung kommt, hat auch Auswirkungen auf den möglichen Strafrahmen. Scholl erklärt, aus seiner Sicht könne ein junger Polizist in Ausbildung, der bereits im Streifendienst tätig war, keine Reifeverzögerung haben. Außerdem könne man angesichts des Ablaufs in der Nacht auf dem Zimmer nicht von einem jugendtypischen Verhalten sprechen. Darunter wäre zum Beispiel zu verstehen, wenn man nach einer durchzechten Nacht eine Dummheit begeht.

    Die Eltern des Getöteten stellen sich weitere Fragen: Nach Recherchen dieser Redaktion vor einem Jahr hatte es zum damaligen Zeitpunkt bayernweit acht Zwischenfälle mit der erst im Herbst 2018 ausgegebenen neuen Dienstwaffe der Polizei gegeben. Unter anderem hatte sich nur wenige Tage vor dem tödlichen Zwischenfall bei einem Bereitschaftspolizisten in der Würzburger Kaserne ein Schuss aus seiner Pistole gelöst, der ein Fenster durchschlug. "Warum wurden organisatorisch aus diesem Vorfall nicht sofort Konsequenzen innerhalb der Kaserne gezogen?", fragt Scholl. Am Wichtigsten aus Sicht der Eltern: Wieso durfte die Waffe mit auf die Stube genommen werden?

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