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    MEININGEN

    Göttlicher Songabend im Meininger Theater

    Göttlich: Der Songabend in Meiningen. Foto: Foto-ED

    „Oh je“, denkt sich der Kritiker am Anfang der Vorstellung, „hoffentlich wird das nicht wieder so ein Abend mit der Lizenz zum Mitschunkeln, an dem skeptische Besucher vor der Macht der kollektiven Erhebung in die Knie gehen. Nein, so läuft er nicht ab, der pausenlose eineinhalbstündige Songabend „Auch Götter sind nur Menschen“ von Matthias Kniesbeck und Jochen Kilian, der jetzt im Großen Haus Premiere hatte. Zwar wird rhythmisch mitgeklatscht, okay, aber man wird nicht genötigt, die geliebten Nachbarn unterzuhaken. „Trotzdem“, könnte der gute Mann weiternörgeln, „was soll die Szenerie aus dem Gruselkabinett einer psychiatrischen Anstalt, die aussieht als sei sie dem vorvergangenen Jahrhundert entsprungen (Bühne: Christian Rinke)? Bühnenhohe Ziegelmauer, ein geheimnisvoller schräger alter Schrank (der sich als ein Tor zur Götterwelt entpuppt), Zwangsjacken und ein Verhaltensrepertoire der Patienten, das direkt aus der großen Klischeekiste zu purzeln scheint, in der peinlich-dümmliche Witze über Geisteskranke lagern.

    Die Inszenierung von Matthias Kniesbeck („Elvis liebt dich“ „Amphytrion“) in der Tradition beliebter musikalischer Revuen wie „Liebesperlen“, „Sekretärinnen“ oder „MS Madagaskar“ beginnt für Skeptiker mit einem Fragezeichen: Der Direktor einer psychiatrischen Anstalt (der musikalische Leiter Gregor Rot) lässt nach einjähriger Therapie sechs Patienten freie Hand bei der Gestaltung eines musikalischen Abends zum Thema „Gott/Götter“. Unterstützt werden die Sangeskünstler von einer dreiköpfigen Pflegerband und dem Anstaltsleiter am Klavier. Wie man sich vorstellen kann, sind nicht nur die Götter in den Songs höchst individuell, sondern zuallererst die Vortragenden selbst: Alle haben sich kunterbunt gekleidet (Kostüme: Monika Gora) und pflegen ihre Ticks bis zum Exzess. Mara Amrita, Liljana Elges, Anne Simmering (alternierend mit Judith Lefeber), Ingo Brosch, Benjamin Krüger und der alte Komödiant Renatus Scheibe. Eh man sich versieht, ist die erwartete Peinlichkeit verschwunden und jeder kann sehen und hören, welch ungeheuer kreatives Potential in der Verrückt- und Entrücktheit stecken kann. Das ist dann der Augenblick, in dem man zwar nicht Geisteskranke beneidet, aber die Schauspieler um ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten, sich freizuspielen. In diesem Fall müsste man noch hinzufügen: sich freizusingen. Denn das, was die Künstler von sich geben, das lässt die Ohren spitzen. Die mehrstimmigen A-capella-Arrangements des Prinzensongs „Ich wär so gerne Millionär“ etwa, des Volksliedes „Guter Mond, du gehst so stille“ oder das „Crossover“ eines gregorianischen Chorals und des Eddie-Cooley-Hits „Fever“ mit einem pfiffigen deutschen Text von Anne Simmering, in dem sogar Maria und Josef Schmetterlinge im Bauch bekommen. Die Zuschauer werden nicht nur von den Melodien mitgerissen, sondern vor allem von der so nicht vermuteten Sangeskunst und den bis aufs i-Tüpfelchen stimmigen Arrangements der Lieder. Deshalb verliert der Kritiker alsbald seine Skepsis und ist – bei aller Liebe zu den anderen Darbietungen – besonders von einem Auftritt hingerissen: Mara Amrita interpretiert mit einer unglaublichen Rockröhrenstimme Janis Joplins „Oh Lord, won't you buy me“, a capella, versteht sich. Jeder Zuhörer pflegt da seine eigenen kleinen Vorlieben, ergänzt sie um einige neue und gibt sich am Ende entspannt und um mindestens vier Zugaben reicher dem guten Mond hin, der still aber lächelnd über diesem Liederabend schwebt.

    Nächste Vorstellungen: 31. März, 19.30 Uhr, 8. und 15. April, jeweils 19 Uhr. Karten gibt es unter Tel. (0 36 93) 451 222 oder 451 137. www.das-meininger-theater.de

    Von unserem Mitarbeiter Siggi Seuss

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