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    Gernach

    Goldgelbes Metall: Die Geburt der neuen Gernacher Glocken

    Es wird spannend: Das flüssige Metall ergießt sich aus dem Schmelzofen in die dafür vorgesehene Rinne. Wenn eine Glocke fertiggegossen ist, wird der nächste Kanal geöffnet, bis alle sechs Glocken fertig gegossen sind. Die Glockengießer müssen sich dabei auf ihr Gehör verlassen: am Geräusch des Metalls stellen sie fest, ob die Glockenform vollgelaufen ist. Erst dann wird der Zufluss zur nächsten Glocke geöffnet. Foto: Erhard Scholl

    Mit dem Bus haben sich 50 Gernacher gemeinsam auf den Weg gemacht. Ihr Ziel: Das Glockenmuseum in Greifenstein und anschließend die Glockengießerfirma Riecker in Sinn im Westerwald. Dort wartete ein Jahrhunderterlebnis auf die Gruppe: der Guss der drei neuen Glocken für die Kirche St. Aegidius in Gernach. Der war nötig geworden, weil die drei alten Glocken, die nach dem zweiten Weltkrieg angeschafft wurden, zu beschädigt waren, um sie weiterverwenden zu können (wir berichteten).

    Die drei Bronze-Glocken, die im Jahr 1908 gegossen wurden, waren während des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmt worden. Das geschah nicht, um sie für die Produktion von Waffen zu verwenden, sondern aus dem Bestreben des NS-Regimes heraus, seine Macht gegenüber der Kirche zu zeigen. Die kleinste Glocke, dem Schutzpatron der Gernacher Kirche geweiht, blieb erhalten und wird auch weiter läuten. Die anderen Glocken wurden auf sogenannte "Glockenfriedhöfe" verbracht, wo sie teils durch unsachgemäße Lagerung beschädigt, teils vom britischen Militär gegen Kriegsende zerstört wurden.

    Bevor man das Hauptziel der Fahrt, die Glocken- und Kunstgießerei Rincker im hessischen Ort Sinn ansteuerte, stattete man dem nahe gelegenen Museum "Glockenwelt" auf der Burg Greifenstein einen Besuch ab. Die Führung durch die Burg Greifenstein gibt einen Einblick in die wechselvolle Geschichte einer der größten deutschen Burgen, die nur durch den Einsatz der Mitglieder des Vereins Greifenstein-Freunde vor dem weiteren Verfall bewahrt werden konnte.

    Das besondere Augenmerk der Besucherinnen und Besucher richtete sich jedoch auf die Vielfalt der Glocken aus Gegenwart und Vergangenheit, die im Museum Glockenwelt, das seit 1984 besteht, zu sehen sind.   "Mit über 100 Glocken ist die Glockenwelt Burg Greifenstein die in ihrer Art bedeutendste Glockensammlung Deutschlands", ist in einem Prospekt der Burg zu lesen.

    Einblicke in die vielgestaltige Welt der Glocken im Museum Glockenwelt. Foto: Erhard Scholl

    Der Ursprung der Glocken liegt in China: schon vor 5000 Jahren gossen die Chinesen Glocken. Diese hatten noch keinen Klöppel, sie wurden von außen angeschlagen. Über Armenien, wo die  Glocken mit Klöppel angeschlagen wurden, kamen die Glocken dann zu uns, und wurden im vierten Jahrhundert nach Christus mit dem Christentum identifiziert.

    Im Mittelalter wurde eine Fülle von Glockenformen entwickelt. In Zeiten, als es noch keine Uhren gab, war der weithin schallende Klang der Glocken ein wichtiges Mittel der Orientierung: Der Klang der Glocken bestimmte den Tagesablauf nicht nur in den Klöstern, sondern auch in den Städten und auf dem Land: auch heute noch läuten die Glocken in vielen Gemeinden früh um 6 Uhr zur kirchlichen Gebetszeit der Laudes, um 12 Uhr (Sext) und um 18 Uhr (Vesper, Abendzeit).

    Besuch in der ältesten Glockengießerei Europas

    Der Glocken- und Kunstgießerei Rincker ist die älteste Glockengießerei Europas: Sie befindet sich seit etwa 1590 in Familienbesitz. Rincker hat schon Glocken für den Wormser Dom und den Hamburger Michel hergestellt, und auch die drei Glocken der Gernacher St. Aegidius-Kirche werden hier gegossen, zusammen mit den drei Glocken der evangelischen Gemeinde Reusch (Gemeinde Weigenheim, Landkreis Neustadt an der Aisch).

    Erklärt den Vorgang des Glockengießens sehr anschaulich am Modell: Christian Rincker. Er steht bereit, das Geschäft in 14. Generation weiterzuführen. Foto: Erhard Scholl

    Hans-Martin Rincker hieß die Besucher aus Gernach und Reusch, die den Guss "ihrer" Glocken miterleben wollten, willkommen. Darunter Pfarrer Dietrich Röhrs aus Weigenheim, der die Gemeinde Reusch mitbetreut, und Pfarrer Thomas Amrehn, der Seelsorger für Gernach ist. Eindringlich wies er darauf hin, dass es wichtig sei, während des Glockengusses absolute Ruhe zu bewahren: "Wir sind auf das Hören angewiesen, denn wir wissen nicht, was in den Glockenformen passiert." Etwa 25 Minuten mussten die Zuschauer allerdings noch warten, bevor die Legierung die nötige Temperatur von 1100 Grad Celsius hatte. Das Fauchen des Schmelzofens, die große Flamme über dem Kessel und die kleineren Flammen an der Seite des Schmelzofens waren beeindruckend.

    Fünf Tonnen Material, um sechs Glocken zu gießen

    Die Zuschauer kamen mächtig ins Schwitzen, und mancher war erstaunt über die Rauchflocken, die sich auf Kopf und Kleidern niederschlugen. Wie der Betriebschef informierte, wurden etwa fünf Tonnen Material in dem Brennofen für den Glockenguss erhitzt. Die Legierung, aus denen die Glocken gegossen würden, bestehe zu etwa 80 Prozent aus Kupfer, der Rest ist Zinn. Diese Legierung gewährleiste den besten Klang.

    Daneben sei die Form der Glockenrippen ausschlaggebend, dass die Glocke später genau den gewünschten Ton und die mit ihm verbundenen Untertöne erreicht. Als "Glockenrippen" werden die schmalen Holzformen bezeichnet, die als Modell für die Gestaltung der Glocken dienen. Ihre genauere Gestaltung und die Berechnung ihrer Form sind das Familiengeheimnis jeder Glockengießerei.

    In den Zuleitungskanälen ergießt sich das flüssige Metall hin zu den einzelnen Glockenformen, die etwa einen Meter tief eingegraben sind. Foto: Erhard Scholl

    Immer wieder wurde die Temperatur der Metalllegierung gemessen. Die Geduld der Besucher wurde auf die Probe gestellt, denn erst nach gut einer Stunde war die geforderte Ausgangstemperatur für das Metall erreicht. Das sei auch immer das Spannende beim Glockengießen, so Hans-Martin Rincker: Jeder Glockenguss verlaufe anders, man müsse immer wieder mit Überraschungen rechnen. Schließlich war es soweit, die erforderliche Temperatur erreicht. Nach dem Segensgebet, das Pfarrer Röhrs sprach, und dem Segen von Pfarrer Amrehn für die Glocken, die jetzt gegossen werden sollten, gab Hans-Martin Rincker den Schmelzofen frei, sodass sich das heiße, goldglänzende Metall in die vorbereiteten Kanäle ergoss. Gespannt verfolgten die Zuschauer das Geschehen.

    Wenn goldgelbe Flammen tanzen und Gase zischen

    Der Reihe nach öffneten die Mitarbeiter die Fünfmarkstück großen Öffnungen, über die das flüssige Metall in die Form floss, und die Öffnung, aus der Luft und Verbrennungsgase entweichen können. Aufmerksam beobachteten sie, wie sich das heiße Metall der Reihe nach in die vorbereiteten Glockenformen ergoss, die bis zu zweit Meter tief vergraben waren. Nur das Gehör sagte ihnen, wann genug Metall in die einzelne Glockenform eingeflossen war, sodass die Absperrung für die nächste Glocke freigegeben wurde. Über die Öffnungen, in die das flüssige Metall eingeflossen war, und die Entlüftungsröhre wurde ein Blechschild gehalten, denn immer wieder einmal nehmen die entweichenden Gase auch etwas flüssiges Metall mit.

    Ohne diese Abschirmung könnten Zuschauer von dem heißen Metall getroffen werden, auch kleinere, hoch erhitzte Metallteile können zu ernsten Verletzungen führen. Die goldgelb entweichenden Flammen aus den Öffnungen für einfließendes Metall und entweichende Gase der letzten Glocke signalisierten, dass der Glockenguss erfolgreich zu Ende gegangen war. Alle, die dieses historische Ereignis miterleben konnten, waren bewegt von dem Gesehenen und sangen "Großer Gott wir loben Dich", das Pfarrer Röhrs zum Abschluss des Glockengießens angestimmt hatte.

    Gebet um gutes Gelingen des Gießens der Glocken für die Glocken der Gemeinde Reusch und die St. Aegidius-Gemeinde Gernach. Ganz links im Bild Hans-Martin Rincker, der zusammen mit seinem Bruder Fritz-Georg die Firma Rincker leitet, anschließend Pfarrer Dietrich Röhrs und Pfarrer Thomas Amrehn. Foto: Erhard Scholl

    Wie Hans-Martin Riecker nach dem Glockenguss informierte, ist die Firma jetzt schon in der 13. Generation im Familienbesitz. Sein Sohn Christian stehe schon in den Startlöchern, um die Firma in der 14. Generation weiterzuführen. Zum Glockenguss informierte er, dass das Metall in dem Schmelzofen von oben erhitzt werde. Die Metalllegierung habe eine hohe Leitfähigkeit, sodass die Hitze schnell nach unten durchschlage.

    Der Schmelzofen könne maximal mit neun Tonnen Metall gefüllt werden. Wichtig sei, dass keine Fremdkörper oder anderes Metall die Legierung verunreinige: Auch kleine Verunreinigungen wirken sich schlecht auf den Klang der Glocke aus. So weit man jetzt sehen könne, sei der Guss der Glocken gelungen. Die endgültige Gewissheit könne man aber erst nach etwa zwei Wochen haben, wenn die Glocken freigelegt, gewaschen, von kleinen Unebenheiten befreit und dann von dem Glockensachverständigen geprüft würden, ob der gewünschte Ton und die Untertöne auch genau erreicht werden.

    Jede Glocke wird von einem Sachverständigen unter die Lupe genommen

    Diese Prüfung wird voraussichtlich der Glockensachverständige Sigurd Weich-Knop vornehmen. Dabei werde auf die Genauigkeit von 1/16 Halbton geprüft. Auch wenn kleine Abweichungen bei der einzelnen Glocke nicht auffallen, höre man die Dissonanzen beim Zusammenspiel des Geläutes der Glocken, die aufeinander abgestimmt sind. Die technischen Daten für die Gernacher Glocken: fis `+7, 776 kg , 1.56 m Durchmesser (Herz-Jesu-Glocke);  gis`+7, 545 Kilogramm, 1,46 m Durchmesser Marienglocke) ; ais`+5, 392 kg, 1,28 m Durchmesser (Aegidius-Glocke). Die vierte Glocke, der Heiligen Familie geweiht, ist die Glocke, die im Jahr 1908 gegossen wurde und in Harmonie mit den drei neuen Glocken erklingen wird.

    Nach den Ausführungen von Hans-Martin Riecker konnten die Besucher noch an einer Betriebsführung teilnehmen. Wer genauer wissen will, wie Glocken gegossen werden kann sich auf der Homepage der Firma Rincker darüber informieren. Angeregt durch die beeindruckenden Erlebnisse der Fahrt nach Greifenstein und nach Sinn machte man sich in guter Stimmung, der auch die Verspätung keinen Abbruch getan hatte, wieder auf den Weg in die Heimat.

    Die Gernacherinnen und Gernacher, aber auch Gäste aus anderen Ortschaften stellten sich für ein Erinnerungsfoto in der Glockengießerei Rincker im hessischen Sinn zusammen. Der Guss der drei Glocken für die Gernacher St. Aegidius Kirche wird wohl allen, die dies miterleben durften, für immer in Erinnerung bleiben. Foto: Erhard Scholl

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