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    Gerolzhofen

    Häuslebauer prangern "Vertrauensbruch" an

    In unmittelbarer Nähe der stillgelegten, aber noch nicht entwidmeten Bahnstrecke entsteht in Gerolzhofen derzeit das Neu... Foto: Klaus Vogt

    Der Sinneswandel von Bürgermeister Thorsten Wozniak und der Mehrheit des Gerolzhöfer Stadtrats bezüglich einer Wiederbelebung der stillgelegten Bahnstrecke stößt Anwohnern im Scarlinoweg im Neubaugebiet "Nützelbach I" bitter auf. Sie werfen insbesondere dem Bürgermeister in einem Gespräch mit dieser Redaktion "Vertrauensbruch" vor. Ihr Vorwurf: Wozniak habe zu dem Zeitpunkt, als die Grundstücke in dem Neubaugebiet von der Stadt für teures Geld an die Bauwerber verkauft wurden, stets behauptet, die Wahrscheinlichkeit einer Reaktivierung der immer mehr verfallenden Zugstrecke "tendiere gegen Null". Nun aber, nachdem alle Grundstücke an den Mann gebracht seien, habe Wozniak plötzlich eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen und plötzlich für die Rücknahme des schon eingereichten städtischen Entwidmungsantrags der Bahnlinie gestimmt. 

    Die Stadt Gerolzhofen habe in der Vergangenheit "Nützelbach I" als ein "naturnahes, ruhiges und unverbaubares Baugebiet" beworben, sagt Fabian Drescher, der im Neubaugebiet ein Eigenheim für seine Familie errichtet hat. Dies habe selbst überregional zu einem hohen Interesse geführt und Neubürgerinnen und Neubürger nach Gerolzhofen gebracht. Die angepriesenen Vorzüge des Baugebiets hätten Bürgermeister und Stadtrat dann auch dazu veranlasst, Grundstückspreise zu verlangen, die die teuersten sind, die jemals von der Stadt aufgerufen wurden. Je nach Lage in dem Baugebiet seien zwischen 126 und 146 Euro pro Quadratmeter verlangt worden, berichtet Drescher. Vor der Erschließung und Bewerbung von "Nützelbach I" hätten die städtischen Preise noch bei 95 Euro gelegen, so zum Beispiel im Bereich der Weißen Marter. "Das entspricht einer Steigerung von teilweise knapp 50 Prozent", rechnet Drescher vor.

    "Aktiv den Eindruck erzeugt"

    Auf vielfache Rückfrage vieler Bauwerber bezüglich der direkt angrenzenden Bahnlinie hätten sowohl Bürgermeister als auch Stadtverwaltung immer "aktiv den Eindruck erzeugt, dass die Wahrscheinlichkeit der Reaktivierung der Bahnstrecke gegen Null tendiert", betont Fabian Drescher. Es sei zwar nichts ausdrücklich versprochen worden, aber: "Wie sonst hätte man die festgesetzten horrenden Preise im Allgemeinen, sowie die höheren Preise besonders für die Randgrundstücke im Speziellen sonst auch rechtfertigen können?"

    Jetzt sind es besonders die Käufer der teuersten Grundstücke am Rande des Baugebiets, die die Kehrtwende der Stadtratsmehrheit und des Bürgermeisters nicht verstehen können. Denn sie fürchten, besonders stark beeinträchtigt zu sein, falls der Zugverkehr auf den Gleisen wieder aufgenommen wird. "Durch eine Bahnstrecke in unmittelbarer Nähe der Neubausiedlung ist mit erheblichen Wertminderungen der Immobilien zu rechnen beziehungsweise sind diese durch die Kehrtwende des Stadtrats und Bürgermeisters bereits eingetreten", heißt es in einem Schriftstück, in dem Anwohner des Neubaugebiets ihren Standpunkt zusammengefasst haben.

    Besonders die Bauherren, die die von der Stadt als besonders reizvoll vermarkteten und damit teuren Randgrundstücke erworben haben, sehen sich nun durch die Bahnstrecke "den größten qualitativen und finanziellen Einbußen gegenüber", sagt auch Gert Drost, der mit seiner Ehefrau Christina am Scarlinoweg ein Haus errichtet hat. Kein Wunder, dass die Stimmung im Neubaugebiet schlecht ist. Mehrere Bauherren hätten wegen der jüngsten Diskussionen und Entscheidungen des Stadtrats ihren geplanten Hausbau erst einmal auf Eis gelegt. Sie warten ab. "Die Baupläne und Bauanträge sind zwar schon fertig, aber sie werden nicht eingereicht", berichtet Fabian Drescher, dessen Haus allerdings schon steht. Und: "Mehrere Anwohner erwägen sogar schon einen Verkauf der Immobilie."

    "Lärm und Gefahren"

    Das Baugebiet werde, falls wieder Züge fahren, durch "Lärm und Gefahrenstellen, vor allem für die hier aufwachsenden und spielenden Kinder, unverantwortlich belastet", sagt Gert Drost. Dies gelte aber nicht nur für den Scarlinoweg, sondern auch für die Wohngebiete entlang der unteren Berliner Straße sowie im Baugebiet "Weiße Marter". 

    Den Anwohnern sei natürlich bewusst, dass weder Stadtrat noch Bürgermeister das letzte Wort über die Zukunft der Bahnstrecke sprechen werden. Die Eigentümer der nagelneuen Häuser appellieren jedoch an Thorsten Wozniak und die Stadträte, "zur ursprünglich anvisierten Entwidmung der Strecke zurückzukommen - und damit den Versprechungen gegenüber den Bauherren hinsichtlich der Vorzüge des Baugebiets wieder gerecht zu werden!"

    Missverständnisse?

    Bürgermeister Thorsten Wozniak schreibt in einer von der Redaktion erbetenen Stellungnahme: "Bei Grundstücksgesprächen wurde seitens der Stadt bei Nachfragen zu den vorhandenen Gleisen darauf hingewiesen, dass auf der Bahnstrecke der Bahnbetrieb 'jederzeit' erfolgen könne." Er habe bei den Gesprächen auch darüber informiert, dass der Stadtrat im Jahr 2016 per Beschluss die Freistellung von Bahnbetriebszwecken beantragt habe und dass seit vielen Jahren kein Zug mehr auf der Strecke gefahren ist. "Sollten hierbei Missverständnisse aufgekommen sein, stehe ich gerne für persönliche Gespräche zur Verfügung, weil ich immer der Meinung bin, miteinander zu reden ist besser als übereinander."

    Aktuell werde über eine Verbesserung der Mobilität im ländlichen Raum gesprochen, unter anderem auch aufgrund des Koalitionsvertrages der neuen bayerischen Landesregierung, die explizit die ländlichen Räume stärker fördern will, schreibt Wozniak weiter. "An einer Verbesserung der Mobilität ist natürlich auch Gerolzhofen als Mittelzentrum in peripherer Lage interessiert." Dazu könnten Express-Buslinien ebenso gehören wie eine Bahnstrecke. Deshalb habe der Stadtrat beschlossen, eine Potenzialanalyse der staatlichen Bayerischen Eisenbahngesellschaft zu befürworten. Nach dem Vorliegen dieser Potenzialanalyse soll diese dem Stadtrat zur Beratung vorgelegt werden.

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