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    Schweinfurt

    Herzinfarkt: Die Zahl der Toten könnte verringert werden

    Leopoldina-Arzt-Patienten-Seminar: Chefarzt Prof. Dr. Karl Mischke wirbt für mehr selbstverantwortliche Vorbeugung
    Herzinfarkt: Die Zahl der Toten könnte verringert werden
    Foto: Thinkstock

    Die Vorbeugung von Herz- und Kreislauferkrankungen, in der Fachsprache "Kardiovaskuläre Prävention", war Thema beim jüngsten Leopoldina-Arzt-Patienten-Seminar. Prof. Dr. Karl Mischke, Chefarzt der Medizinischen Klinik I, berichtete zunächst von seiner Teilnahme an der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in Paris. Dort wurden neue Leitlinien für die Behandlung von Diabetes, hohen Fettwerten, Herzrhythmusstörungen, koronarer Herzkrankheit und Lungenembolie festgelegt.

    Beispiel Diabetes. Die Lebenserwartung verkürzt sich beim Vorliegen eines Diabetes um sechs Jahre, bei Diabetes und Herzinfarkt um zwölf Jahre. Der bisher tolerierte moderate Alkoholkonsum wird nicht mehr explizit empfohlen. Kaffeegenuss ist in Ordnung, unbedingt regelmäßig Sport, vollständiger Verzicht auf Nikotin.

    Neues Medikament bei Herzinsuffizienz

    Nach den neuen Leitlinien gehören zu einer modernen Diabetes-Behandlung: 1. Zielblutdruck bis 120/80 mmHg, bei einem Alter über 65 Jahre 120-130/80 mmHg. 2. Cholesterinsenkung in Abhängigkeit vom Risiko. Bei sehr hohem Risiko (etwa Diabetes länger als 20 Jahre, Diabetes und koronare Herzkrankheit) Ziel LDL unter 55 mg/dl. Bei hohem Risiko (Diabetes länger als zehn Jahre) Ziel LDL unter 70 mg/dl. 3. Einsatz von SGLT 2-Hemmern und GLP 1-Analoga (Blutzucker senkende Wirkstoffe). Neu vorgestellt wurde der SGLT 2-Hemmer Dapaglifloxin zur Behandlung der Herzinsuffizienz bei Diabetikern und Nicht-Diabetikern. Das Medikament befinde sich allerdings erst im Off-Label-Status (noch keine Zulassung), betont Mischke.

    Zurück zur Vorbeugung von Herz- und Kreislauferkrankungen. Bei den Todesfällen in Deutschland 2017 standen diese Erkrankungen mit 37 Prozent an der Spitze, gefolgt von Krebserkrankungen mit 24,4 Prozent. Jeden Tag erleiden 745 Menschen in Deutschland einen Herzinfarkt. Das sind im Jahr 272 000 Menschen – "so viel wie die Einwohner einer Stadt wie Bonn oder Halle", sagt Mischke. "Und über 60 000 Menschen sterben jedes Jahr daran, das müsste nicht so sein", so der Chefarzt.

    Herzinfarkt aus heiterem Himmel?

    Ein Herzinfarkt ist der plötzliche Verschluss eines der Herzkranzgefäße, die den Herzmuskel mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen. Begünstigt wird der Infarkt durch Rauchen, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Bewegungsmangel, Bluthochdruck und Zuckerkrankheit. Nicht beeinflussbare Risiken sind Geschlecht, Alter und genetische Ursachen. Frühe Warnsignale für einen Herzinfarkt sind Druck im Brustkorb oder Atemnot bei starker Belastung.

    Man erkennt einen Herzinfarkt an schweren, länger als fünf Minuten anhaltenden Schmerzen im Brustkorb, die in Arme, Schulterblätter, Hals, Kiefer, Oberbauch ausstrahlen können. Außerdem an einem Engegefühl, heftigem Druck und Brennen im Brustkorb, Atemnot. Zusätzlich Übelkeit, Brechreiz und Angst. Schwächegefühl (auch ohne Schmerz), eventuell Bewusstlosigkeit, blasse fahle Gesichtsfarbe, kalter Schweiß. Nächtliches Erwachen mit Schmerzen im Brustkorb ist ein besonderes Alarmzeichen. Zwar ist bei Männern und Frauen das Leitsymptom einengender Brustschmerz, der in beide Arme ausstrahlt, gleich, doch bei Frauen sind alleinige uncharakteristische Beschwerden häufiger als bei Männern: Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen, Atemnot und Erschöpfung.

    Herzinfarkt: Sofort Notruf 112 wählen

    Keine Scheu vor Fehlalarm, nicht der Erkrankte entscheidet, sondern der Arzt. Niemals abwarten: Nicht in der Nacht auf den Morgen warten, niemals an Wochenenden auf den Montag. Sofort Rettungswagen, Telefon 112, alarmieren, Verdacht auf Herzinfarkt deutlich äußern, weil sonst ein einfacher Krankenwagen kommt. In dieser Situation kann weder der Hausarzt oder der Ärztliche Notdienst helfen. Beides kann hier lebensrettende Zeit kosten.

    Denn jede Minute zählt, weil nur ein schneller Eingriff ein Absterben des Herzmuskelgewebes begrenzen kann. Die Ziele der Infarktbehandlung sind rasche Wiederherstellung der Durchblutung, Begrenzung der Infarktgröße, Verbesserung des klinischen Verlaufs und der Diagnose sowie Erhaltung der linken Herzkammer. Die effektivste und sicherste Therapie besteht in der Wiedereröffnung des verschlossenen Herzkranzgefäßes durch die Herzkatheter-Technik. Je früher, desto besser!

    Doch die Katastrophe ist nicht unausweichlich, sagt Mischke, der Infarkt ist überwiegend eine Folge unseres Lebensstils: Wir essen zu viel und zu fett, wir bewegen uns zu wenig, wir hetzen uns ab, viele rauchen. Der Kardiologe empfiehlt fünfmal pro Woche je 30 Minuten eine Ausdaueraktivität in einer Sportart, die Spaß macht, möglichst mit einem Partner. Dazu Fahrrad statt Auto, keine Rolltreppe, keine Aufzüge. Abschließend erläutert er die viel zitierte Mittelmeerküche: viel Gemüse, Salat, Kräuter, Obst, Hülsenfrüchte. Hoher Anteil an komplexen Kohlehydraten: Brot, Pasta, Reis, Kartoffeln, Vollkornprodukte, magere Milchprodukte, wenig Fleisch, eher Fisch.

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