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    „Hey, ich bin normal“

    „Hey, ich bin normal“ heißt das Buch, das (von rechts) Leonie, Traumpädagogin Wilma Weiß, Anita und AWZ-Geschäftsführeri... Foto: Daniela Schneider

    Als die renommierte Traumapädagogin Wilma Weiß 2015 die Mädchen und jungen Frauen in ihrer Festrede zum 50. Jubiläum des heilpädagogisch-therapeutischen Antonia-Werr-Zentrums (AWZ) als „liebe Expertinnen für herausfordernde Lebensumstände“ begrüßte, war ihr wahrscheinlich nicht bewusst, welchen Stein sie mit ihren Worten ins Rollen bringen würde. Nicht sie, die Mädchen und jungen Frauen, sondern die jeweiligen Lebenssituationen seien „un-normal“, die herausgeforderten Reaktionen dagegen völlig normal. Ein „Aha-Erlebnis“, aus dem die Idee zum Buchprojekt „Hey, ich bin normal“ entstand.

    Initiatorin ist die mittlerweile 19-jährige Anita, so heißt sie im Buch, Mitautorin ist die 21-jährige Leonie. Gemeinsam mit den beiden Co-Autorinnen Wilma Weiß und AWZ-Gesamtleiterin Anja Sauerer stellten die beiden jungen Frauen beim Sommerfest das kürzlich veröffentlichte Buch vor.

    Neue Pfade der Traumabewältigung

    Mit „null Bock“ ist Anita 2015 zu diesem Jubiläumsfestakt, wie sie in der Lesung erzählt. Heute sagt sie „zum Glück“, denn die Worte der Festrednerin hätten tief in ihr ein Gefühl geweckt. Sie beschließt, das Buch der Traumapädagogin „Phillip sucht sein Ich“ zu lesen. Ein „zähes Unterfangen“ gibt sie schmunzelnd zu, deshalb bittet sie Weiß, doch mal etwas zu schreiben, das auch Jugendliche leicht verstehen. Die schlägt die gemeinsame Arbeit auf Augenhöhe vor und setzt damit einen Prozess in Gang, der im Antonia-Werr-Zentrum einen „Paradigmenwechsel in der pädagogischen Haltung“ einläutet, wie es Geschäftsführerin Anja Sauerer beschreibt.

    Gemeinsam mit den Mädchen begibt sich die Organisation auf neue Pfade der Trauma-Bewältigung. Die Beschäftigung mit den eigenen Lebensumständen, im Buch werden sie bezeichnenderweise „Schlamassels“ genannt, setzt einen heilsamen Verständnisprozess in Gang, den die sechs jungen, unter Pseudonymen schreibenden Autorinnen mit anderen teilen möchten.

    In Workshops entstand das Gerüst zum Buch

    Im Vorfeld stand die Frage: Was brauchen wir, um dieses Buch zu schreiben. Erarbeitet wurde das Gerüst in Workshops über das dreigliedrige Gehirn, Dissoziation und Selbstregulation. Die Mädchen verstanden die relevanten Informationen schnell, schließlich sind sie ja, wie Weiß erläutert, Expertinnen auf dem Gebiet der Überlebensstrategien. Mit dem Wissen kommt die Erkenntnis, dann die Erleichterung, nicht alleine und schon gar nicht anders, sondern einfach ganz normal zu sein in der Reaktion auf eine schwierige Situation.

    Die Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte sei „harte Arbeit“ gewesen, mit vielen „wahrhaftigen, authentischen, zutiefst emotionalen und magischen Momenten“ – auch für die pädagogischen Profis Sauerer und Weiß, die außer einigen sprachlichen Korrekturen nichts verändert haben. Für das Lesen gibt es eine Gebrauchsanweisung, schon weil die Autorinnen wissen, dass Jugendliche mit einer ähnlich herausfordernden Lebenssituationen während der Lektüre an ihre Grenzen stoßen werden. Im heimeigenen Lui-Rat lesen sie sich gegenseitig die „Schlamassels“ vor und verstehen, wieso der jeweils andere so „tickt“.

    Vieles ist jetzt leichter zu bewältigen

    Vieles sei für sie heute – nach diesem Buch – „leichter“ zu bewältigen, auch der Umgang mit anderen in ähnlichen Lebenssituationen. Anita sagt sogar: „Alles, auch das Schlimme, hat einen Sinn gehabt, sonst wäre ich heute nicht hier, nicht so wie ich bin, hätte Wilma nicht getroffen und dieses Buch nie geschrieben, ich bin sehr stolz darauf.“

    Das Feedback zum Buch ist überwältigend, von der Landtagspräsidentin Barbara Stamm bis zur bayerischen Familienministerin Kerstin Schreyer reichen die Glückwünsche. 2016 hat das Buchprojekt den bayerischen Sozialpreis der Bayerischen Landesstiftung erhalten, doch noch wichtiger sind den Autorinnen die Stimmen aus den eigenen Reihen. Oft würden sie jetzt von anderen um Rat gefragt, sind mittlerweile im AWZ ganz offizielle Expertinnen auf ihrem Gebiet. „Und das tut gut“, stellen Leonie und Anita mit einer soliden Portion Selbstvertrauen fest.

    Hinweis: Das Fachbuch „Hey, ich bin normal“ der Herausgeberinnen Wilma Weiß/Anja Sauerer ist im Belz Juventa Verlag erschienen und kann im Buchhandel oder direkt im Antonia-Werr-Zentrum erworben werden.

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