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    Schonungen

    Hochgiftig: Warum das Maiglöckchen im Apothekergarten wächst

    Die schwarze Holzbiene nascht am Muskateller-Salbei. Nicht nur die Flora im Apothekergarten ist außergewöhnlich, sondern auch die Tierwelt, die dort zu finden ist. Foto: Ursula Lux

    Wer kennt sie noch die alten Hausmittelchen der Oma? Generationen vor uns wussten die Natur noch zu schätzen. Wertvolle Arzneipflanzen wuchsen an den Straßen und Wegen, und nicht nur der Apotheker machte daraus Medizin. In unserer hochtechnisierten und naturfeindlichen Welt sind die Wegränder sauber, immer mehr Flächen versiegelt. Monokulturen und Schädlingsbekämpfungsmittel tun ein Übriges, um die Naturlandschaft zu verändern. Das von Generation zu Generation weitergegebene Wissen über die Heilkraft der Pflanzen ist ebenfalls weitgehend verloren gegangen.

    Dagegen wollten der ehemalige Apotheker Fritz Schumm und Franz Mack von den Naturfreunden ein Zeichen setzen. Sie sind die Pioniere des Schonunger Apothekergartens, einer Gemeinschaftsinitiative der Gemeinde, Bürgerstimme Dorfgestaltung und der Apotheke. Bis heute unterstützt der Apotheker den Garten mit einer jährlichen Spende von 1000 Euro. Geld, das gebraucht wird, beispielsweise um Pflanzen nachzukaufen oder Schilder zu erneuern. Im Rahmen der Bayern-Tour-Natur des Bayerischen Umweltministeriums stellten sie den Apothekergarten vor.

    Sie hegen und pflegen den Apothekergarten Schonungen (von links): Norbert Schmalzl, Bernd Jung und Friedrich Schumm. Foto: Ursula Lux

    Nach rund zehn Jahren Planung und Vorarbeit wurde der Apothekergarten in den Bachgärten 2012 eröffnet. Heute kümmern sich Fritz Schumm, Norbert Schmalz, Bernd Jung und Jürgen Flier um die Anlage. Flier ist der Chef, er ist Diplombiologe und hat das ökologische Konzept für den Garten erarbeitet. "Und uns auch mal zusammengeschissen, wenn wir was Verkehrtes rausgerupft haben", erzählt Schmalzl lachend. Am Anfang sei dies öfters vorgekommen, erklärt Schumm. Inzwischen aber sind die vier ein eingespieltes Team. Im Laufe der Jahre haben sie ein Gespür für die Pflanzen bekommen, und jeder hat sein Lieblingsbeet.

    Arzneipflanzen bevorzugen karge Böden

    Jung erinnert sich noch gut an die Anfänge. Früher befand sich ein gemeindlicher Garten auf diesem Grundstück. Als die Idee vom Apothekergarten aufkam, stellte die Gemeinde das Gelände der Bürgerstimme zur Verfügung. Zuerst mussten die Bodenverhältnisse verändert werden. Denn für Heilkräuter war die Erde in den Bachgärten viel zu fruchtbar. "Arzneipflanzen bevorzugen eher karge Böden", erklärt Schumm. Also wurde der Boden mit Abmagerungssubstrat behandelt.

    Im blühenden Apothekergarten fühlen sich auch Insekten wohl. Diese Biene holt sich ihren Nektar am Madisüß. Foto: Ursula Lux

    Heute ist der Garten ein ökologisches Kleinod. Er bewahrt nicht nur altes Wissen, sondern hat auch so manche Überraschung zu bieten. So gibt es beispielsweise ein Ruderalbeet, das wird nur einmal umgestochen und dann sich selbst überlassen. Heuer wachsen dort unter anderem Färberwaid und Färberröte, aber auch Löwenmäulchen Wicken und Ochsenzungen. Es sei jedes Jahr etwas anderes, was hier gedeihe, erklärt Schumm.

    Ein Blick in den Duftgarten, der nicht nur für die Nase, sondern auch fürs Auge ein Genuss ist. Foto: Ursula Lux
    Die Blüten der Königskerze lindern Erkältungssymptome. Foto: Ursula Lux

    Am anderen Ende des Gartens riecht es kräftig. Hier blühen Duftpflanzen wie Salbei oder Lavendel mit einem hohen Anteil ätherischer Öle. Sie sind durch ihre Wirkungsbreite besonders wichtig für die Arzneimittelherstellung und nicht nur Bestandteil hunderter von Heilmitteln, sondern auch in der Kosmetikindustrie und bei der Parfümherstellung gefragt. Die Pflanzen stammen eigentlich aus Südosteuropa, erklärt Schumm. Sie brauchen also viel Hitze. Angesichts des Klimawandels fühlen sie sich inzwischen in hiesigen Breiten wohl. Neben dem Duftgarten ranken sich Gehölze und Stauden empor, Arzneipflanzen die wegen ihrer Größe nicht in die Beete passen. Hunds- und Essigrose wachsen hier zusammen mit Schlehen, Holunder, Eibisch und Wacholder. Und mitten im Gebüsch ist eine Greifvogelstange. Auch an die Tierwelt wird im Apothekergarten gedacht. Und diese ist bunt. Der Muskateller-Salbei beispielsweise hat immer einen besonderen Gast. Seine blassblaue Farbe zieht die schwarze Holzbiene an, ein an Hummeln erinnertes Insekt mit schwärzlichen, violett irisierenden Flügeln.

    140 Arzneipflanzen sind im Apothekergarten zu finden

    Je nach gesundheitlichen Beschwerden finden die Besucher in den Themenbeeten die rechte Heilpflanze, die Informationstafeln geben hierbei Wegweisung. Foto: Ursula Lux
    Seit der Jungsteinzeit wird der Mohn als Betäubungsmittel genutzt. Es ist eine der ältesten Arzneipflanzen. Foto: Ursula Lux

    Der Muskateller-Salbei steht in einem der Themenbeete, die vor allem informieren wollen. Dort finden sich allein sieben verschiedene Arten von Salbei, Küchenkräuter, Gewürz- und Teepflanzen und vieles mehr. Infotafeln erklären die Pflanze und ihre Wirkung. Welches Kraut hilft bei Herz-,  Kreislauf- oder Nervenbeschwerden? Was ist gut bei Husten und Atemwegserkrankungen? Was unterstützt die Funktion von Magen und Darm? Hier kann sich jeder informieren. 140 Arzneipflanzen sind im Garten zu finden und werden vorgestellt, dabei fehlt auch das Totenkopfschild nicht. Beispielsweise bei den Maiglöckchen, die hochgiftig und gleichzeitig hocheffektiv bei Herzerkrankungen sind. Es ist eben, wie schon Paracelsus wusste, die Dosis, die das Gift macht.

    Bayern-Tour-Natur
    Seit 2001 lädt das Bayerische Umweltministerium alljährlich Naturführer aus Vereinen, Verbänden, Bildungseinrichtungen, Behörden und Kommunen dazu ein, den Menschen die heimische Naturvielfalt auf spielerische und erlebnisreiche Weise näher zu bringen. Jedes Jahr beteiligen sich bis zu 1000 Veranstalter aus ganz Bayern an der Aktion. Erstmalig fand die Bayern-Tour-Natur als landesweiter "Tag der offenen Natur" mit 450 Veranstaltungen am 20. Mai 2001 statt. Aufgrund des großen Zuspruchs wurde die Aktion in den Folgejahren regelmäßig wiederholt, zunächst jeweils an wenigen Tagen im Frühling. Ab 2005 wurde der Zeitraum bis Ende Oktober ausgedehnt. Umfang und Vielfalt des Programms wuchsen seitdem stark an. Inzwischen bietet die Bayern-Tour-Natur jedes Jahr bis zu 7000 Veranstaltungstermine. Sie gilt als die größte Umweltbildungsaktion Deutschlands.
    Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz

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