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    Schweinfurt

    Holocaust-Überlebende: "Jeder hat uns Wunder genannt"

    Eva Umlauf zu Gast an der Friedrich-Fischer-Schule in Schweinfurt: Die Holocaust-Überlebende las aus ihrem Buch "Die Nummer auf deinem Unteram ist blau wie deine Augen". Foto: Lisa Marie Waschbusch

    Eva Umlauf wurde ohnmächtig, als man ihr die Nummer A-26959 auf den Unterarm tätowierte. Es war der 3. November 1944, als sie mit ihrer schwangeren Mutter nach Auschwitz-Birkenau kam. Sie waren die ersten, die nicht direkt vergast wurden. Und sie waren die letzten, die überhaupt in das Konzentrationslager deportiert wurden, bevor es die Rote Armee im Januar 1945 befreite. Umlauf war zu diesem Zeitpunkt fast zwei Jahre alt.

    Heute ist sie 76, lebt in München und ist vielleicht eine der jüngsten Holocaust-Überlebenden. "Ich habe keine Erinnerung an die Szene, aber ich glaube die Nadel beim Eindringen in die Haut zu spüren", liest sie aus ihrem Buch "Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen" vor. Die Schüler der Friedrich-Fischer-Schule in Schweinfurt folgen ihren Worten aufmerksam. Nach einem Herzinfarkt 2014 beschloss sie, ihre Geschichte aufzuschreiben – anhand von Erzählungen, Interviews und Archivdokumenten. 

    Umlauf kam im Arbeitslager Novaky zur Welt

    Umlauf wurde am 19. Dezember 1942 im Arbeitslager Novaky in der Slowakei geboren. Ihre Mutter arbeitete dort als Schneiderin, ihr Vater als Buchhalter. Umlauf war das erste von fünf Kindern, die in Novaky zur Welt kamen. In den schweren Kriegsjahren sei es ein Glück gewesen, ein Kind zur Welt zu bringen, sagt sie. Doch von dort aus fuhren die Züge nach Auschwitz, weshalb sie ihren Geburtsort auch als "eine Idylle im Schatten des Todes" bezeichnet. Das habe sie mal gelesen und als sehr passend empfunden.

    Ihre Eltern wurden in Auschwitz getrennt, sie selbst kam auf die Kinderstation von dem später für seine Menschenversuche bekannten Arzt Josef Mengele. Nach der Befreiung im Januar 1945 waren Umlauf und ihre schwangere Mutter zu krank für einen Transport, dem Tode nah. Der Vater starb auf einem Todesmarsch. Doch Umlauf und ihre Mutter überlebten, im April 1945 kam ihre Schwester Nora in Auschwitz zur Welt.

    Umlauf beantwortete nicht nur Fragen über ihre Geschichte und ihr Buch, sondern gab auch Einschätzungen zu aktuellen Antisemitismus-Debatten. Foto: Lisa Marie Waschbusch

    Sie erinnert sich, wie sie mit ihrer Schwester durch die slowakische Stadt lief, in die sie nach dem Krieg zurückkehrten, wie die Leute stehen blieben und sagten: Ach, sie leben noch. "Jeder hat uns Wunder genannt", erinnert sie sich. "Wir haben Bonbons bekommen und wurden auf den Kopf getätschelt." Was ein Wunder ist und warum sie eins sein sollen, das wurde ihr erst viel später klar.

    Seit 2011 tritt sie als Zeitzeugin auf

    Umlauf studierte Medizin und arbeitete in München als Kinderärztin, anschließend als Psychotherapeutin. Ob ihr beruflicher Werdegang ihr geholfen hat, das Erlebte selbst besser zu verarbeiten? "Das ist eine Frage, die ich mir selbst oft gestellt habe", sagt sie. Medizin habe sie schon immer studieren wollen. Es sei bestimmt ein unbewusster Wunsch gewesen, den Kindern zu helfen, weil sie selbst als Kind so schwer krank war. Erst 2011 ging sie beim 66. Jahrestag in Auschwitz als Zeitzeugin in die Öffentlichkeit.

    "Ich kenne meinen Körper nur mit dieser Nummer. Sie gehört zu mir wie jedes Muttermal, jede Falte, jede Narbe."
    Eva Umlauf, Holocaust-Überlebende

    Es ist still im Raum nach dem Vortrag von Eva Umlauf. Doch die Schüler sind neugierig. Sie fragen sie über ihr Buch, über ihre Familie, über ihre Geschichte, aber sie fragen sie auch, wie ihre Reaktion auf den Anschlag in Halle war. "Ich habe es nicht für möglich gehalten", antwortet die 76-Jährige. "Ich glaube, dass der Antisemitismus immer war, aber jetzt ist er laut. Jetzt wird er durchgeführt." Und sie äußert einen klaren Appell an die Schüler: "Man muss sich bewusst sein, wen man wählt. Die Zukunft liegt in euren Händen."

    Das Tattoo am Arm trägt sie heute noch. Anders als andere Überlende ließ sie die Nummer nicht entfernen. "Ich kenne meinen Körper nur mit dieser Nummer. Sie gehört zu mir wie jedes Muttermal, jede Falte, jede Narbe." Umlauf versucht in ihrem Tattoo etwas Positives zu sehen: Dadurch, dass Kinder in Auschwitz nach ihren Eltern tätowiert wurden, könne man nicht sinnbildlicher ausdrücken, dass sie und ihre Mutter zusammengehören. "Meine Neun folgt auf ihre Acht." Sie hält es für undenkbar, die Auschwitz-Nummer jemals ablegen zu können. Wenn man sie entferne, sei sie zwar nicht mehr zu sehen, doch im "tiefen Inneren bleibt dieses Brandmal immer erhalten".

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