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    SÖMMERSDORF

    Im Altenheim der Eichen

    Ohne Karte und Kompass gehen wir durch das Münsterholz bei Sömmersdorf. Immer gerade aus. Dichtem Jungholz weichen wir aus. Georg Rüttiger, seit Jahren engagierter Naturfreund und Mitglied in mehreren der Natur besonders verbundenen Vereinen und Verbänden, hat ein Maßband, Block und Stift mitgebracht. Gestoppt wird an jeder Eiche. Wir messen den Umfang und errechnen Durchmesser und Alter. Das Ergebnis der Stichprobe ist eindeutig: Keine einzige Eiche im Alter von zehn bis 30 Jahren hatte sich uns in den Weg gestellt. Einer von 30 Bäumen war den 30- bis 60-Jährigen zuzuordnen. Zwanzig Eichen stehen seit mindestens 60 Jahren, neun Bäume seit über 100 Jahren.

    Augenwischerei

    Das sei ein Altenheim der Eichen, meint Rüttiger, der die Redaktion zum Gang durch das 20 Hektar große Waldstück eingeladen hatte, das das städtische Forstamt im Mai per Hubschrauber und mit dem Häutungsbeschleuniger Mimic gegen den Schwammspinner hatte bekämpfen lassen. Für Rüttiger steht fest, dass mit der chemischen Keule „das Pferd von hinten aufgezäumt“ wurde.

    Rüttiger stuft die Aktion als Augenwischerei ein, die das Problem der Überalterung des Eichenwaldes verschleiern solle. Die Stadt, die den Wald 1990 gekauft hatte, habe sich nicht um den Nachwuchs gekümmert. Den produziere die Eiche im ehemals adeligen Münsterholz reichlich, doch die jungen Bäume kämmen nicht hoch, weil das Reh sie verbeiße, weil der Stadtforst nicht genügend jage oder jagen lasse und die kleinen Eichpflanzen auch nicht durch Zäune schütze. „Schießen oder zäunen, nicht spritzen“, fordert Rüttiger.

    Chancenlos

    Ein Blick in das Unterholz zeigt, dass vor allem die Buche, aber mitunter auch die Kirsche oder der Ahorn, aus dem Verbissbereich herauswachsen. Die vielen kleinen und kleinsten Eichen im Münsterholz sind verbissen, fristen ein Dasein als Bodendecker. Dass die Eiche vor über 100 Jahren bessere Chancen hatte, erklärt Rüttiger mit einer damals intensiveren Jagd in den Brennholzbeständen.

    Immer mehr Rehe

    Die hohen Rehbestände sind für Rüttiger kein spezielles Problem in dem 20 Hektar Wald bei Sömmersdorf, auf denen der Schwammspinner mit Mimic bekämpft wurde. Seit den 1970er Jahren seien die Rehbestände deutschlandweit stetig gewachsen und hätten sich annähernd verdoppelt. Dies lasse zumindest die Jagdstrecke vermuten. Während in den 1970er Jahren noch zwischen 500 000 und 700 000 Rehe geschossen wurden, waren es in den letzten Jahren stets über eine Million Tiere. Die Verluste durch Straßenverkehr und landwirtschaftliche Arbeiten beziffert Rüttiger für Deutschland auf 300 000 Stück. Diese Zahlen ließen den Rückschluss zu, dass in Deutschlands Wäldern fünf bis sechs Millionen Rehe stünden. „Viel zu viele“, sagt Rüttiger und: „Vor allem für den Eichenwald“, weil Eichenlaub wie auch Tannengrün für die Rehe Leckerbissen seien.

    Eine Vernachlässigung der Eichenwälder sieht Rüttiger im Zusammenhang mit dem Klimawandel besonders kritisch. Die Eiche gilt als Hoffnungsträger bei der Klimaerwärmung, auch da diese weniger Wasser als die Buche verbraucht, weil sie weniger Blattwerk hat und weniger Wasser verdunstet.

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