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    Gernach

    Im Rollstuhl sieht die Welt anders aus

    Sieht für den Nicht-Rollstuhlfahrer harmlos aus, ist aber im Rollstuhl eine echte Herausforderung Foto: Erhard Scholl

    Die Welt sieht anders aus, wenn man im Rollstuhl sitzt: das war die eindrückliche Erfahrung, die die Frauen und Männer der Nachbarschaftshilfe Gernach machten, als sie sich probeweise in einen Rollstuhl setzten und einen kleinen Ausflug durch Schweinfurt machten. Wer  auf seinen eigenen Beinen durch Schweinfurt laufen kann, nimmt manches gar nicht wahr, was für einen Rollstuhlfahrer, der allein unterwegs ist, ein unüberwindliches, wenn nicht sogar gefährliches Hindernis ist. Schon eine Stufe an der Eingangstür eines Geschäftes macht es unmöglich, das Geschäft oder die Gaststätte zu besuchen. Auch beim Einkauf steht ein Rollstuhlfahrer vor Hindernissen, an die der Nicht- Rollstuhlfahrer nicht im Traum denkt: Waren, die nicht im Sitzen erreichbar sind, sind für den Rollstuhlfahrer unerreichbar. Und manche für die Rollstuhlfahrer gedachten Wege sind so geneigt, dass man sie bei Regen oder gar Schnee wohl lieber nicht fährt.

    Einige Helferinnen und Helfer der Nachbarschaftshilfe waren der Einladung gefolgt, sich damit vertraut zu machen, wie man einen Rollstuhl so fahren kann, dass es dem Rollstuhlfahrer gut geht. Schön war es auch, dass Edeltraud Dresch und Bruno Hofstetter, beide im Rollstuhl, mit dabei waren.

    "Das kann doch nicht so schwer sein, einen Rollstuhl zu schieben" mag sich der unbefangene Leser denken. Aber Andrea Huth, Mitarbeiterin bei der Offenen Behindertenarbeit und Ansprechpartnerin für die Zauberharfengruppen, und Katharina Moser, selbst Rollstuhlfahrerin und vielfältig bei der Offenen Behindertenarbeit engagiert zeigten auf, dass es Vieles zu beachten gibt, damit das "Team Rollstuhl" gut funktioniert. Andrea Huth,  hatte ein Merkblatt vorbereitet, in dem sie 10 praktische Grundregeln für den Umgang mit Rollstuhlfahrern aufgeführt hatte. Regel 1: "Man treffe nie Entscheidungen für den Menschen mit Behinderungen" . Manchmal treffen die "Rollstuhlschieber" solche Entscheidungen nicht aus bösem Willen, sondern aus Gedankenlosigkeit – etwa, weil einem plötzlich einfällt, dass man noch etwas besorgen will, und dann ohne Rücksprache mit dem Rollstuhlfahrer die Richtung ändert – im Rollstuhl erschrickt man dann.  Auch wichtig: Wenn man unterwegs mit dem Rollstuhlfahrer einen Bekannten trifft, und bei dem stehenbleibt, "sollte man sich so zum Rollstuhlfahrer stellen, dass er, ohne sich  den Hals zu verrenken zu müssen, an dem Gespräch teilnehmen kann". Oder: Beim Einkauf oder beim Gespräch wird oft der "Rollstuhlschieber" angesprochen, und der Rollstuhlfahrer bleibt unbeachtet. Daher sollte man, wenn möglich, auf Augenhöhe mit dem Rollstuhlfahrer gehen und ihn mit ins Gespräch einbeziehen. Wenn man den Rollstuhl kippt, sollte man das vorher ankündigen, und den Rollstuhl langsam kippen.

    Auch die Sicherheit des Rollstuhls war Thema: gute Bremsen sind wichtig, die Handgriffe sollen so befestigt sein, dass sie nicht abgehen können. Im ungünstigen Fall, etwa an einer Gefällstrecke macht sich der Rollstuhl dann selbständig – mit womöglich schlimmen Folgen. Sind keine Kippräder vorhanden, besteht die Gefahr, dass man nach hinten umkippt. Beim Schieben, etwa an einer Treppe oder einer Steigung, sollte man an den festen Teilen anpacken. Ganz praktisch zeigte Huth auch, wie man einen Rollstuhlfahrer vom Auto in den Rollstuhl umsetzt – und umgekehrt.  Dann wurde das Rollstuhlfahren praktisch geübt: die Nicht-Rollstuhlfahrer nahmen zur Übung auf dem Rollstuhl Platz. Beim Überwinden von Treppen mit dem Rollstuhl wurde  wurde erlebbar, wie sehr man im Rollstuhl auf die gute Unterstützung angewiesen ist, und dass man schnell Angst bekommt, wenn man nicht informiert ist, was der "Rollstuhlschieber" vor hat.  "Vertrauen ist wichtig" – so Bruno Hofstetter als Rollstuhlfahrer.

    Katharina Moser hatte auf ganz praktische Schwierigkeiten als Rollstuhlfahrerin hingewiesen: Behindertentoiletten sind nicht in der Häufigkeit da, wie man sich das wünscht, und manchmal muss man sich erst einen Schlüssel dafür in einem Geschäft holen, das dann noch auf der anderen Straßenseite liegt. Nicht alle Busse verfügen über Rampen für Rollstühle, und als Rollstuhlfahrer mit der Bahn zu fahren, macht eine vorherige Anmeldung nötig. Wünschenswert auch, dass die Theken in manchen Behörden niedriger gehalten werden, damit man als Rollstuhlfahrer drüberschauen kann, so Katharina Moser.  Und eine konkrete Problemanzeige: Im Jugendgästehaus der Stadt Schweinfurt ist die einzige behindertengerechte Toilette im Zimmer für behinderte Menschen zugänglich. Auch auf dem Land ist für die Barrierefreiheit noch viel zu tun, so Reinhard Heck: verletzungsbedingt einige Zeit lang an den Rollstuhl gebunden, machte er die Erfahrung, dass die Bordsteine auf dem Weg mit dem Rollstuhl zum TSV-Sportheim ein ziemliches Hindernis sein können. Der Vertreter der Nachbarschaftshilfe, Erhard Scholl bedankte sich bei Elke Dressel, die die Verbindung zur OBA hergestellt hatte. An Katharina Moser und Andrea Huth überreichte er ein kleines Präsent als Dankeschön für das praxisnahe und informative Rollstuhltraining.

    Gar nicht so einfach: den Rollstuhlfahrer die Treppe hoch zu bringen. Gefühlvoll Schieben und Ziehen ist angezeigt - und den Rollstuhl dort anpacken, wo kein Teil abgehen kann.Auch das wurde geübt Foto: Erhard Scholl
    Wie wird man ein gutes "Rollstuhl-Team"? Mit dieser Frage beschäftigten sich einige Helfer der Nachbarschaftshilfe Gernach. Mit dabei: Edeltraud Dresch und Bruno Hofstetter im Rollstuhl. Hinten Rechts im Bild Katharina Moser,selbst Rollstuhlfahrerin und engangiert bei der Offenen Behindertenarbeit und Andrea Huth, Mitarbeiterin bei der Offenen Behindertenarbeit Foto: Erhard Scholl
    Ohne fremde Hilfe für Rollstuhlfahrer, die allein unterwegs sind, ein Hindernis, das nur schwer zu überwinden ist - vor allem mit einem Elektro-Rollstuhl Foto: Erhard Scholl

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