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    SCHWEBHEIM

    In der alten evangelisch-lutherischen Kirche Schwebheims gab es einen Kanzelaltar

    Es ist wohl eine der ältesten Foto-Aufnahmen aus dem Kräuterdorf überhaupt. Der Ehrenvorsitzende des Ortsgeschichtlichen Arbeitskreises, Günther Birkle, entdeckte ein Foto, das aus der Zeit vor 1899 stammen muss, also aus der Zeit nur wenige Jahrzehnte nach der Erfindung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts.

    Das Bild präsentierte ihm eine Rarität, die ihn nicht mehr losließ. Auf dem Foto ist nämlich vorne im Versammlungsraum der alten Kirche ein Kanzelaltar zu sehen. „Im ganzen Landkreis gibt es keinen“, erklärt Birkle. So machte er sich auf die Spur der Geschichte dieser Besonderheit.

    Sonderform des Altars

    Der Kanzelaltar ist eine Sonderform des Altars, die sich in evangelischen Kirchen findet. Die Kanzel, von der aus das Wort Gottes verkündet und gedeutet wurde, befindet sich direkt über dem Altar. Damit betonten die Lutheraner, dass das Wort Gottes gleichberechtigt neben dem Abendmahl steht.

    Ob die erste, 1576 erbaute Kirche schon einen solchen Kanzelaltar hatte, lässt sich nicht nachvollziehen. Die Geschichte des wandernden Predigtstuhls aber hat Birkle detailgetreu rekonstruiert. Dabei griff er auf die Recherchen von Ortschronist Richard Ludwig, die Dekanatsbriefe des ehemaligen Pfarrers Dr. Hans Rotter und das Stadtarchiv zurück.

    1645 wird ein Predigtstuhl erstmals erwähnt. Er stand im südlichen Teil des Kirchenschiffs und erscheint in den Kirchenrechnungen, weil eine neue Sanduhr für drei Schilling angeschafft wurde. Diese sollte den Pfarrer wohl daran erinnern, nicht zu lange zu predigen.

    1725 wurde die Kirche saniert

    1725 wurde die „baufällige Kirche“ generalsaniert, dabei wurden auch der Altar und der Chorraum umgebaut. Der Predigtstuhl aber blieb noch an seinem alten Platz.

    Erst der Einbau der Südempore im Jahr 1786 führte dazu, dass die Kanzel versetzt werden musste. Sie wanderte jetzt nach vorne und wurde in den Altar eingebaut, „weil das Geld für eine neue nicht zusammen kam“, heißt es in den Chroniken. Allerdings wurden Altar, Kanzel und Orgel damals schon vergoldet.

    Neben der symbolischen Verbindung zwischen Wort und Brot, Kanzel und Altar vermutet Birkle, dass es auch ganz praktische Gründe dafür gab, die Kanzel nach vorne ins Zentrum zu holen: „Die Pfarrer wollten beim Predigen ihre Leut‘ sehen und die Leut‘ den Pfarrer.“

    1885 aber waren es ähnlich praktische Gründe, warum der Pfarrer beantragte, dass die Kanzel wieder zurückwandern soll ins Kirchenschiff. Die Stufen hinauf zur Kanzel waren ihm einfach zu steil. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern, bis es soweit war.

    1899 schlug der Vorsitzende der Kirchenverwaltung eine umfassende Renovierung der Kirche vor. Dabei sollte die Kanzel auf die rechte Seite Chorseite verlegt werden.

    1900 war es dann soweit. Für 1695 Mark wurde die Kirche renoviert und „die Kanzel vom Altar freigestellt und an der rechten Seite des Triumphbogens angebracht“.

    Anstelle der Kanzel bekam der Altar jetzt eine Darstellung aus dem Leben Jesu. Karl Fischer, ein Dekorationsmaler aus Schweinfurt, malte das Altarbild „Christus in Gethsemane“. 65 Mark zahlte ihm die Kirche dafür. Weitere 90 Mark bekam er dafür, dass er die Kanzel marmoriert und vergoldet hat. Mit dieser Renovierung war der seltene Kanzelaltar dann aber endgültig Geschichte. Die alte Kirche teilte sein Schicksal wenig später.

    An sie angebaut wurde 1957 die neue Kirche des Architekten Olaf Andreas Gulbransson. Jetzt war es die Gulbranssonkirche, die Kunstliebhaber anzog.

    Fazit: Der Kanzelaltar wäre in Vergessenheit geraten, hätte Birkle seine Geschichte nicht ausgegraben.

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