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    Kreis Schweinfurt

    Jahresrückblick 2019: Steigerwaldbahn bestimmt Politik-Themen

    Die Reaktivierung der Steigerwaldbahn ist ein lang gehegter Wunsch vor allem von Grünen. Doch plötzlich haben sich 2019 auch die Gegner formiert.
    So sieht die Strecke der Steigerwaldbahn heute aus: Wildwuchs und Unkraut. Die Diskussion um ihre Wiederbelebung hat 2019 an Fahrt aufgenommen.
    So sieht die Strecke der Steigerwaldbahn heute aus: Wildwuchs und Unkraut. Die Diskussion um ihre Wiederbelebung hat 2019 an Fahrt aufgenommen. Foto: Dominik Berthel

    Es sind heute mehr Fragen offen als Probleme gelöst. Dennoch hat sich der Streit über die Reaktivierung der Steigerwaldbahn zum bestimmenden Politikthema des Jahres entwickelt, was wiederum auch mit dem begonnen Kommunalwahlkampf zu tun hat. Pro und Contra stießen in den zurückliegenden Monaten immer wieder aufeinander. Hier eine Chronologie der Ereignisse, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

    Januar: Der Landkreis bietet eine viel beachtete Konferenz an, um die Argumente auszutauschen. Zwei Gutachten sehen Potenzial für eine Wiederbelebung der Zugstrecke. Die  Arbeitsgruppe von Diplom-Geograf Konrad ermittelte für die gesamte, rund 49 Kilometer lange Strecke eine Nachfrage von 1229 Reisendenkilometern am Tag in beiden Richtungen. Der Reisendenkilometer ist ein Bewertungsmaßstab, bei dem die Zahl der täglichen Fahrgäste mit der jeweils zurückgelegten Distanz im Verhältnis zur Gesamtlänge gewichtet wird. Das bayerische Wirtschaftsministerium fordert für die Wiederinbetriebnahme einer Strecke einen Mindestwert von 1000 Reisendenkilometern. Schliephakes Potenzialanalyse stellt allerdings ein starkes Gefälle zwischen dem Nordabschnitt zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen (1657 Reisendenkilometer) und dem südlichen Teil zwischen Gerolzhofen und Kitzingen-Etwashausen (921) fest.

    Auf Schliephakes Zahlen stützt sich weiteres Gutachten, das der Landkreis Schweinfurt bei der Kobra NVS (ein ÖPNV-Dienstleister und Planungsbüro in Kassel) in Auftrag gegeben hatte und dessen Ergebnisse Peter Roßkothen vorstellte. Dieses Gutachten beschäftigt sich eher mit den Chancen und Risiken einer Reaktivierung der Steigerwaldbahn. Erfolgsfaktoren seien Fahrten mindestens im Stundentakt, gute Anschlüsse in Schweinfurt Richtung Bamberg und Würzburg, moderne Zuggarnituren, Integration der Bahn in einen Verkehrs- und Tarifverbund sowie in ein Mobilitätskonzept. Die Fahrtzeiten müssten konkurrenzfähig mit dem motorisierten Individualverkehr (MIV) sein. Allgemein werde die Schiene lieber als der Bus als Alternative zum MIV wahrgenommen. Und natürlich müssten Züge vom recht abgelegenen Schweinfurter Hauptbahnhof zu den Stationen Mitte und Stadt weiterfahren.

    Auf 22 bis 27 Millionen Euro beläuft sich Kostenschätzung für eine Reaktivierung zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen, hat Thomas Müller vom Ingenieurbüro Wallerich & und Co (Kassel) ebenfalls für Kobra errechnet. Die größten Positionen bei den Kostenfaktoren sind die Sicherung der Bahnübergänge mit neun Millionen, die Sanierung der Trasse mit 5,45 Millionen und die fünf Haltestellen (Gerolzhofen, Alitzheim, Grettstadt, Gochsheim und Sennfeld) mit 2,6 Millionen Euro. Grundlage für diese Schätzungen ist eine Begehung im Hinblick auf den Streckenzustand.

    Bürgerinitiative gegen die Reaktivierung

    Die Bahngegner formieren sich. Ein wesentlicher Kostenfaktor bei einer möglichen Wiederinbetriebnahme der Bahn sei die Reparatur und Neuverlegung der Trasse, heißt es in einer Pressemitteilung der Bürgerinitiative gegen die Reaktivierung. "Unzählige Bahnübergänge, Bahnhöfe, Pendlerparkplätze, Lärm- und Naturschutzmaßnahmen werden hohe zweistellige Millionenbeträge verschlingen." Eine Bahnreaktivierung habe ein sehr hohes wirtschaftliches Risiko, das unter Umständen zu einem Millionengrab werden kann. Die Summe von 27+x Millionen Euro stehe schon jetzt für die Reaktivierung der Bahnlinie im Raum. Hinzu kämen zusätzlich noch die Kosten für die Sicherung der Bahnübergänge und eventuelle Lärmschutzmaßnahmen. "Nicht ohne Grund wurde die Bahnlinie bereits vor 30 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt."

    März: Es wird bekannt, dass die Bahn die Gleistrasse verkaufen will. Mit 41:14 Stimmen bekundet der Schweinfurter Kreistag formell sein langfristiges Interesse an der Steigerwaldbahn. Das bedeutet: Die Tür für eine mögliche Reaktivierung der stillgelegten Bahnstrecke zwischen Lülsfeld und Schweinfurt ist nicht zugeschlagen. Der Kreistag glaubt, damit die zuständige Regierung von Mittelfranken überzeugt zu haben, die Option Steigerwaldbahn offen zu halten. Doch es wird sich herausstellen, dass der Behörde dieses Bekenntnis nicht stark genug ist.

    Demonstration im Dezember vor dem Landratsamt für die Wiederinbetriebnahme der Steigerwaldbahn.
    Demonstration im Dezember vor dem Landratsamt für die Wiederinbetriebnahme der Steigerwaldbahn. Foto: Josef Schäfer

    Juni: Es sickert durch, dass die Bahn die Strecke wohl an ein Unternehmen verkaufen will, das keinen Bahnverkehr betreiben, sondern die Gleisanlagen verwerten will. Auch der Landtag beschäftigt sich mit dem Thema: Drei Anträge werden aber abgelehnt. Laut Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU) fehlten notwendige Beschlüsse der Landkreise Schweinfurt und Kitzingen. Die Verkaufsabsichten lösen politische Aktivitäten in den Landkreisen aus, weil alle Anrainergemeinden (außer Gerolzhofen) Anträge auf Entwidmung der Strecke gestellt haben; bei einem positiver Entscheidung käme die Strecke in die Planungshoheit der Gemeinden und eine Reaktivierung zumindest auf dieser Trasse wäre wahrscheinlich unmöglich. Landrat Florian Töpper (SPD) bat zusammen mit seiner Kitzinger Amtskollegin Tamara Bischof (FW) Minister Reichhart als  Aufsichtsratsvorsitzender der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) den Verkauf zu stoppen und einen Prüfauftrag in Bezug auf die Reaktivierung der Steigerwaldbahn zu erteilen. Zuvor hatte es eine interne Besprechung im Landratsamt gegeben, in der wichtige Fragen über das weitere Vorgehen und die Zuständigkeiten geklärt werden sollten. Der eingeladene BEG-Vertreter erschien aber nicht.

    Juni: Die Gegner sehen sich im Aufwind. In der von Jörg Bergmann verteilten Presseerklärung nehmen die Steigerwaldbahn-Gegner Bezug auf ein Gutachten. In den geschätzten Investitionskosten von 22 bis zu 27 Millionen Euro zwischen Schweinfurt und Gerolzhofen seien noch nicht einmal die Kosten für Lärmschutz, für den naturschutzfachlichen Ausgleich, für den Grunderwerb von Parkplätzen und für die Signal- und Stellwerkstechnik enthalten, schreiben sie. Diese noch nicht bezifferten Kosten kämen zu den 27 Millionen noch hinzu. Die Bahn-Befürworter, namentlich Thomas Vizl, behaupten genau das Gegenteil. Die Kosten für Lärmschutz, naturschutzfachlichen Ausgleich, Grunderwerb, Signal- und Stellwerkstechnik, Planungs- und Verwaltungskosten seien in der Gesamtsumme der Investitionen von rund 22 bis 27 Millionen Euro bereits enthalten.

    Vom Abbau einiger Gleise bei Etwashausen fühlen sich die Bahnbefürworter provoziert.
    Vom Abbau einiger Gleise bei Etwashausen fühlen sich die Bahnbefürworter provoziert. Foto: Barbara Herrmann

    Juli: Die Grünen wollen die Reaktivierung der Bahn voranschieben. Volles Haus hatten sie bei einer Podiumsdiskussion in Gerolzhofen. Der Gerüchte über den Verkauf bewahrheiten sich: Ein Unternehmen, das auf Gleisrückbau spezialisiert ist, hat die noch nicht entwidmete Strecke erworben.

    September: Auch die CSU geht nun in die Offensive und lädt zur Podiumsdiskussion nach Grettstadt ein. Auch hier: volles Haus. Die Position der CSU: "Die Steigerwaldbahn ist kein Allheilmittel."

    Dezember: Es wird bekannt, dass die Erfurter Bahn durchaus Interesse daran hätte, den Zugverkehr für die Steigerwaldbahn durchzuführen. Am Zug sind zunächst die Kreistage von Schweinfurt und Kitzingen. Die Regierung von Mittelfranken fordert, dass die Gremien unmissverständlich anerkennen, dass die Infrastruktur ohne Zuschüsse des Freistaats hergestellt wird, die 1000 Reisendenkilometer Grundlage für einen Betrieb sind, ein Betreiber gefunden werden muss, der nicht teurer als die Bahn sein darf, und die Landkreise ein Buskonzept ohne Konkurrenz zur Schiene vorlegen. Beide Kreistage stimmen dem mit großer Mehrheit zu. Wenige Tage vor der Abstimmung werden Gleise auf dem entwidmeten Teil bei Etwashausen abgebaut. Das empfinden die Befürworter wie die Grünen als Provokation. Die Behörden sagen aber, dass das Recht eingehalten worden sei.

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    Bearbeitet von Josef Schäfer

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