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    SCHWEINFURT

    Jeder Fünfte über 65 Jahren ist von Altersarmut bedroht

    Minijob, Hungerlöhne, Kindererziehungszeiten oder Arbeitslosigkeit, es gibt viele Gründe, warum im Alter die Rente nicht reicht. Erschreckend ist, dass dies bei immer mehr Menschen der Fall ist. Ein typisches Beispiel ist die Schweinfurterin Jutta L. Die 80-Jährige lebt von 800 Euro im Monat. „Und die krieg ich nur, weil ich Mütterrente bekomme“, erklärt sie. Sie hat fünf Kinder großgezogen, zwei Ehemänner überlebt und ein Leben lang in sogenannten Minijobs gearbeitet.

    Von den 800 Euro gehen 380 Euro weg für die Miete, dazu kommen noch die Nebenkosten. 35 Euro monatlich zahlt die Seniorin in eine Sterbeversicherung ein, „damit meine Kinder mich mal beerdigen können“. 100 Euro legt sie weg, „falls mal was kaputt geht, die Waschmaschine oder so“. Kürzlich war sie wegen einer Knieoperation im Krankenhaus, Zuzahlung 80 Euro. Dazu kommen die Medikamente, die die Seniorin braucht und für die sie ebenfalls zuzahlen muss. „Wenn ich mal fortgehen will, rechne ich mir das vorher genau aus, damit das nicht mehr als 15 Euro kostet“, erzählt sie.

    Armutsgrenze bei 917 Euro

    Jutta L. ist arm. Als arm gilt hierzulande nach dem jüngsten Armutsbericht der Bundesregierung, wer als Alleinstehender 917 Euro oder weniger verdient. In Bayern liegt die Schwelle laut Paritätischem Wohlfahrtsverband sogar bei 1025 Euro. Die Mütterrente, die L. bekommt, wird für Frauen, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben, voll auf die Grundsicherung angerechnet. Im reichen Deutschland waren laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr 15,6 Prozent der Rentner arm, und die bedürftigen Senioren werden immer mehr. 2006 waren es noch zehn Prozent.

    Die SPD-Landtagsabgeordnete Kathi Petersen aus Schweinfurt hat die Staatsregierung in mehreren schriftlichen Anfragen nach der Altersarmut in Unterfranken befragt. Und sie erfährt: „Die Armutsgefährdung der 65-Jährigen und älter ist in Unterfranken höher als bei den jüngeren Bevölkerungsgruppen. Sie liegt bei 20,7 Prozent.“ Das aber werde, so die Staatsregierung, „tendenziell etwas überschätzt“, da das Preisniveau in Unterfranken ja unter dem bayerischen Durchschnitt läge.

    3172 Rentner in der Region beziehen Grundsicherung

    Dem Sozialverband VdK zufolge bezogen Ende 2017 rund 522.000 Personen in Deutschland Leistungen der Grundsicherung im Alter. Vor zehn Jahren waren es noch 371.000. In Unterfranken erhalten nach jüngsten Zahlen 3172 Rentner Grundsicherung und damit als Alleinstehender 416 Euro im Monat sowie die Kosten für die Wohnung.

    Wie viele Rentner in der Region aus finanziellen Gründen von den Zuzahlungen bei Medikamenten und stationären Behandlungen befreit sind, konnte das Ministerium nicht exakt ermitteln. Aber allein für die Städte Aschaffenburg, Schweinfurt und Würzburg sind es bei der AOK 18.544 Rentner.

    Petersen: „Rentenniveau muss steigen“

    Die Zahlen schreckten Petersen auf: „Sie zeigen, dass es noch viel zu tun gibt“. Das Rentenniveau müsse steigen, in der Wirtschaft dürfe es keine prekären Arbeitsverhältnisse und im öffentlichen Dienst keine befristeten Arbeitsverträge mehr geben, fordert die SPD-Landtagsabgeordnete.

    Die Dunkelziffer für Altersarmut indes dürfte noch höher sein. Der 66-jährige Kurt H. aus dem Landkreis Schweinfurt beispielsweise hat über 48 Jahre gearbeitet, erst in der Industrie, dann auf Montage: „Da hab ich gutes Geld verdient.“ Dann aber hat sein Körper nicht mehr mitgemacht. H. musste Leiharbeiten annehmen mit einem Stundenlohn von 5,54 Euro. Mit 63 Jahren konnte er aus gesundheitlichen Gründen abschlagsfrei in Rente gehen. Heute bekommt er 714 Euro im Monat. „Ich hab extra meine Lesebrille aufgesetzt, weil ich dachte, ich hab mich verlesen“, erinnert er sich.

    Rentner mit kleinen Nebenjobs

    320 Euro zahlt er Miete für seine kleine Zweizimmer-Wohnung. Die Grundsicherung, die ihm zustünde, will er nicht beantragen: „Dann bin ich ja Sozialhilfeempfänger und darf gar nichts mehr machen“, meint er. Lieber verdient er sich im Sommerhalbjahr 160 Euro im Monat durch kleinere Arbeiten für seine Gemeinde dazu. Würde er das mit Grundsicherung machen, würde der Verdienst angerechnet werden – ihm blieben nur 60 Euro vom dazuverdienten Geld. „Da kann ich's auch lassen“, so der Rentner.

    Er macht die kleinen Jobs gerne, aber dass er sie machen muss, um über die Runden zu kommen, findet er eine „Schweinerei“.

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