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    Schwanfeld

    Judendeportationen: Über 2000 unterfränkische Opfer

    Das Mahnmal in Bikernieki. Foto: Ernst Reuß

    In einem Wald nahe Riga in Lettland wurden zur Zeit des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Juden durch Nazis ermordet. Unter den Opfern waren auch Mitglieder der Schwanfelder Familie Gutmann.

    Deutschland unter der Herrschaft der Nationalsozialisten: Tausende Deutsche aus allen Regionen des „Dritten Reiches“ wurden nach Lettland deportiert, in einem Wäldchen namens Bikernieki in der Nähe Rigas erschossen und in 55 Massengräbern verscharrt. Zwischen November 1941 und Januar 1944 fanden in Unterfranken nachweislich sieben Deportationen von Juden statt, darunter waren auch Opfer aus dem Raum Schweinfurt.

    Nur 60 überlebten Holocaust

    Von mehr als 2000 Menschen, die damals in Würzburg und Kitzingen in die Züge getrieben worden waren, überlebten nur 60 den Holocaust.

    Am 27. November 1941 verließ der erste Transport mit 202 Juden die Region. Die meisten von ihnen wurden am 26. März 1942 in Bikernieki ermordet. Dort existiert seit 2001 ein Mahnmal. Stelen aus Granit in unterschiedlicher Größe und Farbe erinnern an die vielen Opfer und benennen die Orte, aus denen die Transporte kamen. Auf einem Gedenkstein steht auf Hebräisch, Russisch, Lettisch und Deutsch: „Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und mein Schreien finde keine Ruhestatt!“ Zwei Stelen erinnern an die Deportationen aus Würzburg und Mainbernheim.

    Der Gedenkstein des Mahnmals in Bikernieki. Foto: Ernst Reuß

    Recherchen in Uni-Datenbank 

    Im Netz der Universität Würzburg (http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/) gibt es eine Datenbank, aus der man die biographischen Daten aller jüdischen Opfer der sieben Deportationen - so weit als möglich - nachvollziehen kann. Ein Opfer der ersten Deportation war demnach der im unterfränkischen Schwanfeld geborene Gert Samuel Gutmann. Kurz nach seinem zehnten Geburtstag wurde der Junge in Bikernieki erschossen. Seine Mutter, die 1908 in Rimpar geborene Therese Gutmann, soll erschossen worden sein, nachdem sie ihr Kind mit ihrem Körper zu schützen versucht hatte. Ehemann Ludwig Gutmann, ein 1902 geborener Landwirt, überlebte. Jedoch wurde er nach dem Zusammenbruch der Ostfront von der Roten Armee als „deutscher Spion“ behandelt und interniert.

    Von Sowjets inhaftiert

    Er konnte erst 1956 mit anderen deutschen Kriegsgefangenen zurückkehren. Er kam zunächst nach Würzburg, 1960 dann nach Schwanfeld zurück. Er war der letzte in Schwanfeld geborene jüdische Einwohner und starb dort 1984 in seinem 82. Lebensjahr.

    Der Reichskommissar „Ostland“

    Als Reichskommissar „Ostland“ war der 1896 geborene Hinrich Lohse für die grausamen Geschehnisse in Bikernieki an führender Stelle verantwortlich. Von mindestens 500 000 im Jahr 1941 im Reichskommissariat ansässigen Juden lebten nach Lohses Amtszeit keine 10 000 mehr. 1948 verurteilte ihn ein Militärgericht zu zehn Jahren Gefängnis, aber man entließ ihn schon bald wegen „dauernder Haftunfähigkeit“. Wie viele Täter starb Lohse unbescholten und weitgehend unbemerkt im Jahre 1964.

    Der Autor
    Ernst Reuß, geboren 1962 in Schweinfurt und aufgewachsen in Bergrheinfeld, studierte Rechtswissenschaften in Erlangen und Wien. Er promovierte an der Humboldt-Universität Berlin. Danach arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin und war im Bundestag als Büroleiter des Abgeordneten Klaus Ernst beschäftigt. Er lebt als Autor und Publizist in Berlin.
    Bei seinen Recherchen zu den Judendeportationen nach Riga stützt sich Reuß auf Angaben aus den Datenbanken des Portals „Historisches Unterfranken“ der Universität Würzburg und auf Inhalte des Standardwerks „Die ,Endlösung‘ in Riga – Ausbeutung und Vernichtung 1941 – 1944“ von Andrej Angrick und Peter Klein. Das Buch ist beim „wbg Academic“-Verlag erschienen.

    Ernst Reuß

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