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    GERNACH

    Junger Turmfalke auf Abwegen

    Da staunte der junge Familienvater aus Gernach nicht schlecht: Als er am Donnerstag vor einer Woche nach einem Sturm am frühen Abend in den Garten in der Nähe des Sportplatzes ging, saß dort ein junger Greifvogel an der Mauer. Das Tier machte keine Anstalten, wegzufliegen. Möglicherweise hatte der Vogel durch den Sturm nur die Orientierung verloren. Vielleicht war er aber auch in größerer Not, obwohl keine äußeren Verletzungen zu erkennen waren. Jetzt war fachmännischer Rat gefragt, aber woher nehmen, schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass man mit einem derartigen Fall konfrontiert wird. Aber die im Internet gefundenen Adressen und Telefonnummern führten allesamt nicht zum Erfolg.

    Sicherheitshalber traf der junge Mann erst einmal Vorsorge dafür, dass der junge Greif kein Opfer der schon in der Nähe lauernden Katze wurde, indem er ihn an einen geschützten Ort im Garten brachte, wo er nicht behelligt werden konnte.

    Am nächsten Tag war der Vogel verschwunden. Offenbar hatte er wieder „Familienanschluss“ gefunden, denn in der Nähe war die ganze Zeit über der Ruf eines Altvogels zu vernehmen, der sich zeitweise auf einem der am Sportplatz stehenden hohen Fluchtlichtmasten niederließ.

    Als junger Turmfalke identifiziert

    Anhand des Bildes, das von dem Vogel im Garten gemacht worden ist, konnte dieser von Thomas Köhler von Artenschutz in Franken zweifelsfrei als junger Turmfalke identifiziert werden. Derzeit befinden sich junge Turmfalken nach Aussage von Köhler in der so genannten Bettelflugphase, indem sie ihre Nistplätze verlassen, aber noch einige Zeit von den Altvögeln mit Nahrung versorgt werden.

    In der Tat ist es nicht so einfach, in derartigen Fällen im Landkreis Schweinfurt Hilfe zu bekommen. Die Situation hat sich vorübergehend vor allem aus zweierlei Gründen verschlechtert. Der erste Grund ist der Tod von Dr. Volker Döring, im vergangenen November. Er war zu seinen Lebzeiten einer von nur zwei Tierärzten in Bayern, die die Anerkennung als Fachtierarzt für Zoo-, Gehege- und Wildtiere hatten, und ein äußerst engagierter Anwalt für Wildtiere.

    Dr. Volker Dörings Verdienste

    Fast 25 Jahre lang hatte Volker Döring mit viel Idealismus seine staatlich anerkannte Wildtierauffangstation für den Landkreis Schweinfurt in Gerolzhofen ehrenamtlich und weitgehend unentgeltlich betrieben. Dort leistete der seit 1986 in Gerolzhofen praktizierende Tierarzt Bemerkenswertes bei der Rettung von Greif- und Singvögeln, Hasen, Eichhörnchen und Rehen. Auch unzählige Tierkinder konnten dank seiner Pflege wieder in die Freiheit entlassen werden, nachdem sie aufgepäppelt und geheilt worden waren.

    Am Ende waren das Aufkommen und der Zulauf an in Not geratenen Wildtieren immer größer geworden. Andererseits gab es nur eine sehr begrenzte finanzielle Unterstützung, die noch nicht einmal im Entferntesten die Kosten für das Spezialfutter zu decken vermochte. Die Ausgaben und der zeitliche Aufwand für Behandlung, Pflege, Futter sowie das Saubermachen der Käfige blieben so in hohem Maße an Volker Döring als Betreiber der Auffangstation für Wildtiere hängen.

    Die Auffangstation in Schwebheim

    Die Arbeit im Dienste von Bussard, Falke & wird nur sehr begrenzt vom Staat honoriert, obwohl der Tier- und Artenschutz zu dessen Aufgaben zählt. Gefragt ist in diesen Fällen also in jeder Hinsicht viel Idealismus. Dieses Problem hat auch die 1989 von Oskar Metzner und Lothar Schwarz gegründete Auffangstation des Arbeitskreises Arten- und Naturschutz in Schwebheim. In den dortigen Volieren waren auch seit 1992, als Dr. Döring das Team ergänzte, die meisten der in Gerolzhofen behandelten und genesenen Greifvögel auf ihre Wiederauswilderung vorbereitet worden.

    In den vergangenen fast 30 Jahren wurden in der Auffangstation für Greifvögel und Fledermäuse insgesamt 650 Tag- und Nachtgreifvögel aufgenommen und gepflegt. Auch wenn es sich in hohem Maß um Turmfalken und Mäusebussarde handelte, so befand sich unter den rund 30 vertretenen Arten die ganze Bandbreite an Greifvögeln und Eulen. Dazu kamen in der langen Zeit nochmals 70 Tiere anderer Vogelarten und 350 Fledermäuse.

    Hier in Schwebheim greift buchstäblich das zweite Problem. Auch hier sind Arbeit und Kosten nicht weniger geworden, die ehrenamtlichen, sprich in ihrer Freizeit tätigen Mitarbeiter aber obendrein alle älter. Mitbetreiber Lothar Schwarz betont: „Wir sind jetzt alle über 60 oder gehen auf die 70 zu. Nach 30 Jahren ist es Zeit für einen Wechsel.“

    „Geordnete Übergabe“ im Blick

    Glücklicherweise gebe es auch schon einen interessierten Nachfolger, verrät der Schwebheimer Gemeinderat sowie Vogel- und Naturschützer, der unlängst im April für sein jahrzehntelanges Engagement von Umweltminister Marcel Huber als „Grüner Engel“ ausgezeichnet worden war. Die Gespräche wegen der Weiterführung seien mit dem am Landratsamt Schweinfurt angesiedelten, für den Landkreis und die Stadt Schweinfurt zuständigen Veterinäramt am Laufen. 2018 rechnet Schwarz nach Klärung der entsprechenden Fragen mit der „geordneten Übergabe“ an den aus dem Landkreis kommenden designierten neuen Leiter.

    Auf die im Landkreis Schweinfurt bestehende, in enger Abstimmung mit den Behörden geführte Wildtierauffangstation des Arbeitskreises Arten- und Naturschutz Schwebheim, die von Lothar Schwarz betrieben wird, verweist auch das Landratsamt gegenüber dieser Redaktion.

    Naturschutzbehörde hilft weiter

    Weiterhin erklärt Pressesprecherin Uta Baumann: „Sollten Bürger Wildtiere auffinden, können Sie sich jederzeit grundsätzlich zunächst direkt an unsere Untere Naturschutzbehörde wenden. Die dortigen Kollegen vermitteln dann gerne einen weiteren Kontakt beziehungsweise einen passenden Ansprechpartner.“ Die Behörden „mit ihren weiterführenden Drähten“ einzuschalten, empfiehlt ebenso Lothar Schwarz.

    Die Telefonnummern der Naturschutzbehörde am Landratsamt Schweinfurt lauten in diesem Fall Tel. (0 97 21) 55-573 oder -586, die E-Mailadresse lautet naturschutz@lrasw.de

    Auch das Tierheim ist behilflich

    Abgeholt werden die Tiere nach Aussage von Lothar Schwarz auch vom Tierheim des Tierschutzvereins Stadt und Landkreis in Schweinfurt in Schwebheim, mit dem die Auffangstation eng zusammenarbeitet. Auch sonst sei man seitens des Tierheims in Schwebheim bemüht, ratsuchenden Leuten während der Sprechzeiten unter der Telefonnummer Tel. (0 97 23) 77 70 zu helfen, betont Lothar Schwarz.

    Auch beim Landesverband für Vogelschutz haben wir nachgefragt. Er verfügt allerdings über keine eigenen Auffangstationen im Landkreis, so die Auskunft von Marc Sitkewitz, dem Leiter der LBV-Bezirksgeschäftsstelle Unterfranken.

    Tiere am besten erst zum Tierarzt bringen

    Lothar Schwarz weiß aus langjähriger Erfahrung, dass es viele Menschen zwar gut meinen, aber teilweise die Zeit und die Spritkosten in solchen Notfällen scheuen. Der ausgebildete Falkner appelliert deshalb an ihre Bereitschaft, den betreffenden Vogel etwa bei einer offensichtlichen Verletzung direkt zu einem vogelkundigen Tierarzt zu bringen. Dieser entscheidet nach der medizinischen Erstversorgung, wie weiter mit dem „Patienten“ verfahren wird, sprich ob dieser wieder in die freie Wildbahn entlassen werden kann oder zunächst in einer Auffangstation betreut werden muss. Auch die Auffangstation müsse ihre Tiere zunächst zum Tierarzt bringen, so Lothar Schwarz. Er weiß vor allem um die Gefahr, die besonders verletzten oder verwaisten Jungvögeln seitens der Katze drohen.

    Ein Vogel, der nichts sieht, wird ruhig

    Um den Vogel zu beruhigen, genüge es, eine Jacke oder Decke über ihn zu werfen und ihm durch die Dunkelheit den Gesichtssinn zu nehmen, betont der Falkner. Man kann den Vogel dann gefahrlos vom Rücken her am besten mit dicken Handschuhen fest halten, indem man mit beiden Händen die Flügel am Körper fixiert, um so die Beine mit den Krallen von sich fernzuhalten. Natürlich ist darauf zu achten, dass das Tier genügend Luft bekommt. Für den Weitertransport von Zuhause zum Tierarzt oder der Auffangstation empfiehlt sich ein dunkler Umzugskarton mit ein paar wenigen Luftlöchern – gerade so viel, dass genug Luft hineinkommt, aber wenig Licht.

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