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    Oberlauringen

    Kabarett um Rückert: Kein Falafel mehr, nur noch Döner!

    "Rückert - gudder Mann": Im Oberlauringer Poetikum unterhielt sich der Orientalist und Weltbürger mit einem Asylbewerber. Foto: Uwe Eichler

    Es darf ein bisschen gezündelt werden, am Thron des Dichters, der im Rückert-Poetikum in Denkerpose erstarrt ist, wie auf dem Marktplatz seiner Geburtsstadt Schweinfurt. "Rückert lebt!" nennt sich das musikalische Kabarett der "Romantischen Zwei", vor vollen Reihen. Die Pointe mit dem kokelnden Tuch unterm Denkmal zündet unfreiwillig. Ein heißer Scheinwerfer lässt den Stoff qualmen. Die Botschaft passt trotzdem: Der sprachgewandte  Weltbürger, Orientalist und Koranübersetzer ist nach wie vor brandaktuell.  

    Das Duo Andreas Arnold (Würzburg) und Hartmut Quiring, Musiklehrer aus Eberbach im Odenwald, tritt sonst als "Romantische Drei" auf, zusammen mit Annemarie Quiring. In Oberlauringen sind die Künstler keine Unbekannten. Klaus Derleder vom Friedrich-Rückert-Arbeitskreis berichtet, dass sie dem Poetikum sogar schon ein Klavier angeboten haben. Das musste aus Platzgründen leider abgelehnt werden.

    Der Kabarettabend passt dafür wunderbar: als Versuch, den alten Meister modern zu interpretieren. Andreas Arnold spielt und singt Rückert, den Idealisten. "Gudder Mann", lobt Achmed, der syrische Flüchtling, alias Hartmut Quiring. Das Bürgerkriegsopfer will sich integrieren, anders als Mahmud, sein Feind im Wohnheim, der "schlechte Moslem" mit dem Messer, der doppelten Moral und dem falschen Pass. Achmed wälzt das Lehrbuch "Willkommen in Deutschland" und grübelt verwirrt, was die Deutschen mit dem Dritten Geschlecht meinen: "Der Bundeskanzler, die Bundeskanzlerin, das Bundeskanzlernde?" Kaum ist Rückert zu neuem Leben erwacht, begrüßt er den Mann aus Aleppo auf Syriakisch (er spricht schließlich 48 Sprachen). Nein, Achmed versteht nur Neu-Arabisch. Ach so: "Marhaba! Hallo!"

    Der Linguist aus Schweinfurt ("Die Muttersprache ist die schönste Sprache") versucht Brücken zu bauen, zwischen Ost und West. Manch schwärmendes Zitat klingt fast schon nach naivem "Gutmenschen". Ein Rechtspopulist täte sich wohl schwer mit dem Original-Rückert. Aber war das begeisterte "Gutmenschentum" des Goethe-Zeitgenossen nicht genau die abendländische Hochkultur, die heute vor "Umvolkung" beschützt werden soll, von den Rechten? Vor Menschen wie Achmed, der schon mal fuchsig wird, wenn ein Ungläubiger wie Friedrich verzückt aus dem Koran zitiert – und um Übersetzungshilfe bittet, ob der blumigen Sprache.

    Wie hält es Rückert mit der Religion? 

    So langsam kommt man sich näher. Achmed zupft die Oud, die arabische Laute, Chansonier Rückert greift zur Gitarre. Wie hält es eigentlich der Poet mit der Religion? "Feuerdiener und Brahman, Christ und Muselman bin ich", sagt der Brückenbauer: "Weltpoesie allein ist Weltversöhnung". Aufs Menschsein kommt es an. Achmed will sich wirklich anpassen, mit Gartenzwerg vorm Ankerzentrum, und sich künftig nur noch von deutscher Küche ernähren: "Kein Falafel mehr, nur noch Döner!". Es muss ja nicht gleich Schwein sein. Ach ja: "Hättest Mainfurt, hättest Weinfurt heißen können, weil Du führest Wein" hadert Rückert mit dem Namen seiner Herkunftsstadt. "Aber Schweinfurt, Schweinfurt sollt es sein."

    "Schwein furt?" Das gefällt Achmed, aber Wein ist ja eigentlich auch verboten. Zum Zugabenteil zählt das gemeinsame "Schwalbenlied" mit dem Publikum, Hommage an Rückerts Kindheit in Oberlauringen: Wenigstens die Schwalbe singt im Dorf wie einst.

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