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    Niederwerrn

    Kirchen werden in der Krise kreativ

    Mit Gebetsläuten und Youtube contra Corona und Gottesdienst-Stop: Die Niederwerrner Kirchen haben sich einiges einfallen lassen.
    Mit dem Klick in die Kirche: Pfarrer Stefan Kömm wendet sich derzeit per YouTube an seine Gemeinde.
    Mit dem Klick in die Kirche: Pfarrer Stefan Kömm wendet sich derzeit per YouTube an seine Gemeinde. Foto: Uwe Eichler

    Die Entwicklung läuft derzeit irgendwie über Kreuz: Die "technikgläubige" Lebenswelt der Moderne hat Probleme, mitzuhalten, angesichts der Pandemie. Die Kirchen greifen umso beherzter zu modernen Mitteln, um fürs Seelenheil der Gläubigen zu kämpfen: das zwischen Ausgangsbeschränkungen und Gottesdienstverbot kaum weniger bedroht zu sein scheint als die körperliche Gesundheit. Die Slowakei wurde gerade per Kleinflugzeug gesegnet, das eine Pest-Reliquie an Bord hatte, die weißrussische Hauptstadt Minsk mit Weihwasser besprengt, vom Hubschrauber aus.

    Ganz so hoch hinaus gehen die Geistlichen hierzulande nicht, wo der um sich greifenden Verunsicherung eher digital begegnet wird. Auch Stefan Kömm hat schnell reagiert, als Seelsorger der katholischen Pfarreiengemeinschaft Niederwerrn-Oberwerrn: angesichts eines bischöflichen Dekrets, wonach (zunächst) bis 19. April keine öffentlichen Gottesdienste mehr stattfinden sollen,  im Einklang mit staatlichem Seuchenschutz.

    "Wort zur Woche aus Niederwerrn", nennt sich der YouTube-Film, der schon ein wenig viral gegangen ist, mit einer Ansprache des Pfarrers aus der Kirche St. Bruno. "Halten wir heute voneinander Abstand, damit wir uns morgen wieder umarmen können": Stefan Kömm zitiert zu Beginn die ermutigenden Worte des Bundespräsidenten – und wünscht allen zumindest ein "Senfkorn" Vertrauen. Die professionell geschnittene Videobotschaft hat binnen weniger Tage die 1000-Besucher-Marke überschritten. Weitere Beiträge werden samstags ab 18 Uhr folgen.

    Krankenbesuche sollen weiterhin möglich sein

    Derweil ist das Pfarrbüro nur noch telefonisch oder per E-Mail erreichbar. Krankenbesuche sollen weiterhin möglich sein. Geburtstagsvisiten sind abgesagt, gerade mit Rücksicht auf ältere Menschen. Ebenso die Vorbereitungen auf Erstkommunion oder Firmung. Die Pfarrheime bleiben geschlossen, Trauerfeiern sind auf dem Friedhof nur noch im engsten Familienkreis möglich. Die Kirchen selbst sind geöffnet, fürs persönliche Gebet, ausreichend Abstand zu anderen Kirchgängern vorausgesetzt.

    Kömm hat manch positive Rückmeldung auf das "Wort zur Woche" erhalten. Die 12-Minuten-Premiere hat der YouTuber allein produziert, als geistlicher "Influencer" im besten Wortsinn: "Ich nehme seit 20 Jahren Hobby-Videofilme auf". Derzeit erhält der Pfarrer viele Mails, in denen es um persönliche Sorgen geht: nicht nur vor der Krankheit, sondern auch deren Folgen. Um die weitere Zukunft, den Arbeitsplatz etwa. "Ich merke, dass Hunger da ist, nach Trost und Zuspruch, aber auch Gemeinschaft und vertrauten Gesichtern." Die Situation sei beispiellos.

    Die evangelische Kirche will ebenfalls Hoffnung und Zuversicht knospen lassen.
    Die evangelische Kirche will ebenfalls Hoffnung und Zuversicht knospen lassen. Foto: Uwe Eichler

    Ein Oberwerrner habe ihm berichtet, dass selbst im Krieg Gottesdienste möglich waren. Für die Sonntage, ab 10.30 Uhr, werden Hausgottesdienste vorgeschlagen, in den eigenen vier Wänden. Die Gebetshilfen können entweder online heruntergeladen und ausgedruckt oder im Einkaufsmarkt Maul und den Kirchen mitgenommen werden. Auf www.pg-niederwerrn-oberwerrn.de werden die Gemeindemitglieder auf dem Laufen gehalten.  

    Die Niederwerrner Ministranten bieten Menschen aus Risikogruppen einen Einkaufsdienst an, für den Supermarkt oder die Apotheke. Jeweils einen Tag vorher, Montag oder Donnerstag, von 10 bis 12 Uhr, können sich Menschen im Pfarrbüro melden, unter Telefon (09721) 48454, und ihre Adresse und Telefonnummer hinterlassen. Dienstag und Freitag wird dann eingekauft, mit Sicherheitsabstand: "Den Einkauf stellen wir Ihnen vor die Türe", heißt es in der Mitteilung. Nachdem "Corona" wenig Rücksicht auf Konfessionen nimmt, gilt das Angebot natürlich unabhängig vom Glaubensbekenntnis.

    Einkaufshilfe der Dorfjugend

    Die Einkaufshilfe der Dorfjugend Oberwerrn ist ebenfalls auf der Homepage verlinkt. Ein Zeichen der Ökumene soll das gemeinsame Gebetsläuten der Kirchen in Nieder- und Oberwerrn sein, täglich ab 21 Uhr. Sowohl in der evangelischen Dorfkirche, als auch in St. Bruno und St. Bartholomäus wird an einem Strang gezogen, jeweils drei Minuten lang, mit Segensgebet: Dazu darf jeder ein "Herr stärke uns" und ein Vaterunser sprechen – oder auch ein Lied singen.   

    "Unser Anliegen ist, in Kontakt zu bleiben, als Menschen in der Gemeinde Niederwerrn", sagt Pfarrerin Grit Plößel, zum Läuten gegen die Corona-Krise, über alle Kirchtürme hinweg. Die evangelische Kirche hat ähnliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen wie ihre katholische Schwesterkirche. Sämtliche Gottesdienste und Veranstaltungen (mit Ausnahme von Trauerfeiern im kleinen Kreis) sind vorerst (bis zum 19. April) abgesagt, das Pfarramt bleibt geschlossen.

    Wer zur Risikogruppe gehöre, kann dort, unter Telefon (09721) 40062, Einkaufshilfe nachfragen. Auch seelsorgerischer Beistand ist so möglich. Die Dorfkirche wird tagsüber für das Gebet geöffnet. Der Patienten-Besuchsdienst der Diakonie läuft weiter. Auch die Arbeiten am neuen Kindergarten sollen bis September wie geplant weitergehen: "Notfalls hätten wir einen Plan B."

    Konfirmationen im Mai stehen auf der Kippe

    Die für Mai geplanten Konfirmationen stünden allerdings "auf der Kippe", so Plößel, vermutlich werden sie auf Herbst verschoben. Derzeit informiert die Geistliche vor allem per www.niederwerrn-evangelisch.de. In der Krise gebe es regelmäßig ein "Update" von der Landeskirche, auch wenn die Gemeinde vieles selbst entscheide: Kömms Idee mit der ökumenischen Gebetsgemeinschaft "um Neun" fand sofort Zustimmung.

    Ein Besuch der Partnergemeinde in Rio de Janeiro wurde indes storniert – angesichts unsicherer Flugverbindungen und möglicher Weiterverbreitung des Virus in Brasilien: "Momentan sind wir hier der Hot Spot." Die Situation sei nicht gut, sagt die Pfarrerin. Aber vielleicht eine Chance für die Menschen, über ihr Verhalten nachzudenken, in modernen (Krisen-)Zeiten.

    Mittlerweile steht das Programm für die Karwoche in St.Bruno fest: Am Samstag, 4. April, ab 18 Uhr, gibt es ein "Wort zum Palmsonntag" auf der Homepage, mit "gemeinsamem" Hausgottesdienst tags darauf ab 10.30 Uhr. Auch für Gründonnerstag, ab 9 Uhr, ist ein Beitrag geplant, mit Hausgottesdienst ab 20 Uhr. Karfreitag gibt es die Video-Botschaft ab 9 Uhr, den Hausgottesdienst ab 15 Uhr, in der Osternacht ab 21 Uhr, mit Livestream im Internet. Am Ostersonntag ist die Video-Botschaft ab 9 Uhr geplant. Näheres auf der Pfarrei-Homepage www.pg-niederwerrn-oberwerrn.de

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