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    Schweinfurt

    Krematorium: Was von uns übrig bleibt

    Ein letzter kontrollierender Blick in die Verbrennungskammer, nachdem der Sarg hinein geschoben wurde. Aufgrund der hohen Temperaturen entzündet sich das Holz von selbst. Foto: Helmut Glauch

    "Die letzte Reise", dass sind nur ein paar Meter. Gerademal der kurze Weg, den die Einfahrmaschine zurücklegt, mit der die Särge in die Verbrennungskammer geschoben werden. Die Klappe öffnet sich, der Sarg fährt wie auf Schienen hinein. Aufgrund der dort herrschenden Temperatur von über 700 bis hin zu maximal 1300 Grad entzündet sich das Holz des Sarges von selbst, die Klappe schließt sich, die Einäscherung nimmt ihren Lauf.  Mehr als 3000 Mal pro Jahr wiederholt sich dieser Vorgang im Krematorium II auf dem Schweinfurter Hauptfriedhof. In den mehr als als 50 Jahren, in denen die Einrichtung in Betrieb ist, summiert sich diese Zahl auf knapp 121 000 Feuerbestattungen. 

    Was bleibt I: Nägel, Platten, künstliche Gelenke. Was den Menschen zu Lebzeiten half und Mobilität verschaffte ist am Ende nur noch Altmetall. Foto: Helmut Glauch
    Was bleibt II: Bevor die Särge dem Feuer zugeführt werden, werden alle Griffe und Metallbeschläge entfernt. Auch diese Rohstoffe werden dem Recycling zugeführt.  Foto: Helmut Glauch

    Diese Art der Bestattung, so erklärt Helmuth Schlereth (städtischer Leiter der Friedhöfe und des Krematoriums) der Besuchergruppe, sind heute gegenüber den Erdbestattungen klar in der Überzahl. Im Rahmen der Seniorenwochen haben sich ein knappes Dutzend Senioren für diese etwas andere "Friedhofsführung" angemeldet.  Die große Zahl der Urnenbeisetzungen, das war nicht immer so, erklärt Schlereth weiter. Die christliche Mythologie spricht eigentlich für die Erdbestattung, sei doch der Mensch aus Lehm geformt und solle wieder zu Erde werden.

    Erst um 1800 wurde das erste Krematorium in Frankreich gebaut, viel später, 1874 in Gotha, das erste in Deutschland. Noch einmal 30 Jahre später, 1904,  wurde in Coburg eines gebaut. Vor allem die katholische Kirche tat sich lange schwer mit dieser Form der Bestattung, die beispielsweise bei den Hindus der Normalfall ist. Erst mit dem II. Vatikanischen Konzil, das ab 1962 stattfand, wurde den Katholiken  die Einäscherung freigestellt. Sie fristete dennoch lange ein Exotendasein. In Schweinfurt, damals sozialdemokratische Arbeiterstadt, ging das neu erbaute Krematorium aber schon 1965 in Betrieb.

    Einst schwarzer Rauch aus dem Schornstein

    Was bleibt III: Auch Edelmetalle, wie hier zum Beispiel Zahngold, werden gereinigt und wiederverwertet. Foto: Helmut Glauch

    Seinerzeit noch ohne Rauchgasreinigung, berichtet Schlereth. Wenn schwarzer Rauch aufstieg wussten die Anwohner was es geschlagen hat. Was da gerade passierte, war für die Anlieger nicht nur deutlich zu riechen, sondern es war auch angesichts der dunklen Schwaden besser die Wäsche von der Leine zu nehmen. Der Tod ist immer noch der Tod, aber in der Krematoriumstechnik hat sich seither viel geändert.  1996 investierte die Stadt vier Millionen Mark in die neue Anlage, Rauchgasreiniger wurden eingebaut, die alten Öfen verschwanden. 2010 wurde nochmal technisch aufgerüstet. Selbst Formaldehyd oder Quecksilber können seither abgeschieden werden, der Vorgang ist bei aller gebotenen Pietät ökologisch gesehen eine "saubere Sache".       

    Aus bis zu 100 Kilometer Entfernung werden die Verstorbenen nach Schweinfurt gebracht. Mit der deutschen Wiedervereinigung stieg die Zahl der Feuerbestattungen noch einmal richtig an, war doch dies Einäscherung in der DDR die Regel.  Auch heute noch werden die Särge aus dem Umland nach Schweinfurt gebracht, doch längst sind auch die Feuerbestattungen ein "Markt", private Anbieter sind dazugekommen. Nicht nur im Leben, auch im Tod geht es um Geld und die damit verbundenen Auswüchse, lassen sich Schlereths Ausführungen zu diesem Thema zusammenfassen.

    Altmetall und sonstiges Recyclingmaterial

    Wie lange die Verweildauer in der Brennkammer ist, das hängt auch von Größe und Gewicht der Totenab. Zurück bleiben nicht nur Asche und Knochen, sondern auch all jene Teile, die im Laufe eines langen Lebens in so manchem Menschen "verbaut" wurden. Kniegelenk, Hüftgelenk, Schrauben und Platten die Knochenbrüche stützten, Reste von Herzschrittmachern. Altmetall, das der Wiederverwertung zugeführt wird. In der Urne landet nur die Asche, die bei der Verbrennung der Knochen entsteht. 1999 hat man eine Aschenmühle angeschafft, 40 000 Mark wurden seinerzeit investiert. Eine Investition, die  sich gelohnt hat, so makaber das klingt, denn seither  können auch Edelmetalle, wie sie zum Beispiel in Form von Zahngold oder Platin im Menschen zu finden sind, selektiert werden. Und da kommt was zusammen – für den guten Zweck. Bis zu 100 000 Euro werden jährlich aus dem Verkauf dieser bei der Verbrennung geschmolzenen Edelmetalle erlöst und einer gemeinnützigen Sache zugeführt.  So tut der Tod, so endgültig er ist, sogar noch etwas  für die Lebenden.        

    Helmuth Schlereth, seit 25 Jahren Leiter der Schweinfurter Friedhöfe und des Krematoriums, erklärte den Gästen die Arbeitsabläufe im Krematorium. Foto: Helmut Glauch

    Die Zahl der Feuerbestattungen steigt weiter, Veränderungen in den Familienstrukturen und die Frage "Wer pflegt das Grab?" spielen auch da eine Rolle. Mit der Frage "Was ist günstiger"  hat das weniger zu tun, die Ruhezeiten für Grab oder Urne sind gleich – 20 Jahre. Schon zu Lebzeiten alles regeln oder den Hinterbliebenen überlassen? Auch das ist keine Frage, die sich pauschal beantworten lässt. Auf den Schweinfurter Friedhöfen kann sich jeder, wenn er das möchte, schon zu Lebzeiten sein Plätzchen für die Ewigkeit sichern. Bestattet wird aber jeder, auch wenn er ohne Geld und Angehörige von dieser Welt gegangen ist. Dann wird die Bestattung, möglichst den Wünschen des Verstorbenen gemäß, über das Ordnungsamt erledigt.  

    Jede Einäscherung hat ihre Nummer, der Reihe nach werden die Urnen befüllt. Foto: Helmut Glauch

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