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    EBRACH

    Kümmert rockt den Ebracher Knast

    Andras Kümmert sang sich beim Konzert der „Docdoors“ in der JVA Ebrach die Blues-Seele aus dem Leib. Ermöglicht hatte den Auftritt der Ebracher Gefangenenhilfsverein Schritt für Schritt.
    Andras Kümmert sang sich beim Konzert der „Docdoors“ in der JVA Ebrach die Blues-Seele aus dem Leib. Ermöglicht hatte den Auftritt der Ebracher Gefangenenhilfsverein Schritt für Schritt. Foto: Norbert Vollmann

    Nach diesem Konzert hätten sich auch draußen alle in Freiheit befindlichen Kümmert-Fans die Finger geleckt. So blieb es in Bayerns größtem Jugendgefängnis, der JVA Ebrach, einer elitären Zahl von rund 30 kriminell gewordenen jungen Männern vorbehalten, die hörenswerte Bluesrock-Inszenierung mitzuerleben. Zusammen mit Andreas Kümmert (Gemünden), Tobias Niederhausen (Karlstadt) und Andy Meyer (Estenfeld) machten sie sich auf eine Reise zu den Wurzeln des Blues, Rock, Rock?n?Roll und ein wenig auch des Soul der 1960er- und 1970er-Jahre. „Docdoors“ nennt sich das Trio in Anlehnung an die legendären Doors um ihren Sänger Jim Morrison.

    Das Konzert fand wieder im altehrwürdigen Kapitelsaal am Ende des Kreuzgangs statt. Der Raum besticht durch seine der Höhe und dem Stuck an Wänden und Decken geschuldete tolle Akustik. Hall muss praktisch nicht zugemischt werden. Die Töne bleiben lange genug von alleine stehen.

    Im Kapitelsaal kamen in dem alten Zisterzienserkloster einst die Mönche zusammen, um die Versammlung mit der Lesung eines Kapitels aus der Ordensregel oder aus den Schriften der Kirchenväter zu beginnen. Daher der Name Kapitelsaal.

    Während es in Ebrach indes für immer kein Zurück mehr zur klösterlichen Einfachheit geben dürfte, so gab es an diesem Abend jedoch ein Zurück zur musikalischen Einfachheit und Ursprünglichkeit von ausgewählten, stark bluesig angehauchten Klassikern der Rock- und Popgeschichte. Drei E- und Akustikgitarren, die Wahnsinnsstimme des von seinen beiden Kollegen gesanglich unterstützten Andreas Kümmert und ein von „Wuschi“ Meyer betätigtes Fuß-Tambourine, jeweils nur leicht elektronisch verstärkt, das war alles und machte die Mischung. Blues-Rock vom Feinsten wie er sein muss: dargeboten mit ganz viel Leidenschaft und Seele, aber ohne akustischen Schnickschnack.

    Bei so viel Kargheit wollte wohl Andreas Kümmert auch bei der Moderation nicht zurückstehen. So präsentierte er sich in dieser guten Stunde äußerst wortkarg, aber während des Konzerts selbst wie immer stimmgewaltig. Zu Beginn ein „Hallo! Schön, dass Ihr da seid“ und ein „Alles Gute für Eure Zukunft“ am Ende, das war's fast schon.

    Immerhin kam auch Andreas Kümmert in der Pause hinter dem Vorhang hervor. Ein Gefangener wollte von ihm wissen „wie das 2013 war bei Voice of Germany?“. „Abgedreht“, so die kurz und bündige, aber klare Antwort Kümmerts. Ob er davon reich geworden ist? Nicht wirklich, aber es habe einen Plattenvertrag gegeben und dank des gestiegenen Bekanntheitsgrades habe er ein eigenes Plattenlabel gründen können, lässt er wissen.

    Dann ging es auch schon wieder an die Arbeit. Schließlich sollte die Musik im Vordergrund stehen, bei einem wie immer eng geschnürten Zeitkorsett. Die Gefangenen müssen schließlich wieder von den Vollzugsbeamten zurück auf ihre Zellen gebracht und eingeschlossen werden.

    Improvisation wie bei den meisten Soli war auch bei der Auswahl der Stücke angesagt. Mehr oder weniger entschied das Bauchgefühl, welcher nächste Song auf Zuruf von Andy Kümmert von dem Trio angestimmt wurde.

    Das Programm bestand aus einem handverlesenen Repertoire von bekannten und weniger bekannten Klassikern und Perlen der Musikgeschichte, stets mit eigenem Stempel und gebührendem Respekt vor dem jeweiligen Original interpretiert. Überhaupt: Kaum jemand interpretiert die Original-Songs so gekonnt wie Andreas Kümmert, indem er ihnen seinen eigenen Stempel und einen eigenen Charakter aufdrückt und so das Original ein klein wenig zum eigenen Song macht.

    So wie im ersten Teil bei „Easy“ (I?m Easy Like Sunday Morning), dem Welthit von Lionel Richie und den „Commodores“ oder „Don?t Let Me Down“ von den Beatles als besonders eingängige Nummern neben typischen Blues-Klassikern.

    Nach der kurzen Pause folgte dann ein kurzes Intermezzo mit einem Überraschungsgast aus dem Publikum. Anderes Kümmert meinte nur, „in der Pause war jemand hier, er sagte, er könne rappen, wir laden ihn gerne ein.“ Dann ging es auch schon los, indem der junge Häftling mit rhythmischer Begleitung der „Docdoors“ zur Freude seiner begeisterten Mitgefangenen unbe-kümmert drauf los rappte. Es sollte allerdings der einzige deutsche Titel bleiben. Danach ging es wieder auf Englisch weiter und mit Akustikgitarren und ohne Gesangsmikrofon mit prallem Rhythm & Blues mitten rein ins Publikum, dessen Nähe suchend und findend.

    Zurück vor dem Vorhang und wieder mit eingesteckten Kabeln verrieten schon die ersten Takte, dass die „Docdoors“ nun ihrem Namen alle Ehre machen würden. Es war unverkennbar Doors, was da in die Ohren drang, allerdings mit „The Spy“ keiner der großen Hits, eher ein Geheimtipp. Der Song ist dafür Andreas Kümmert regelrecht auf den Leib und die Stimmbänder geschneidert, wenn er in bester Morrison-Manier singt: „I'm spy in the house of love. I know the dream that you're dreamin' of. I know the way that you long to hear. I know your deepest, secret fear.”

    Um das Publikum wieder aus der mystischen Verklärt- und Versunkenheit herauszuholen, hätte es keinen besseren Kontrast gegeben als James Brown?s Soul-Granate „It?s a Man?s Man?s Man?s World“. Ein Hammer, so wie Andreas Kümmerts Stimmorgan. Etwas gediegener und dafür wieder umso bluesiger Gary Clark juniors „If Trouble Was Money“. Es folgte das große Finale mit dem Blues-Standard „Sweet Home (Chicago)“. Obwohl bei fortgeschrittener Zeit nicht immer bei den Konzerten im Knast üblich, gab es am Ende des Auftritts die lautstark geforderte Zugabe. Es wurde Jimi Hendrix‘ Rock-Ballade „The Wind Cries Mary“. Ein würdiger Schlusspunkt.

    Der ehrenamtliche Ebracher Gefangenenhilfsverein „Schritt für Schritt“ war es, der die „Docdoors“ um Andreas Kümmert für das mittlerweile 10. Konzert hinter den dicken Mauern im einstigen Zisterzienserklosters verpflichtet hatte. Die Damen um Sibylle Röding, Ursula Schneeberger und Anke Bub, die nach der Begrüßung durch Patricia Richter von der JVA die „Docdoors“ vorgestellt hatte, ließen es mit der hochkarätigen Band noch einmal so richtig für die Gefangenen krachen.

    Der 2007 gegründete Verein wird sich angesichts fehlenden Nachwuchses an ehrenamtlichen Mitstreitern Schritt für Schritt nun wieder verabschieden, wie zu hören war. Die Vereinsauflösung ist beschlossene Sache. Verschiedene Mitglieder werden als Solisten ehrenamtlich noch Besuchsdienste übernehmen und vielleicht auch andere Dinge organisieren, aber nicht mehr unter dem Dach eines eingetragenen Vereins.

    Irgendwann passte dann auch die Bekanntgabe dieser Entscheidung zu einem Konzert, das im Zeichen des Blues und somit einer gewissen Traurigkeit stand.

    Online-Tipp

    Online-Tipp: Mehr Bilder von dem Konzert gibt es im Internet unter www.gerolzhofen.de

    Die „Docdoors“ waren in Bayerns größtem Jugendgefängnis, der JVA Ebrach, zu Gast. Das Trio besteht aus dem Sänger Andreas Kümmert (rechts) sowie den Mitgitarristen Tobias Niederhausen (Mitte) und Andy Meyer (links).
    Die „Docdoors“ waren in Bayerns größtem Jugendgefängnis, der JVA Ebrach, zu Gast. Das Trio besteht aus dem Sänger Andreas Kümmert (rechts) sowie den Mitgitarristen Tobias Niederhausen (Mitte) und Andy Meyer (links). Foto: Norbert Vollmann
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