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    REGION GEROLZHOFEN

    Langer Stromausfall wäre eine Katastrophe

    Die Unterfränkische Überlandzentrale (ÜZ) gilt als sicherer Stromversorger mit einer der geringsten Ausfallzeiten in Deutschland. Wenn einmal der Strom ausfällt, dann meist örtlich begrenzt. Und es dauert in der Regel nur Minuten, bis er wiederkommt. Dennoch ist niemand davor gefeit, dass der heutzutage nahezu unentbehrliche Saft einmal für längere Zeit ausbleibt – sei es durch eine Naturkatastrophe oder durch einen Terroranschlag.

    Im Hier und Heute der hochtechnisierten Welt von IP-Telefonie, Internetnetzwerken und elektronischen Steuerungen, aber auch bei der Nutzung ganz normaler elektrischer Geräte im täglichen Ablauf können mehrere Stunden Stromausfall schon zu erheblichen Problemen führen. Viele Menschen sind, ob im beruflichen Umfeld oder bei sich zu Hause, gar nicht mehr auf einen längeren Stromausfall vorbereitet. Erst im Fall der Fälle würden sie die Problematik erkennen und die drastischen Auswirkungen spüren.

    Problem für Rettungsdienste

    Auch für die Rettungsdienste, die im Notfall raus müssen in die weite Fläche, wo kein Strom mehr ist, stellt ein Blackout eine erhebliches Problem dar. Bei zahlreichen Unterweisungen und Vorträgen bei den Feuerwehren und bei Gesprächen mit Verantwortlichen bei den Landratsämtern und Vertretern der Hilfsorganisationen zeigte sich für die ÜZ, dass hier sowohl Informations- als auch Abstimmungsbedarf besteht.

    Deshalb hatte die ÜZ aus ihrem Versorgungsgebiet rund 40 verantwortliche Mitarbeiter der Landratsämter, Führungskräfte von Feuerwehren, THW und den Rettungsdienstorganisationen, Sanitätseinsatzleitungen, Mitarbeiter der integrierten Leitstellen in Würzburg und Schweinfurt sowie Vertreter der örtlichen Polizei eingeladen zu der Veranstaltung „Stromausfall und Krisenmanagement – Auswirkung auf die Infrastruktur“.

    Notstromaggregate und Dieselvorrat

    Jürgen Kriegbaum, der zuständige Bereichsleiter Netzservice bei der ÜZ, berichtete in seinem Vortrag, wie sich ÜZ selbst gegen Stromausfall schützt. Dazu gibt es ein Notstromaggregat mit 630 Kilovoltampere für das komplette Werksgelände. 10 000 Liter Dieselvorrat im Erdtank reichen für eine Woche aus. Auch die Umspannwerke und wichtige Schalthäuser sind durch Notstromaggregate und große Batterieanlagen gesichert.

    Kriegbaum erläuterte die enge Zusammenarbeit der ÜZ mit den verschiedenen Hilfsorganisationen und Behörden. An erster Stelle stehe das Ziel, die Kommunikation zu den Hilfsorganisationen aufrecht zu erhalten. Grund: Bei einem Stromausfall kommt es nach kürzester Zeit zum Zusammenbruch der Festnetz- und Mobilfunknetze. Auch Fernsehen und Radio können dann üblicherweise nicht mehr empfangen werden.

    Hier kann oftmals nur noch das Autoradio als zumindest zeitweise Möglichkeit zur Kommunikation zwischen Krisenstab und Bevölkerung als Informationsplattform genutzt werden. In diesem Fall stehen den Hilfskräften und der Polizei der Digitalfunk und der betriebseigene ÜZ-Digitalfunk zur Verfügung.

    Gefahr durch Naturkatastrophen und Terror

    Thomas Lindörfer, Geschäftsführer des BRK-Kreisverbandes Schweinfurt, stellte zunächst das Leader–Projekt „VILLS – Vulnerabilität unserer kritischen Infrastruktur im Landkreis Schweinfurt bei einem Stromausfall“ vor (Vulnerabilität steht für Verletzlichkeit, Verwundbarkeit). Lindörfer zitierte aus einer Bundestagsdrucksache (18/208), in der zu lesen steht, dass eine Ausfallwahrscheinlichkeit bei der Stromversorgung höher werden wird, weil klimabedingte Extremwetterereignisse oder terroristische Anschläge als Ursachen eines Netzzusammenbruchs zunehmen werden. Ein mindestens zweiwöchiger Stromausfall auf dem Gebiet mehrerer Bundesländer würde den Folgen einer Katastrophe nahekommen.

    „Die Notwendigkeit zur Vorsorge wird überwiegend nicht erkannt“, wies Lindörfer auf den Ist-Zustand hin. Aufrütteln sei angesagt, ebenso mehr Information für Entscheidungsträger. Örtliche und überörtliche Konzepte seien nötig.

    Studie in Gerolzhofen und Wasserlosen

    Erste Ansätze dazu gibt es bereits. Lindörfer nannte hier ein gemeinschaftliches Projekt seines BRK-Kreisverbands mit der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Dabei erfassen Studenten der Fachhochschule am Beispiel der Stadt Gerolzhofen und der Gemeinde Wasserlosen im Landkreis Schweinfurt die Verletzbarkeit von Firmen, öffentlichen Einrichtungen, aber auch in privaten Haushalten bei einem Stromausfall. Gefragt wird auch nach der Vorratshaltung für die Energieversorgung. Die Ergebnisse soll es im September geben.

    Eine Matrix der Eskalation

    Ein Inhalt der Studie wird auch sein, inwieweit die Folgen eines Stromausfalls eskalieren, je länger der Ausfall dauert, im Falle des konkreten Projekts nach sechs, zwölf, 24, 48 Stunden und fünf Tagen.

    Ziel ist es auch, Veränderungswillen bei Entscheidern im kommunalen, unternehmerischen und privaten Kontext zu entwickeln. Sie sollen Handlungsempfehlungen bekommen. Um die Bürger besser zu beteiligen, wird es eine Wanderausstellung geben. Bürger werden aufgefordert werden, ein eigenes Risikomanagement zu entwickeln. Teil des Projekts ist eine sehr persönliche Ansprache zur Überlegung „Wie möchte ich mich auf ein solches Szenario einstellen“. Eine Eskalationsmatrix zwingt laut Lindörfer zu ganz persönlichen Festlegungen: „Für wie lange möchte ich im Falle eines Stromausfalls meine üblich Lebensqualität erhalten?“

    Der Leiter Technik der Staatlichen Feuerwehrschule Würzburg, Brandamtmann Stephan Brust, beleuchtete die Herausforderungen für die Hilfsorganisationen, die im Falle eines Stromausfalls selbst auf die Feuerwehren, THW und Rettungsdienst zukommen. Probleme kann es angefangen von der Alarmierung über die Versorgung der eigenen Gebäude bis hin zur Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit von Personal und Fuhrpark geben.

    Notstrom nicht zur Einspeisung geeignet

    Einen Schwerpunkt der technischen Erläuterung bildete der wichtige Hinweis, dass viele der üblichen aktuellen Notstromaggregate der Hilfsorganisationen nicht für eine direkte Einspeisung in Gebäude geeignet sind. Das führte Stephan Brust eindrucksvoll vor. An einem Testobjekt erzeugte er einen geplanten Kurzschluss, um so den Nachweis der Unterschiede zum „normalen“ Stromnetz zu veranschaulichen. Gleichzeitig stellte Brust die Frage, ob eine Stromeinspeisung überhaupt Aufgabe der Feuerwehr sei.

    Aggregat für 600 Einwohner

    Nach den Vorträgen besichtigten die Teilnehmer den umfangreichen Fahrzeugpark der ÜZ und der Feuerwehrschule sowie Notstromaggregate. Das größte dieser Aggregate könnte 600 Einwohner versorgen. Eine Führung durch die Netzleitstelle, das Rechenzentrum sowie weitere Einrichtungen auf dem ÜZ-Gelände rundeten das Programm ab.

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