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    Schweinfurt

    Leserbrief: Spardiktat bewirkt ein Defizit an Menschlichkeit

    Zum Artikel „Das Leo auf Erfolgskurs gebracht" (8. Februar) erreichte die Redaktion folgender Leserbrief.

    Die Überschrift bedarf einer Ergänzung. Sie sollte heißen: „... wirtschaftlich auf Erfolgskurs gebracht". Als ehemaliger, langjähriger Chefarzt im Leo – ich habe die Umwandlung in eine GmbH miterlebt – möchte ich den Artikel aus ärztlicher Sicht ergänzen.

    In den 1990er-Jahren drohte eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Um sie zu verhindern, beschloss die Politik die Umstellung der Krankenhausfinanzierung von Tagessätzen auf Fallpauschalen mittels Klassifikation in diagnosebezogene Fallgruppen – ein völlig neues Abrechnungssystem. Während früher das Krankenhaus durch lange Liegezeiten der Patienten auf seine Kosten kam, sind es nun hohe Patientenzahlen und bestimmte Prozeduren an den Patienten, die das Geld bringen.

    Um mehr Fälle und Prozeduren durchschleusen zu können, wurden die Liegezeiten der Patienten erheblich verkürzt. Dazu kam ein Sparzwang, der dazu geführt hat, dass nicht nur das Unnötige gespart wird, sondern es wird auch am Personal, dem größten Kostenfaktor im Krankenhaus, gespart und damit an der Kontaktzeit des pflegerischen und ärztlichen Personals mit den Patienten.

    Bei der Ökonomisierung des Krankenhauses – das war Herrn Schmukers Auftrag, den er offenbar hervorragend erfüllt hat – wurde verdrängt, dass das „Werkstück" Patient, anders als um Beispiel ein Kugellager, lebendig ist und Gefühle hat wie Angst und Sorgen und Fragen hat und mitreden möchte, also pflegerische und ärztliche Zuwendung von Mensch zu Mensch, kurz Menschlichkeit, braucht und damit Zeit beansprucht.

    Zeit aber ist Geld. Durch das politische Spardiktat ist es in den Krankenhäusern – nicht nur im Leo – zu einem Defizit an Menschlichkeit gekommen, einem mangels Zahlen betriebswirtschaftlich schwer zu fassenden Begriff, der gern als Schlupfloch für Unwirtschaftlichkeit bezeichnet wird.

    Dieses Defizit muss von der Politik, die auch eine soziale Verpflichtung hat, ausgefüllt werden. Es genügt nicht, die Menschlichkeit, also Zuwendung zum Patienten, ehrenamtlichen Helfern, im Leo zum Beispiel den sehr verdienten Grünen Damen und Herren, zu überlassen, die zwar nichts kosten, aber Laien sind und die medizinische Fragen nicht beantworten können.

    Prof. Dr. Hartwig Bülow
    97422 Schweinfurt

    Bearbeitet von Gabriele Kriese

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