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    Gerolzhofen

    Leserforum. Die Bevölkerung ist rückläufig

    Zum Beschluss des Gerolzhöfer Stadtrates, das Neubaugebiet "Am Nützelbach II" auf den Weg zu bringen erreichte uns folgender Leserbrief.

    Auch wenn uns die Vision vom ewigen Wachstum noch so oft vorgegaukelt wird - Gerolzhofen hatte in den vergangenen drei Jahren die folgende Einwohnerentwicklung: 2016 mit 6908 Einwohner, 2017 mit 6899 Einwohner und 2018 mit 6899 Einwohner mit Hauptwohnsitz, wobei hier noch 119 Asylanten mit enthalten waren, die wohl nicht alle in Gerolzhofen bleiben werden. Die Einwohnerzahl der Stadt Gerolzhofen sollte im Jahr 2018 laut Prognose des Bayerischen Landesamts für Statistik (LfStat) auf 6900 angewachsen sein und soll dann in etwa 15 Jahren nach und nach schrumpfen. Ohne die Flüchtlingskrise wäre diese Prognose noch nicht einmal erreicht worden!

    Auch die beiden „Visionen“ aus den Reihen des Stadtrates (" Ziel müssen 8000 Einwohner in Gerolzhofen bis 2035 sein“ und „Baugebiet in Form einer Ringstraße, das in den nächsten Jahrzehnten Wohnraum für rund 1000 Bewohner bietet“) sollte man so nicht unkommentiert stehen lassen. Das würde bis zum Jahr 2035 einen Zuwachs von 15,95 beziehungsweise 14,5 Prozent bedeuten. Falls diese Zahlen durch Geburtenüberschuss oder Zuwanderung zustande kommen sollten, würde Gerolzhofen die vom LfStat prognostizierten Wachstums-Spitzenreiter in Bayern, die Landkreise Dachau mit plus 13,2 Prozent und Ebersberg mit plus 13,0 Prozent glanzvoll in den Schatten stellen – und die Profis vom LfStat wären ahnungslose Nichtskönner. 

    Die rückläufige Bevölkerungsentwicklung bei gleichzeitiger Überalterung in Unter- und Oberfranken lässt sich nicht mehr umkehren, bestenfalls verlangsamen. Sinkende Geburtenzahlen führen logischerweise in Zukunft zu weniger Eltern. Zuwanderung (woher?) kann diesen Schwund nicht ausgleichen. Oder sollen diese Zahlen durch teilweise Umschichtung von innen nach außen erreicht werden? Dieser Irrweg wurde andernorts schon beschritten und hat sich als „Kannibalisierung der Umlandgemeinden beziehungsweise als Selbstkannibalisierung“ erwiesen. Haßfurt kannibalisiert gerade seine eigenen Ortsteile.

    Das Dumme ist nur, dass die politischen Mehrheiten in fast allen unterfränkischen Kommunen auf Einwohnerzuwachs durch Ausweisung von Neubaugebieten setzen, weil sie glauben, dass dadurch für ihre Gemeinden Wachstum entsteht, und sei es auch nur für die Bauwirtschaft. Weil aber fast alle so denken, kann das bei der gerade stattfindenden demographischen Entwicklung nicht funktionieren. Der Flächenverbrauch stößt sowieso an seine Grenzen. Es besteht die Gefahr, dass viele unterfränkische Gemeinden in Einzelkämpfermanier der nächsten Generation halbbebaute Äcker mit Straßenbeleuchtung hinterlassen, bei gleichzeitigem Leerstand im Altortbereich (siehe zum Teil schon seit Jahren im Bereich „Weiße Marter“).

    Das einzig probate Gegenmittel wäre professionelles Flächenmanagement mit konsequenter Innenentwicklung gewesen (vgl. Stadt Schweinfurt; das „Schweinfurter Modell“; siehe auch die vorausschauende Ermittlung des Wohnraumbedarfs junger Familien der Generation 20/35 und des schon auf den Markt drängenden Wohnraumpotentials der Generation 70+). Erst wenn das alles ausgeschöpft worden ist, sollten Neubaugebiete ausgewiesen werden. Das LfStat irrt sich garantiert nicht; es sei denn bei unvorhersehbaren Ereignissen. Übrigens: Wohnimmobilien haben zur Zeit in unserem Landkreis einen Wertverlust von - 0,3 Prozent bis -1,3 Prozent pro Jahr (Postbank Wohnatlas 2019).

    Zum Schluss noch ein Hinweis: Das Beste, was ich diesbezüglich im Internet gefunden habe, war eine 64 Seiten starke Broschüre des Landkreises Donau-Ries: „Arbeitshilfe für Kommunen / Flächen-management und Innenentwicklung im Landkreis Donau-Ries“. Dort wird bis ins Detail beschrieben, wie man vom Problem zur Lösung kommt, einschließlich Ansprache von Eigentümern mit Erhebungsbögen für Leerstände und Baulücken zum Anlegen einer Flächenmanagementdatenbank. Schauen Sie sich bitte diese Broschüre an; es lohnt sich. Warum sollten wir in Gerolzhofen nicht das schaffen, was im Nördlinger Ries bereits am gelingen ist ? Allerdings: Es dauert einige Jahre.

    Josef Fröhling
    97447 Gerolzhofen

    Bearbeitet von Helmut Hickel

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