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    EBRACH

    Milchbauern demonstrieren mit Kuh auf dem Turm

    Die lebensgroße Kuh aus Hartplastik wieder vom 42 Meter hohen Aussichtsturm des Baumwipfelpfades Steigerwald bei Ebrach zu holen, war die leichtere Übung. Sie mit vereinten Kräften gestandener Milchbauern dorthin hinaufzutragen war die deutlich schweißtreibendere Arbeit bei dieser spektakulären Aktion des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Schließlich wiegt das Maskottchen an die 35 Kilo.

    Dafür waren die BDM-Aktivisten mit ihrer schwarz-rot-goldenen „Faironika“ so hoch oben auf dem Gipfel wie nie zuvor auf ihrer Deutschland-Tour für einen „Milchmarkt mit Aussicht“. Ob die Aussichten für die deutschen Milchbauern so gut werden wie der Blick vom Turm des Baumwipfelpfades auf die ober- und unterfränkischen Lande, das muss indes die Zukunft noch zeigen.

    Das Thema Milch im Gespräch halten

    BDM-Sprecher Hans Foldenauer wies eingangs seiner Rede auf die Erkenntnis hin, dass man immer und wieder aufbrechen müsse, um durch Aktionen wie diese mit Besuch aller Landwirtschaftsministerien in Deutschland das Thema Milch auf der politischen Ebene im Gespräch zu halten. Mehr denn je, sei es erforderlich, der Politik auf den Fersen zu bleiben und ihr auf die Zehen zu treten. Die Sorgen der Milchbauern seien dabei die gleichen, egal ob es nun um große oder kleinere Betriebe gehe.

    Er, so Foldenauer, habe bei den Gesprächen mit jungen Bäuerinnen und Bauern auf dieser Tour gerade erst wieder feststellen können, dass diese ihren Beruf gerne machen, aber zum einen neben der Arbeit noch am sozialen Leben teilnehmen möchten und unter dem Strich etwas übrig bleiben müsse.

    Wissen die Politiker, was draußen los ist?

    In den 20 Jahren, seitdem der BDM für die Milchviehhalter kämpfe, habe man aber erkennen müssen, „dass die Politiker in ihrem Elfenbeinturm leben und nicht mehr unbedingt wissen, was draußen los ist.“ Hans Foldenauer: „Es muss sich etwas Grundlegendes verändern, wenn es mit der Landwirtschaft und dem Ländlichen Raum insgesamt weitergehen soll.“ Dabei gebe es große Unterschiede. Der BDM-Sprecher: „In den neuen Bundesländern sieht man, wie manche Regionen noch mehr abgehängt sind. Da herrscht bittere Enttäuschung.“

    „Macht weiter, bohrt, tut was!“

    Foldenauers Appell an die mitgekommenen Milchbauerfamilien aus Unter- und Oberfranken: „Macht weiter, bohrt, tut was!“. Die Tour quer durch Deutschland habe eine ganz klare Botschaft. Die laute, so Foldenauer: „Wir haben einen immensen Veränderungsbedarf. Dabei reicht es nicht aus, ein bisschen an den Schräubchen zu drehen. Für einen Milchmarkt mit Aussicht muss mehr passieren.“ Damit meinte Foldenauer eine Abkehr von der Agrarpolitik, die einst konzentriert hin auf die Versorgung der Ernährungsindustrie mit billigen Rohstoffen wie eben der Milch ausgerichtet worden war. Der BDM-Mann machte klar: „Wenn wir diese Ausrichtung EU-weit nicht ändern, dann wird es für den Ländlichen Raum mehr als schwierig.“

    Noch sei diese Veränderung weit weg. Aber jede Veränderung beginne mit dem ersten Schritt. Ein Kundgebungsteilnehmer fügte an: „Vielleicht ist sie schon da und wir sehen sie nur nicht.“ In der Tat seien erste Veränderungen im Gange, sie müssten aber immer wieder aufgebrochen werden, so Foldenauer weiter.

    Dazu zähle im Sinne eines fairen Milchpreises die Forderung nach Erweiterung des Sicherheitsnetzes durch das vom BDM ausgearbeitete Krisenmanagement-Konzept. Foldenauer: „In Krisenzeiten muss der Mengendeckel drauf.“ Deutschland sei auf diesem Gebiet in der EU maßgebend und „muss da treiben.“

    Beispiele für „perverse Agrarpolitik“

    Foldenauer führte zwei Beispiele dafür an, „wie pervers die Agrarpolitik ist“. So würde bei der Herstellung von Mayonnaise durch einen führenden Milchverarbeiter die Anlage beim Wechsel der Chargen nicht gewaschen, sondern die neue Charge „durchgedrückt“. Das was durch die Anlage laufe bis die neue Charge in Reinform herauskomme, lande im Müll. In einer großen Wurstfabrik würde zum anderen jede vierte kontrollierte Packung aus optischen Gründen aussortiert und weggeworfen. Hans Foldenauer wurde deutlich: „Weil die Agrarpolitik für die Herrschaften in der Industrie gemacht ist, können sie diesen Unfug treiben.“

    Für einen Milchmarkt mit Aussicht

    Abschließend betonte der BDM-Sprecher unter dem Applaus der Bauersfamilien: „In diesem Sinne sind wir unterwegs und arbeiten an Veränderungen für einen Milchmarkt mit Aussicht.“ Als Sprecher der mitgekommenen Milcherzeuger, darunter Armin Zehner aus Oberschwarzach, machte sich der Elfershäuser Milchbauer Alfred Greubel für einen existenzsichernden Milchpreis und in diesem Zusammenhang für das vom BDM unterbreitete Marktkrisen-Management-Konzept für den Milchmarkt stark. Später ging es mit der „Faironika“ auf den Schultern wieder hinunter zum Parkplatz des Baumwipfelpfads.

    Der BDM tourt noch bis zum 10. September mit seinem Panorama-Bus durch Deutschland, um drängende Zukunftsfragen mit den Milchviehhalterinnen und Milchviehhaltern sowie Akteuren aus Politik, Wirtschaft, Presse und Gesellschaft auf dem Weg hin zu einem Milchmarkt beziehungsweise einer Landwirtschaft mit Aussicht zu diskutieren und für eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik zu werben.

    Tour endet auf der Alpspitze

    Um thematisch und bildlich deutlich zu machen, dass der Blick geweitet und strukturelle Herausforderungen angegangen werden müssen, um die Land- und insbesondere die Milchwirtschaft dauerhaft zukunftsfähig zu machen, steuert der BDM im Laufe der Tour symbolisch immer wieder Orte „mit Aussicht“ wie eben den Baumwipfelpfad Steigerwald an. Endpunkt ist die Alpspitze in Sichtweite zur Zugspitze.

    Problemursachen angehen, nicht nur wie jetzt bei den Dürrehilfen die Folgen mit Geld kurieren zu wollen, diesen Ansatz verfolgt der BDM seit seiner Gründung vor 20 Jahren. Auch die Landwirte selbst seien unzufrieden und unglücklich über ihre öffentliche Wahrnehmung als vermeintliche Almosenempfänger, wird betont.

    Absage an „Immer billiger, immer mehr“

    Bei den angestrebten Veränderungen werde nicht nur an die Erzeugung qualitativ hochwertiger Milch gedacht, sondern auch an Klimaschutz, Tierwohl sowie Umwelt-und Gewässerschutz, um die Herausforderungen der Zukunft durch eine soziale und nachhaltige gemeinsame Agrarpolitik weg von der Devise „Immer billiger, immer mehr“ zu meistern, so der BDM.

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