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    Schraudenbach

    Mit Besen und Kärcher gegen die Schwammspinner-Invasion

    Eimerweise sammeln die Anlieger des Forstweges am Schraudenbacher Glockenberg die Schwammspinner-Raupen von ihren Grundstücken auf. Foto: Silvia Eidel

    Seit drei Wochen dringen massenhaft Schwammspinner-Raupen in die Anlieger-Anwesen am Schraudenbacher Glockenberg neben dem Bayerischen Staatsforst ein. Je nach Wetter werden die Bewohner das noch einige Tage ertragen müssen, bevor sich die Raupen verpuppen. Ihnen bleibt nur, die Tierchen von Hand abzukehren, abzusaugen oder abzukärchern. Eine Schwammspinner-Bekämpfung mit dem Häutungsmittel Mimic war dort im Frühjahr nicht erfolgt.

    Psychische Belastung

    Die Raupen lassen sich von den Bäumen des Waldes fallen oder vom Wind verwehen. Sie dringen in die Gärten am Waldrand ein, haben alle Obstbäume – bis auf die Kirschen – kahl gefressen. Sie kriechen an den Häuserwänden hoch, in die Ritzen der Dächer, krabbeln in Massen auf Garagen, Terrassen, Haustüren und Fenster. Es ist eine enorme psychische Belastung für die Anwohner, die sich permanent gegen die Invasion wehren müssen (wir berichteten).

    Die Schwammspinner-Raupen kriechen in Massen an den Gebäuden, hier eine Garage, am Waldrand bei Schraudenbach hoch.  Foto: Konrad Bonengel

    "So etwas ist nicht das erste Mal der Fall", meinte Dr. Gabriela Lobinger, Diplom-Biologin bei der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising (LWF). Dieses Phänomen, dass bei einer Massenvermehrung der Schwammspinner weiterwandert, auch aus dem Wald hinaus, wenn dort alle Blätter weggefressen sind, habe es schon 1993/94 gegeben.

    Etliche Raupen sammelte Diplom-Biologin Gabriela Lobinger ein, um sie im Labor zu untersuchen.  Foto: Silvia Eidel

    Die Expertin aus dem Sachgebiet Waldschutz hatte das erwartet, denn sie erstellt seit Jahren die bayernweiten Prognosen für die Schädlinge. Am Dienstag war sie nach Schraudenbach gekommen, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

    Die Gemeinde Werneck hatte um fachliche Unterstützung gebeten, nachdem in der vergangenen Woche etliche Anlieger aus Schraudenbach im Rathaus Hilfe suchten. Die Kommune hatte mit ihrem Bauhof vor Ort auf gemeindlichen Flächen auch versucht, mit einer Abflamm-Aktion einiger Tierchen Herr zu werden.

    Bei einem spontanen Vor-Ort-Termin klärte die LWF-Fachfrau die aufgewühlten Anlieger auf. Diese wollten Antworten, wer für die Invasion verantwortlich ist und was nun geschieht.

    Alle zehn Jahre eine Massenvermehrung

    Im Zyklus von zehn Jahren gebe es eine Massenvermehrung, die vier bis fünf Jahre andauere, sagte die Biologin. Die Witterung seit 2015 begünstige das. "2020 dürfte das letzte Jahr für die nächsten zehn bis zwölf Jahre sein", ist ihre Einschätzung.

    Etwa 100 000 Hektar Wald habe das LWF im vergangenen Herbst in Bayern untersucht und gemeinsam mit dem AELF Prognosen erstellt und Empfehlungen abgegeben. Die Entscheidung, ob das Fraßgift Mimic vom Hubschrauber aus ausgebracht werde, treffe aber der Waldbesitzer. "Wir können niemanden zwingen". Das LWF bereite nur vor, führe die Maßnahme durch und bezahle sie auch.

    Es gebe verschiedene Verwaltungsverfahren: So habe 2018 die Regierung eine allgemeine Anordnung zur Mimic-Spritzung auf Gefährdungsflächen erlassen. In diesem Jahr aber habe sie sich zurückgezogen und beschlossen, dass nur auf vorherige Anmeldung des Waldbesitzers das Fraßgift ausgebracht wird. "Da lief ja das Volksbegehren ‚Rettet die Bienen‘ und das Ministerium  berücksichtigte die Willensbekundung der Bürger", meinte Dr. Lobinger. Sie sprach auch von vielen Hass-Mails, die sie bekomme, wenn der Häutungsbeschleuniger eingesetzt werde.

    Warum wurde nicht gespritzt? 

    Die Gemeinde Werneck hatte als Waldbesitzer einige ihrer Flächen aufgrund konkreten Gefährdungspotentials – allerdings nicht in dem besagten Bereich –zur  Mimic-Spritzung angemeldet, bestätigte Bürgermeisterin Edeltraud Baumgartl. Warum das beim Waldbesitzer Bayerischer Staatsforst bei Schraudenbach nicht der Fall war, begründete der zuständige Forstbetriebsleiter Arnstein, Christoph Riegert auf Anfrage der Redaktion. "Natürlich ist das ein hochpolitisches Thema und ich habe auch viele Termine gehabt, um Mimic zu rechtfertigen."

    Öko-System nicht in Gefahr 

    Er habe die 80 Hektar Wald bei Schraudenbach im Herbst 2018 begangen und die Ei-Gelege gezählt. An drei Punkten sei aufgrund zusätzlicher LWF-Kriterien eine Auffälligkeit aufgetreten, in einem Fall habe es eine kritische Dichte gegeben. Die Daten meldete er ans Schweinfurter Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), das gemeinsam mit der LWF die Gefährdungskarten erstellt. Allerdings habe er keine solche Karte zurückbekommen und damit auch keine Bekämpfungs-Empfehlung. "Das ist auch in Ordnung, weil der Schraudenbacher Wald in seinem Ökosystem nicht in Gefahr ist", so Riegert. Und: "Wir sind für den Walderhalt zuständig". Im Übrigen treffe die Entscheidung über einen Mimic-Einsatz nicht der Revierleiter, sondern der Vorstand der Bayerischen Staatsforsten in Regensburg.

    Vor Ort am Schraudenbacher Forstweg machte sich Biologin Dr. Gabriela Lobinger von der LWF (Dritte von links) mit Anliegern und Wernecks Bürgermeisterin Edeltraud Baumgartl (rechts) ein Bild von der Schwammspinner-Invasion. Foto: Silvia Eidel

    Auf Nachfrage beim LWF hieß es, es werde noch recherchiert, warum die Prognosedaten für die konkrete Schraudenbacher Fläche dort im System nicht angekommen beziehungsweise auffindbar seien. Daher habe es keine Gefährdungseinschätzung der LWF dafür gegeben.

    Am Schraudenbacher Forstweg sammelte Dr. Lobinger noch Raupen ein, die sie im Labor untersuchte. Bei den jüngeren, kleineren und schlaffen Larven fand sie eine Viruserkrankung, die bei Stress wie Hunger oder Energieverlust durch Nahrungssuche auftritt. Diese Raupen würden durch den Virus abgetötet und würden sich nicht mehr verpuppen. Entscheidend für die weitere Entwicklung sei jetzt, ob die Altlarven noch von den spärlichen Nachtrieben einzelner Eichen profitieren und sich normal verpuppen.

    Entsprechend der Entwicklungssituation würden bei weiterhin warmem Wetter spätestens in einer Woche bis zehn Tagen die Raupen verschwunden sein, prognostizierte die Fachfrau.

    Ziel: Ablegen der Eier einschränken

    Für die Anwohner sei es wichtig, jetzt möglichst viele Raupen abzuschöpfen, empfahl sie: Mechanisch, also durch Kehren, Saugen, "Kärchern" oder Abspritzen der Hauswände. Ziel müsse sein, das Ablegen der Eier – mehrere hundert pro Gelege – in den Grundstücken einzuschränken, damit 2020 die Gärten nicht gleich von Anfang an befallen würden. Der Einsatz von Insektiziden sei jetzt "nicht mehr zielführend".

    Äußerst gefräßig sind die Schwammspinner-Raupen, die nicht nur Eichen und Buchen, sondern auch Obstbäume oder Gras wegfressen.  Foto: Silvia Eidel

    Die gesundheitliche Belastung für den Menschen liege in der Verantwortung der Gemeinde und des Gesundheitsamts, sagte die Biologin. Diese müssten die Belastung feststellen und über Maßnahmen beraten. Vom Arnsteiner Forstbetriebsleiter kam das Angebot, gegebenenfalls mit Personal und Material einen Schutzzaun zu errichten. "Für die Bevölkerung dort sind die Raupen eine Zumutung", bekannte er.

    Was die Aussichten auf das nächste Jahr betreffen, "müssen wir aufpassen, dass aus dem lokalen Schadereignis, kein Flächenereignis wird", sagte er. Wernecks Bürgermeisterin Baumgartl will sich auf jeden Fall an die Landespolitiker wenden.

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