• aktualisiert:

    SCHWEINFURT

    Nach 71 Jahren: Mahnmal für Sinti und Roma

    Ein Denkmal für die Ermordeten: Das von Steff Bauer gestaltete Mahnmal auf dem alten Friedhof erinnert an die ermordeten Sinti und Roma: (von links) Erich Schneeberger (Vorsitzender des Verbandes Deutscher Sinti und Roma in Bayern) und Oberbürgermeister Sebastian Remelé. Foto: Anand Anders

    Niemand weiß genau, wie viele Sinti vor dem Krieg in Schweinfurt lebten. Gesicherte Zahlen gibt es nicht, weil die Nationalsozialisten zahlreiche Familien völlig ausgelöscht haben. Drei Deportationen aus Schweinfurt sind namentlich bekannt: Rosa Kreuz und Adelgunde Winter wurden in Auschwitz ermordet; Anna Mettbach, geborene Kreuz, überlebte und wohnt heute in Gießen. Ihre Schwester Klara Reinhart, die der Deportation entging, lebt mit ihrer Familie in Schweinfurt, und sie war dabei, als am Montag das Mahnmal für die Sinti und Roma im Alten Friedhof vorgestellt wurde.

    Am 16. Dezember vor 71 Jahren ordnete Heinrich Himmler den so genannten Auschwitz-Erlass an. Oberbürgermeister Sebastian Remelé zitierte bei der Feierstunde aus einem Schnellbrief des Reichskriminalpolizeiamts: „Auf Befehl des Reichsführers SS . . . sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft . . . auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen. . . Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise. . .“. Mehr als diese Worte brauche es nicht, um die Erbarmungslosigkeit und den Rassenwahn der Nationalsozialisten zu verdeutlichen, so Remelé.

    Der Verband deutscher Sinti und Roma hatte schon vor Jahren angeregt, ein Denkmal zu erstellen. Dass es erst 71 Jahre nach der Deportation realisiert wurde, erklärte Sebastian Remelé mit der Tatsache, dass der Völkermord an den Sinti und Roma „erst sehr spät einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, obwohl sie in gleicher Weise leiden mussten wie die jüdischen Mitbürger“.

    Erich Schneeberger, Vorsitzender des bayerischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma, nannte Zahlen. 500 000 Sinti und Roma im gesamten Einflussbereich der Nationalsozialisten in Europa wurden systematisch ermordet. Viele starben in der Nacht zum 3. August 1944 in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. „Ihrer aller erinnern wir uns, jedes Einzelnen der Vielen, die durch Rassenwahn und den Terror des Nationalsozialismus um Leben, Frieden und ein persönliches Glück auf Erden gebracht wurden“, so Schneeberger.

    Viele der alteingesessenen Schweinfurter Familien flohen vor der drohenden Deportation ins benachbarte Ausland. Es half ihnen nicht. Erich Schneeberger sagte, dass die meisten von ihnen später doch noch Opfer des Völkermordes wurden. Der größte Teil der Sinti, die nach dem Krieg wieder in Schweinfurt lebten, kam als Flüchtlinge – überwiegend aus Ostpreußen – in die Region.

    Der Oberbürgermeister verlas die Namen der drei Frauen aus Schweinfurt, über deren Deportation es gesicherte Erkenntnisse gibt. Rosa Kreuz, geboren am 11. April 1924, wurde nach Ravensbrück deportiert und kam später in den als „Zigeunerlager“ bezeichneten Abschnitt des Konzentrationslagers Aschwitz-Birkenau, wo sie ermordet wurde. Adelgunde Winter, geboren am 17. September 1920, zog im Mai 1942 nach Schweinfurt. Ihre Adresse lautete: Bleichrasen, Wohnwagen. Sie wurde am 13. April 1943 in Auschwitz ermordet. Sie hinterließ einen Sohn, der jahrzehntelang in Schweinfurt lebte.

    Anna Mettbach, geborene Kreuz, überlebte. Die 1926 geborene Sintezza wohnte seit 1938 in Schweinfurt. Sie durfte die Stadt nicht mehr verlassen, floh aber und wurde irgendwo in Baden verhaftet. Sie war 16 Jahre alt, als sie nach Auschwitz kam. Im August 1944 wurde sie nach Ravensbrück verschleppt und dann weiter zur Zwangsarbeit bei Siemens im sächsischen Wolkenburg. Sie überlebte den „Todesmarsch“ nach Dachau. Nach dem Krieg heiratete sie Ignatz Mettbach aus Gießen, der das KZ Buchenwald überlebt hatte. Die Brandanschläge von Mölln 1992 veranlassten Anna Mettbach, öffentlich aufzutreten. Auf der Homepage des Deutschen Dokumentationszentrums Deutscher Sinti und Roma wird sie zitiert: „Als wieder Menschen verbrannt wurden, war es meine Pflicht, vor jungen Menschen zu sprechen.“

    Ihre Schwester Klara Reinhardt erzählte nach der Feierstunde Sebastian Remelé ein wenig von ihrer dramatischen Flucht. Obwohl sie gesundheitlich angeschlagen ist, erklärte sie sich bereit, im neuen Jahr auch einmal mit einem Vertreter dieser Zeitung zu sprechen.

    Gestaltet wurde das Mahnmal von der Schweinfurter Bildhauerin Steff Bauer. Im oberen Teil der Säule hat sie in einem Relief eine große Gruppe von Menschen angedeutet, die eng zusammenstehen. In der Mitte läuft ein Schriftband um den Stein. Die Kosten hat die Kulturstiftung der Stadt übernommen.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!