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    Kolitzheim

    Neue Perspektive beim anvisierten Schulhausneubau

    Mit der "Standortfindung für den Neubau der Grundschule" hatte sich der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung zu befassen – laut Tagesordnung. Allerdings kamen vordergründig auch grundsätzliche konzeptionelle Überlegungen zur Planung einer Grundschule aufs Tapet. 

    Denn wie Architekt Benedikt Gerber und Grundschulrektorin Michaela Kirchner ausführten, müsste noch vor dem Standortentscheid ausgelotet werden, welche pädagogischen Erfordernisse dem Neubau zu Grunde gelegt werden sollten und müssen. Hintergrund ist die gesetzliche Vorgabe, dass ab dem Jahr 2025 jedes Schulkind ein Recht auf Ganztagsbetreuung haben soll. Wie dies auf Länderebene umgesetzt wird, ist noch ziemlich unklar, hieß es im Gemeinderat. Belastbare Fakten für die Planung gebe es deshalb kaum.  

    Bürgermeister Horst Herbert erklärte, warum man sich bisher kaum mit dem pädagogischen Konzept beschäftigt habe, sondern auf die Diskussion über den Standort der Schule und die Kosten konzentriert habe: Dies sei eine Vorgabe der Regierung von Unterfranken gewesen, die das Vorhaben bezuschusst.

    Inzwischen habe man aber mit der Bezirksregierung geklärt, dass man noch einen Schritt zurück gehen und Bedarf, Wünsche und Erfordernisse für den Schulhausbau abfragen müsse. So könne und müsse  man Fehlplanungen vermeiden, die mancherorts schon zu verzeichnen seien, erläuterte der Gemeindechef.  

    Gebäude beide nicht geeignet

    Bei diesen Vorzeichen wollte Architekt Gerber auch noch keine Standortempfehlung für Unterspiesheim oder Herlheim vornehmen. Seine Bilanz vorerst: Als Standorte wären beide grundsätzlich geeignet. Allerdings erfüllt keines der bestehenden Schulgebäude die Erfordernisse einer modernen Grundschule. Die Umbaumaßnahmen, die erforderlich wären, würden die Abbruchkosten (für die alte Schule in Unterspiesheim geschätzte 500 000 Euro und für Herlheim 235 000 Euro) weit überschreiten. Und danach habe man es immer noch mit einer alten, zum Teil sehr geschädigten Bausubstanz zu tun.

    Für Unterspiesheim als Standort für die neue Schule sprächen unter anderem die vorhandene Infrastruktur (Bushaltestelle, Sporthalle). Negativ zu Buche schlage die geringe Entwicklungsfläche und die gemeindliche Randlage. Für Herlheim spricht die große Entwicklungsfläche, die zentrale Lage in der Großgemeinde und die mögliche Nachnutzung durch den Abriss des bestehenden Schulgebäudes. Dass die vorhandene Sporthalle klein sei, und nur wenige Kinder aus Herlheim kommen, seien Argumente gegen den Standort Herlheim.

    Bei beiden Standorten könnte es sein, dass man auf archäologische Bodenfunde trifft. Dann muss das Denkmalamt tätig werden, was eine Verzögerung des Neubaus mit sich brächte. Deshalb: "Zuerst sollte man über das pädagogische Konzept diskutieren, bevor man eine Entscheidung über den Schulstandort trifft", so Gerber.

    Fürs Konzept alle einbeziehen 

    In Sachen Konzeptionserstellung für die Schule befinde man sich in "Phase null", meinte der Architekt bildlich: Zunächst seien in einer gemeinsamen Anstrengung die Bedürfnisse der Nutzer zu erarbeiten: Unterrichtsformen, Inhalte des Unterrichts, Schülerzahlen, pädagogische und räumliche Erfordernisse der Ganztagsschule, Wünsche der Eltern und der Kinder, Finanzsituation, Überlegungen des Gemeinderats, Zusammenarbeit der Schule mit den örtlichen Vereinen, überörtliche Kooperationen müssen im Blick sein. Wenn man alle, die mit der Schule zu tun haben, einbeziehe, erreiche man eine höhere Identifikation mit der Schule bei allen, so der Architekt.

    Aus all diesen Faktoren ist ein Raum- und Schulkonzept zu entwickeln, das den Bedarf abbildet, das effizient und zukunftsfähig ist. Danach wäre einen Architekturwettbewerb auszuschreiben: "Bei dieser Bausumme wird man EU-weit ausschreiben müssen", so die Meinung von Gerber. "Die klassische Flurschule hat ausgedient" so Gerber: Inklusion, Rhythmisierung der Unterrrichtsformen, Teamarbeit, Erfordernisse der Digitalisierung, Öffnung der Schule zur Umwelt, individuelle Förderung der Schulkinder, aktivierende Lehr- und Lernformen erfordern auch eine bauliche Entsprechung, entsprechende räumliche Organisationsformen sind vorzusehen, wie ,Klassenraum plus', ,Offene Lernlandschaften'".

    Gemeinsam leben und lernen

    Rektorin Michaela Kirchner war "sehr begeistert" davon, dass der Architekt schon in so großem Umfang pädagogische Konzeptgedanken mit in seine Erörterungen eingebracht hatte. Mit dem Bau eines neuen Schulgebäudes werde "ein Traum wahr". Gemeinsames Ziel sollte es sein,  "ein Schulgebäude zu erstellen, das alle willkommen heißt, das gemeinsames Lernen und Leben ermöglicht", so die Schulleiterin.

    Wie schon der Architekt, stellte sie dar, dass die Schule im Umbruch sei, neue Unterrichtsformen schon realisiert werden, aber immer wieder auch neue Formen erprobt werden müssen: Projektarbeit, Kleingruppen, offener Unterricht, Eingehen auf die individuellen Begabungen und Fördernotwendigkeiten bei den Kindern, Inklusion mit der damit verbundenen Barrierefreiheit, Möglichkeiten, auch bei schlechtem Wetter ausreichend Möglichkeiten für Bewegung zu bieten nannte sie als Wünsche und Forderungen an das neue Schulgebäude.  "Der Raum als ,dritter Pädagoge' ist keine Floskel. Die Erfahrung zeigt, dass gute Raumkonzepte Lernen erleichtern", so Kirchner.

    Sie richtete den Blick auch über das Schulgebäude hinaus: Das bald verpflichtende Konzept der Offenen Ganztagsbetreuung legt nahe, die Vereine, Bücherei, Musikschule mit im Blick zu haben, die Zusammenarbeit zu fördern und zu organisieren. Kirchner informierte, dass man eine Expertin an der Hand habe, die Erfahrung in der baulichen und pädagogischen Gestaltung von Schulen hat: Karin Doberer, Geschäftsführerin von "LernLandSchaften", ist zu ersten Sondierungsgesprächen mit der Gemeinde eingeladen, an denen sie auch teilnimmt.

    Auch Gerber machte das Dilemma der Planungsunsicherheit noch einmal deutlich: Die Bezirksregierung habe kein Personal, um bei Schulhausneubauten zu beraten. Es gebe auch noch nicht viele neue Schulen, die nach modernen pädagogischen Konzepten geplant und gebaut wurden. Die Regierung habe noch keine Richtlinien, wie sich der gesetzliche Anspruch auf Ganztagsbetreuung in Zuschussrichtlinien und Planungsvorgaben niederschlägt.  

    Sich Zeit nehmen

    In der Diskussion des Vorgetragenen verglich Martin Mack die Situation mit dem Bau der Kläranlage: Es dauerte auch lange, bis das Werk vollendet war, aber durch die sorgfältige und differenzierte Planung sei es gelungen. So sollte man sich auch für Schulplanung Zeit nehmen.

    Bürgermeister Herbert erinnerte daran, dass der neue Gemeinderat auch Zeit brauche, sich zusammenzufinden. Dem hielt Alfred Bumm entgegen, dass man schon im Januar anfangen könne, die Konzeptgruppe "Phase null" zu organisieren.

    Gegen den sofortigen Abriss der alten Schule in Kolitzheim, den Burkard Krapf ins Spiel brachte, um Zeit zu sparen, wandte der Bürgermeister ein, dass das Gebäude noch von Vereinen und Gruppen genutzt werde. Es könne leicht in Planungszeit für die neue Schule abgerissen werden, wenn denn die Entscheidung für Kolitzheim falle, was ja noch offen sei. "Ich bin nicht für einen Schnellschuss", so Berthold Pfaff. Aber man sollte das Projekt zügig angehen, so die übereinstimmende Meinung des Gremiums.

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