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    MAINBERG

    Ohne Mainberg kein Elmau

    Der Großvater Johannes Müller gründete auf Schloss Mainberg eine „Freistatt persönlichen Lebens“. Von 1903 bis 1914 war Mainberg das Zentrum seiner Arbeit und seiner Familie. Als Mainberg zu klein wurde, ging Müller nach Elmau, baute dort ein Schloss.

    Sein Enkel Dieter Müller-Elmau hat dort von Sonntag bis Montag besondere Gäste: Die Staats-und Regierungschefs der sieben führenden Wirtschaftsnationen treffen sich im Schloss zum G7-Gipfel.

    Johannes Müllers Enkel, Uwe Richardsen, hat sich intensiv mit der Geschichte der „Freistatt des persönlichen Lebens" beschäftigt. „Ohne Mainberg hätte es Elmau nie gegeben“, erzählt er am Telefon. Dass der Gipfel in Elmau stattfindet, ist für ihn nicht die überragende Nachricht. „Angela Merkel ist die Gastgeberin, nicht mein Vetter.“
    Für Uwe Richardsen, Jahrgang 1936, ist es faszinierend, dass Vergangenheit und Gegenwart, Mainberg und Elmau, immer noch so eng verbunden sind. Richardsens Mutter Gudrun ist im Amtshaus von Mainberg geboren.

    Mainberg ist ein Stück Heimat 

    Viele Geschichten über Mainberg hat er als Kind gehört. Auf dem Weg in den Norden, die Heimat seiner Frau, macht er gerne in Mainberg halt, besucht den Sattler-Friedhof. Mainberg hat er seinen Kindern und Enkeln gezeigt. Irgendwie ist das ein Stück Heimat.

    Und auch die Verbindung mit den Sattlers, bis 1902 die Herren auf Mainberg, besteht noch. Als Susette Sattler 1900 starb, wollten die sieben Erben das Schloss verkaufen. Per Zufall war Johannes Müller kurz vorher mit seiner Frau, der Malerin Marianne Fiedler, nach Mainberg ins Amtshaus gezogen.

    Enge Verbindung zur Familie Sattler 

    Müller überzeugte seinen Freund Alexander Erbslöh, das Schloss zu kaufen und ihm zu überlassen für die „Freistatt persönlichen Lebens.“ Nach dem Tod seiner Frau Marianne heiratete Müller Irene Sattler. Ihr Bruder Carlo Sattler leitete als Architekt den Bau von Schloss Elmau. Sein Enkel Christoph Sattler ist für den modernen Anbau verantwortlich. Er ist jetzt am Neubau des Berliner Schlosses beteiligt, sagt Richardsen mit ziemlich viel Familienstolz.

    „Ein Freund von mir hat zu diesem Zweck das altersgraue Schloss Mainberg erworben“, wird Müller im Buch „Fürsten und Industrielle – Schloss Mainberg in acht Jahrhunderten“ zitiert. Uwe Richardsen hat sich im Kapitel 11 mit dem Leben in der Freistatt beschäftigt. „Mein Großvater war kein Prediger, er war ein Lebensberater“, sagt er. „Und Protestant durch und durch.“

    Johannes Müller war als Redner unterwegs, er gab Schriften heraus, die berühmten „Grünen Blätter“. In Schloss Mainberg und 1916 in Elmau erschuf er eine Welt, die ziemlich anders war. Die Gäste kamen aus den verschiedensten Schichten und Berufen. Alle aßen zusammen, redeten zusammen.

    Es ging um Gemeinschaft, ein neues Erlebnis von Miteinander. „Das Leben auf Schloss Mainberg war sehr erquicklich“, zitiert Richardsen seinen Großvater. „Die meisten hatten viel davon, wenigstens eine Erholung, Auffrischung, Förderung im persönlichen Leben.“

    „Namentlich die Aufsätze Hemmungen des Lebens haben manche zu mir geführt, die an langjährigen Depressionen, Lebensüberdruß, Schwermut und Schlaflosigkeit litten.“ Den Leuten helfen, ihr Leben in die Hand zu nehmen, das war das Ziel von Johannes Müller, meint sein Enkel. Lange Briefe mit persönlichen Ratschlägen hat er in seinem Archiv.

    Junge Frauen in langen weißen Gewändern und mit einem Blumenkranz im Haar waren als Helferinnen für den Schlossbetrieb zuständig. Was auf dem Schloss abgeht, war wohl ein großes Klatsch-Thema in der Region. Die Fotos im Buch „Fürsten und Industrielle“ zeigen eine gewisse gesittete Fröhlichkeit und auch den besonderen Lebens-und Kleidungsstil. Es ist ein Hauch Boheme zu spüren.

    Die Freistatt war auch ein Heiratsmarkt

    Unter der Hand galt die Freistatt auch als Heiratsmarkt, sagt Thomas Horling, der freundlicherweise den Kontakt zu Uwe Richardsen hergestellt hat. „Müller hatte durchaus nichts dagegen, wenn sich die Geschlechter näher kamen.“ Den Helferinnen ist auch zu verdanken, dass Tanzen wichtig wurde für Müller und seine Gäste – in Mainberg und in Elmau.

    Zweimal in der Woche war Tanzabend auf Mainberg, mit Walzer, Rheinländer und Quadrille. Die Tradition wurde auf der Elmau weitergeführt, bis zum Brand des Schlosses 2005.

    Uwe Richardsen erinnert sich an fröhliche Runden zur Musik von Schubert, Brahms, Chopin und Beethoven mit der Familie und den Gästekindern. „Da sind Erwachsene zu Kindern, zu normalen Menschenkindern geworden.“

    Johannes Müller starb 1949. In der Nazizeit hatte er den Ruf ein Judenfreund zu sein, hatte mit Redeverbot und Sanktionen gegen die „Grünen Blätter“ zu kämpfen, so Harald Haury in seinem Kapitel in „Fürsten und Industrielle“. Trotzdem gab es Phasen, in denen er sich als „hymnischer“ Hitler-Bewunderer zeigte. „Er war kein Partei-Mitglied, kein Nazi-Ideologe“, sagt sein Enkel.

    Schloss Elmau wurde nach dem Krieg im Zug der Entnazifizierung enteignet. Die Familie erstritt sich das Schloss in einem Nachlassverfahren zurück, das erst 1960 abgeschlossen wurde“, schreibt Harald Haury. 1951 wurde das Schloss wieder eröffnet.


    Hier geht es zu unserem Special über den Gipfel

     

    Mit Material aus dem Buch „Fürsten und Industrielle – Schloss Mainberg in acht Jahrhunderten“, herausgegeben von Thomas Horling und Uwe Müller.

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