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    SCHWEINFURT

    Opfer kann jeder werden

    Einen solchen „Fall“ hatte Wiltrud Werner vom Weißen Ring noch nicht auf den Tisch bekommen. Das Ehepaar kam vor zehn Jahren aus Ägypten nach Deutschland, war bestens integriert und in wirtschaftlich guter Position. Bei einem Besuch der alten Heimat mit den mittlerweile geborenen Kindern, zwei und vier Jahre alt, kam es zum Streit mit den Angehörigen – auch wegen des angeblich zu westlichen Stils der Frau.

    Opferhilfe kümmert sich auch um außergewöhnliche Fälle

    Plötzlich war der Ehemann verschwunden – mit den Pässen. Die Frau saß mit den Kindern fest. Eine über die missliche Lage informierte Freundin wandte sich an die Opferhilfe in Schweinfurt. Wiltrud Werner schaffte es, dass die Mutter mit ihre beiden Mädchen ausreisen und wohlbehalten zurückkehren konnte. Am Donnerstag übernimmt Wiltrud Werner die Schweinfurter Außenstelle vom bisherigen Leiter Werner Leuerer bei einem offiziellen Termin in der Rathausdiele. Den Festvortrag hält Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert. Leuerer war sieben Jahre Außenstellenleiter, die er 2011 von Claus Effner übernommen hatte, der in seinen 18 Jahren die Außenstelle Schweinfurt nach vorne brachte.

    Wiltrud Werner aus dem Üchtelhäuser Ortsteil Zell kam vor sieben Jahren zum Weißen Ring. Auch für sie war ein Vorfall im Ausland ausschlaggebend. In Ungarn war das Auto der Familie aufgebrochen, alle Papiere gestohlen worden. Die ihr damals erteilte Hilfe animierte sie dazu, selbst zu helfen. Sie landete beim Weißen Ring.

    Tag der Kriminalitätsopfer rückt das Problem ins öffentliche Bewusstsein

    Menschen, die durch Gewalt und Kriminalität geschädigt werden, „sind auf unsere Solidarität und Hilfe angewiesen“, sagt sie. Daran erinnert jedes Jahr auch der Tag der Kriminalitätsopfer am 22. März, den der Weiße Ring vor über einem Vierteljahrhundert initiierte. Ein solcher Tag sei wichtig, um die Belange der Opfer und ihrer Familien ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

    In den letzten beiden Jahren stand das derzeit zehnköpfige Team jeweils rund 25 neuen Kriminalitätsopfern bei. Die Taten waren Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Stalking, Kindesmisshandlung, Körperverletzung und Mordversuch. Die Opfer waren zwischen 18 und 65 Jahre alt, die meisten weiblich und misshandelt oder sexuell missbraucht worden.

    Klaus Wanka: „Ehrenamtliche können wir gar nicht genug haben“

    Berichtet werde aber zuvorderst über die Tat und den Täter. „Die Opfer kommen meist zu kurz“, sagt der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Klaus Wanka. Er hofft. dass sich auch durch den Artikel weitere Helfer melden. „Ehrenamtliche können wir gar nicht genug haben", sagt Wanka. Auch frühere Opfer, die wieder im Leben stehen, könnten Mitarbeiter werden.

    Was muss der Ehrenamtliche mitbringen? „Engagement und eine gewisse Lebenserfahrung“. Nach einem Grund- folgt ein Aufbaukurs an drei Wochenenden. Es geht dabei auch um die Gesetzeslage und die von vielen Opfern gewünschte Begleitung zu einem Gerichtstermin. Anfangs unterstützt ein „alter Hase“ den neuen Mitarbeiter. Die Schweinfurter Außenstelle (420 gibt es deutschlandweit) ist mit knapp 700 Mitgliedern eine der größten.

    Wiltrud Werner wandte sich im Fall der aus Ägypten stammenden Mutter zunächst an die Deutsche Botschaft, die ihr anfangs aber mitteilte, nichts machen zu können. Erst der Hinweis, dass die beiden Mädchen die deutsche Staatsbürgerschaft haben, brachte Bewegung in den Fall. Kurz danach saßen alle drei im Flieger nach Frankfurt. Der Weiße Ringe zahlte dann die Flugkosten an die Botschaft zurück. Und Werner kümmerte sich weiter um die Frau und die Kinder. bis zu drei Jahre lang fortgesetzte Unterstützung seien keine Seltenheit, weiß Werner.

    Eine unterstützende Begleitung durch den Weißen Ring kann drei Jahre dauern

    Beim Gespräch mit der Redaktion sitzt auch Liselotte Seybold am Tisch. Die Schweinfurterin kümmert sich seit 14 Jahren um Opfer. Nach dem Tod ihres Mannes wollte sie Anderen helfen, etwas Sinnvolles machen und landete bei der Opferhilfe. Einer ihrer letzten großen „Fälle“ war der von Margarete S. (Name geändert). Endlich hatte sie sich getraut, ihren Ehemann wegen häuslicher Gewalt und Vergewaltigung anzuzeigen. Die Mutter zweier Kinder, 7 und 9, wandte sich sofort auch an den Weißen Ring, weil sie – Minijobberin – die Miete nicht mehr bezahlen konnte.

    Der Ehemann kam nach der Anzeigenerstattung in Untersuchungshaft. Die erste Hilfe durch den Weißen Ring bestand aus einer Soforthilfe über 2000 Euro, die die Zentrale in Mainz genehmigte, um die größte Not zu lindern. Üblich sind nämlich 250 Euro Soforthilfe. Seybold kümmerte sich danach um die Anträge nach dem Opferentschädigungsgesetz, sie half bei der eingereichten Scheidung, begleitete die Frau auch zum Gerichtstermin, bei dem sie als Nebenklägerin auftrat, ging mit zum Jugendamt wegen des Unterhaltsvorschusses, zur Grundsicherungsstelle wegen Hartz IV. Sie sprach erfolgreich mit dem Arbeitgeber von S. wegen Stundenaufstockung, damit sich das Einkommen verbessert. Zwischenzeitlich war der älteren Tochter das für den Schulweg wichtige Fahrrad gestohlen worden. Über den Flohmarkt der Stadt konnte Seybold ein Neues beschaffen.

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