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    SÖMMERSDORF

    "Jeder Gottesdienst ist ein heiliges Spiel"

    Am Sonntag, 27. Mai überträgt das ZDF ab 9.30 Uhr live einen Gottesdienst von der Passionsspiel-Bühne in Sömmersdorf (Lkr. Schweinfurt). Zelebrant wird der Würzburger Domvikar Paul Weismantel sein. Der Pfarrer ist gebürtig in Fellen (Lkr. Main-Spessart). Ab 1988 wirkte er für drei Jahre in Wildflecken in der Rhön, seit 1991 ist Weismantel in Würzburg. Er begleitet zudem als Spiritual im Priesterseminar angehende Geistliche. Im Interview nimmt der 62-Jährige kein Blatt vor den Mund und spricht über die Herausforderungen der Kirche. „Wir als Kirche haben auch eine Dienstleistungsfunktion“, sagt er. „Wenn ein Priester bei einer Trauerfeier nicht einmal den Namen des Gestorbenen richtig aussprechen kann, ist es einfach peinlich.“

    Herr Domvikar Weismantel, Sie werden nach 2013 zum zweiten Mal einen Fernsehgottesdienst aus Sömmersdorf live im ZDF feiern. Haben Sie einen besonderen Draht zu den Sömmersdörfern?

    Paul Weismantel: Ich habe zu Sömmersdorf und den Menschen dort schon lange einen guten Draht und bin öfters auch zu Gottesdiensten dort gewesen. Ich finde es toll, wie die Menschen dort alle fünf Jahre ihr Passionsspiel mit neuen Ideen inszenieren. Ich finde es klasse, dass in diesem Jahr ein Dialog zwischen der Frau am Jakobsbrunnen und Jesus dabei sein wird, weil die Passion doch etwas männerlastig ist. Die Sömmersdorfer spielen aus Freude am Spiel, während ja in Oberammergau ein Versprechen dahinter steht.

    Wie kam der Kontakt zustande?

    Weismantel: Das ZDF kam auf uns zu. Der Gottesdienst und das Ambiente haben dem Sender damals gefallen. Es gab auch viele positive Rückmeldungen. Anschließend ist immer eine Telefonaktion. Da rufen liebe Leute an, manche reden ganz viel von ihrem Leben, man spürt, dass sie sehr einsam sind.

    2013 wurden von Ihnen und anderen Freiwilligen 700 Anrufe beantwortet. Insgesamt verfolgten 740 000 Zuschauer den Gottesdienst am Bildschirm. Waren Sie erstaunt über die Resonanz?

    Weismantel: Ja, und ich habe mich darüber gefreut. Es ist doch auch mit Aufwand verbunden. Für einen Gottesdienst eine Generalprobe zu machen, ist schon ungewohnt. Aber das ist die Vorgabe. Wer da fehlt, darf auch nicht bei der Live-Messe mitmachen.

    Haben Sie Lampenfieber?

    Weismantel: Schon, ja.

    Haben Sie den Gottesdienst von vor fünf Jahren nochmals angesehen?

    Weismantel: Ja. Man will ja so lebendig wie möglich sein, da hilft es, sich das anzusehen. Das freie Sprechen macht mir keine Probleme. Das Besondere ist nur, dass ich mich an ein Drehbuch halten muss. Die Kameraleute verfolgen mich Wort für Wort.

    Gab es eine inhaltliche Vorgabe? Ihr Thema lautet: „Mehr als ein Spiel.“

    Weismantel: Nein, da ist man frei. Es ist ja der Dreifaltigkeitssonntag. Wobei ich es auch ohne ZDF an diesem Tag nicht sinnvoll finde, den Menschen zu erklären, wie dreifaltig der liebe Gott aufgebaut ist. Im Matthäusevangelium geht es um die Abschiedsreden Jesu, und da findet sich am Ende der wunderbare Satz: ,Einige hatten Zweifel.‘ Das ist für mich sehr zentral. Denn der Zweifel ist der Zwillingsbruder des Glaubens. Der wird da weder getadelt noch beschwichtigt. Das letzte Wort heißt: ,Seid gewiss, ich bin bei Euch alle Tage.‘ Das ist die Grundbotschaft. Der Begriff Spiel ist sehr vielschichtig. Nehmen wir das Passionsspiel: Welche Rolle spiele ich darin? Bin ich eher Petrus oder Maria von Magdala? Bin ich jemand in der Menge, der nur mitläuft oder sich versteckt? Wo finde ich mich in dem Spiel? Welche Machtspiele spiele ich? Die Predigt soll auch ein Spiegel sein, sie darf aber auch nur sieben Minuten dauern.

    Ist es eine Aufgabe von Priestern, die Botschaften der Bibel zu übersetzen in die heutige Zeit statt nur zu rezitieren?

    Weismantel: Die Verkündigung soll so lebensnah wie möglich sein. Die Besucher sollen erahnen, spüren. Bei den Zweifeln werde ich von einer frommen Frau erzählen, die ich sehr geschätzt habe. Sie hat kurz vor ihrem Sterben gesagt: ,Und was ist, wenn das alles nicht stimmt?‘

    Zurück zum Theater: Müssen Sie im Gottesdienst auch eine Rolle spielen?

    Weismantel: Als Zelebrant hat man auch die Rolle des Hauptdarstellers, ja. Jeder Gottesdienst ist ein heiliges Spiel. Es muss so inszeniert sein, dass es die Menschen anspricht, berührt, bewegt. Es geht nicht darum, mich zu spielen, sondern den Größeren. Aber ich muss mich voll und ganz hingeben. Wie im Theater. Ja, es ist Theater – in einem guten Sinn.

    Das Sömmersdörfer Passionsspiel ist sehr lebendig geworden, heuer werden auch Kamele zu sehen sein. Ist es zu sehr Show?

    Weimantel: Wir leben in einer sehr medial geprägten Welt. Menschen, Musik, Tiere, das Dorf – alles ist wichtig. Die Lebendigkeit des Stücks ist auch verantwortlich dafür, dass es den Leuten unter die Haut geht.

    Müsste die katholische Kirche ihre Gottesdienste lebendiger machen, um mehr Leute zu erreichen?

    Weismantel: Wir brauchen ein breites Angebot über die normalen Formate wie den Sonntagsgottesdienst hinaus. Aber ich bin dagegen, krampfhaft Events aus dem Boden zu stampfen.

    Aber Motto-Gottesdienste wie für Motorrad- oder Fahrradfahrer haben sich bewährt?

    Weismantel: Richtig. Aber manchmal reicht vielleicht auch nur ein Impuls, eine viertel Stunde der Einkehr. Wir brauchen mehr niedrigschwellige Angebote für die Gläubigen. Und bei den klassischen Messen wie bei Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen dürfen unsere Pfarrer ruhig etwas mehr Phantasie und Mut haben, um die Feiern individueller zu gestalten. Wir als Kirche haben auch eine Dienstleistungsfunktion. Wenn ein Priester bei einer Trauerfeier nicht einmal den Namen des Gestorbenen richtig aussprechen kann, ist es einfach peinlich.

    Hat die Kirche in diesem Bereich ein Defizit?

    Weismantel: Ich höre immer wieder, dass Menschen klagen. Wir sollten nicht so sehr nach Schema F vorgehen, sondern auf die individuelle Situation der Beteiligten eingehen.

    Ihre Sicht könnte im Widerspruch zu konservativen Kreisen stehen.

    Weismantel: Das könnte sein. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir in der Seelsorge Fantasie und Mut haben sollten. Denn die Botschaft, die wir zu verkünden haben, ist die beste. Nur wird sie zu oft nicht so gut transportiert. Die Menschen müssen spüren, dass wir mit Leidenschaft dabei sind.

    Bei den Passionsspielen spielt das Kreuz eine zentrale Rolle. In den Fokus einer breiten öffentlichen Debatte ist es aktuell durch den Kreuz-Erlass des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder geraten. Wie empfinden Sie die Diskussion, wird das Kreuz als politisches Symbol missbraucht?

    Weismantel: Ich bin überrascht, dass die Diskussion so heftig entflammt ist. Das hat ja auch was Gutes, dass man das Kreuz wieder wahrnimmt. Einerseits ist für uns das Kreuz nicht nur ein kulturelles Markenzeichen, sondern vor allem ein Zeichen des Glaubens und der Hoffnung. Natürlich: Das Kreuz darf man nicht verzwecken.

    Steht denn die Politik von Markus Söder unter einem christlichen Label?

    Weismantel: In manchem nicht. Wenn man die Flüchtlingspolitik anschaut, ist es nicht so. Und da hat er sich meines Erachtens auch sehr weit aus dem Fenster gelehnt mit seiner Belehrung, die Kirche soll missionieren und sich nicht in die Flüchtlingspolitik einmischen. Das halte ich für inakzeptabel.

    Was bedeutet das Kreuz für Sie persönlich?

    Weismantel: Für mich ist das Kreuz Zeichen des Glaubens, der Hoffnung, der Erlösung, aber auch das Zeichen Jesu Christi, seines Lebens, seines Scheiterns, seiner Auferstehung. Es gibt aber auch das Kreuz mit dem Kreuz. Und wie viele Kreuze Menschen zum Teil mit sich herumschleppen. Leider haben wir als Kirche nicht immer einen guten menschlichen Umgang mit Gescheiterten.

    Ein Thema in der Bischofskonferenz ist derzeit die Kommunion für evangelische Christen. Einige Bischöfe sind gegen diese Handreichung und haben sich in einem Brief an den Papst gewandt.

    Weismantel: Ich glaube, dass die meisten betroffenen Leute diese Frage längst für sich entschieden haben. Das interessiert nach meiner Einschätzung kaum jemanden wirklich.

    Das heißt, in den Gemeinden wird kein Pfarrer die Kommunion verweigern?

    Weismantel: Richtig. Wir sollten dankbar sein für die Menschen von beiden Kirchen, die an unseren Feiern teilnehmen. Die evangelische Kirche darf offiziell einladen, wir nicht. Das ist ein theologisches Problem, nicht das Problem der Menschen.

    Am 10. Juni bekommt das Bistum Würzburg einen neuen Bischof: Was erhoffen Sie sich von Franz Jung?

    Weismantel: Es wartet viel Arbeit auf ihn und ich wünsche ihm, dass er viel Kraft mitbringt. Wichtig wird sein, wie es in Zukunft mit weniger Geld und weniger Personal weitergeht. Ich wünsche ihm eine glückliche Hand bei den Entscheidungen darüber, wie wir als Kirche unseren Auftrag, für die Menschen da zu sein, gut leisten können.

    Würden Sie sagen, es gibt einen Themen-Stau im Bistum?

    Weismantel: Ich denke, wir können einerseits froh sein, dass die Ernennung so schnell kam. Jetzt finde ich es höchste Zeit, dass er geweiht wird, um seine Arbeit auch beginnen zu können. Als Generalvikar in Speyer hat er ganz viel Erfahrung mit der Leitung eines Bistums gesammelt. Die Hauptfrage wird sein: Wie geht es weiter in den nächsten zehn Jahren mit dem Personal? Wir müssen bedenken: Bei den Pastoralreferenten gehen in den nächsten Jahren starke Jahrgänge und es kommen nicht so viele nach. Bei den Priestern ist es noch erschreckender. Oder die Frauenfrage: Wir haben sehr qualifizierte gute Frauen in der Pastoral, aber noch nicht in leitenden Positionen.

    Da ist die Kirche offensichtlich ein Spiegelbild der Gesellschaft.

    Weismantel: Ja. Der überwiegende Anteil der Kirchenbesucher sind Frauen, aber die Männer besetzen die Machtpositionen.

    Sie haben gesagt, ein guter Seelsorger muss auch eine Art Schauspieler sein. Haben Sie in früheren Jahren auch mal Theater gespielt?

    Weismantel (lacht): Ja, als Schüler. Ich hatte auch mal die Idee, in der Spätpubertät, so was beruflich zu machen. Das war aber nicht von langer Dauer.

    In welchem Stück haben Sie gespielt?

    Weismantel: In „Warten auf Godot“. Oder auch in Borcherts „Draußen vor der Tür“.

    Haben Sie ein Vorbild, einen Lieblingsschauspieler?

    Weismantel: Ja! Ich habe eine Lieblingsschauspielerin: Sie lebt in Wien und spielt seit vielen Jahren am Burgtheater, stammt aber aus dem Spessart: Maria Happel. Ich habe sie getraut und ihre Kinder getauft. Sie ist bekannt geworden mit einem Stück über Edith Piaf. Zuletzt hat sie die Mutter Courage in Wien gespielt, das habe ich natürlich angeschaut.

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