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    SÖMMERSDORF

    Passionsspiele: Was hinter den Kulissen wirklich passiert

    Josef von Arimathäa sitzt im Schatten des Bühnenhauses auf einer Bierbank und beobachtet das Treiben auf dem Platz unter den Bäumen. Sein dickes, bodenlanges Kostüm eines Hohen Rates hat er hochgeschoben, dass die nackten Füße sichtbar sind.

    In der Hitze dieses Sommers suchen die Schauspieler der Fränkischen Passionsspiele jede Art von Kühlung. Mit zwei Wasserflaschen bepackt, kommt der römische Hauptmann Petronius aus dem Untergeschoss, bevor er seine Soldaten auf der Freilichtbühne zur Kreuzigung Jesu abkommandieren muss.

    Es ist wieder ein heißer Sonntag Nachmittag am vorletzten Wochenende dieser Spielsaison, die am 24. Juni begann und am 19. August endet. Die Sömmersdorfer treffen zur Vorstellung hinter der Bühne ein, darunter auffällig viele Mütter mit Kleinkindern. Viele Ältere haben sich bereits im weißen, geöffneten Partyzelt auf dem Platz hinter dem zweistöckigen Bühnenhaus zum Plausch hingesetzt. Die in Körben und Taschen mitgebrachten Kostüme der Männer und Frauen des jüdischen Volkes werden angezogen, schließlich steht gleich der Einzug Jesu in Jerusalem an.

    Auch die Tauben gehen auf Ausgangsposition

    Der Apostel Andreas beißt noch mal herzhaft in seine belegte Brezel, bevor er sich zur Jünger-Truppe gesellt, die sich etwas abseits zu ihrem Einschwörungsritual trifft. Ein fröhliches Hallo, ein gegenseitiges Einstimmen, ein gemeinsames Konzentrieren auf die immer wieder spannenden und fordernden drei Stunden Passionsspiel.

    Bevor Horst Gottschall von der Bühnen-Crew mit dem Einsetzen der Musik im dunklen Innern des Bühnenhauses das mächtige Tor zum ersten Mal öffnen wird, muss er sich noch den Tauben widmen. 25 Vögel hat Brieftaubenzüchter Heinz Pfeuffer in einem Transportkäfig gebracht, aus dem sie Gottschall nun umsetzt in geflochtene Körbe. Sie werden dann über die Köpfe der Zuschauer davonfliegen, wenn Jesus in seinem Zorn über die Händler im Tempel die Taubenkörbe umwirft.

    „Alles da“, stellt Christoph Seufert zufrieden fest, und zählt die großen, klimpernden Geldstücke, die Gottschall auf einem kleinen Tisch bereitgelegt hat. Seufert spielt heute den Händler Abiram, der als Geldwechsler seine Dienste lautstark anpreisen wird.

    Die „Bühnenwiesel“ sind ein eingespieltes Team

    „Wir sind hier ein eingespieltes Team“, meint der Rentner Gottschall über die „Bühnenwiesel“. Was wichtig ist, wenn schnelle Umbauten in der Innenbühne nötig sind. „Eine Minute und 20 Sekunden Zeit haben wir nur vom Hohen Rat zum Ölberg“, erklärt er und zeigt auf die selbst gebauten Sitzmöbel, die schnell gegen Styropor-Felsen ausgetauscht werden müssen. „Mittlerweile schaffen wir das aber in einer Minute und drei Sekunden.“

    Jeder der Mitspieler und Helfer kennt seine Aufgabe, weiß, wann er welchen Einsatz hat, was zu tun ist. Eine schwarz gekleidete und geschminkte junge Frau lässt sich neben Josef von Arimathäa auf der Bierbank nieder und füllt am Wasserhahn zwei Stoff-Eimer. Als Frau aus Samaria braucht Johanna Kassner gleich diese Requisiten. Die Studentin der Sozialen Arbeit schätzt die neu geschriebene Szene und ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Fremdenfeindlichkeit. Am eigenen Leib zu spüren, wie sich jemand fühlt, der abseits der Gesellschaft steht, dabei hätten ihr die beiden Regisseure geholfen, sagt sie und nickt.

    Letzte Instruktionen für die Steiniger

    Marion Beyer und Hermann J. Vief instruieren nebenan noch einmal die Steiniger. Die Szene mit der Ehebrecherin soll immer in Bewegung bleiben, nicht statisch werden, gibt das Regie-Duo den Darstellern mit. Verständiges Kopfnicken der Männer, bevor sie sich zur Tempelgasse begeben, die auf die Freilichtbühne führt.

    Dass bei etwa 420 Menschen hinter der und rund um die Bühne alles so friedlich und reibungslos verläuft, erstaunt. „Klar gibt es immer mal wieder etwas, das nicht sein müsste“, gesteht Vereinskassier Dieter Mergenthal ein. Aber insgesamt gesehen „ist es einfach großartig“, pflichtet Vereinsvorsitzender Robert König bei.

    Er hat sich bereits in sein Pilatus-Kostüm geworfen, mit dem samtroten Umhang und dem braunen Brustpanzer. Zufrieden genießt er die Atmosphäre, beobachtet die vielen Gruppen und Gesprächsrunden an den Biertischen, am Eselsgehege oder am Sandkasten, ist selbst immer wieder gesuchter Gesprächspartner. „Vorne glaubt man nicht, wie das hinter der Bühne abläuft“, lächelt er, „es ist wie bei einem Familientreffen.“

    Tatsächlich gehen Männer, Frauen und Kinder hier aufeinander zu, lachen, reden, diskutieren, trinken gemeinsam Kaffee, essen den von Kamel-Hüterin Ina Seuffert selbst gebackenen Zwetschenkuchen, spielen Schach oder schlecken Eis. Kinder dürfen auf den drei Eseln reiten oder die Schafe streicheln. „Pssst“, ist immer wieder dann zu hören, wenn es zu laut wird. Denn auf die andere Seite des Bühnenhauses soll kein Lärm dringen.

    „Alle Bekannte sind da“

    Helga Keller ist mit ihren 85 Jahren die älteste Mitspielerin. „Da muss man einfach dabei sein“, steht für sie fest. Ihr sind das Zusammensein wichtig, die Gemeinschaft und die Tradition. „Man ist nicht allein“, bekräftigt die fast 80-jährige Helma Stöth, die vor kurzem Witwe wurde und mit am Tisch sitzt, „alle Bekannte sind da“.

    Und man lernt Neue kennen, wie Erika Landt, die seit wenigen Jahren im Dorf wohnt und zum ersten Mal im „bösen“ Volk mitspielt, also auch bei der Geißelung und der Verurteilung Jesu. „Das ist eine Supertruppe hier“, sagt die 62-jährige Neu-Sömmersdorferin lachend.

    Der jüngste Spieler kommt im Kinderwagen

    Der jüngste Passionsspieler wird im Kinderwagen herangeschoben, bald umringt von glückwünschenden Menschen. Seine Mutter nimmt den erst zwei Wochen alten Benno heraus und wickelt ihn in das Tuch ihres Volkskostüms. Bis kurz vor der Entbindung war Lisa Schneider noch als Magd am Feuer auf der Bühne gestanden. „Für mich gehört das Passionsspiel einfach dazu“, erklärt sie, „und ich möchte, dass Benno da auch hineinwächst.“ Mit der Passionsmusik sei er schon in ihrem Bauch vertraut gemacht worden und mit einem gesummten „Our Father“ lasse er sich jetzt hervorragend beruhigend.

    Dass keine Vorstellung wie die andere ist, unterstreicht dritter Vereinsvorsitzender Norbert Mergenthal, der heute für den erkrankten Nikodemus im Hohen Rat einspringen muss. Aber irgendwie klappt es immer. „Jeder versucht, ein Teil des Ganzen zu sein“, meint er.

    Abschlussgottesdienst mit Weihbischof Boom

    Am Sonntag, 19. August, enden nach zwei Monaten Spielzeit und 18 Vorstellungen die Fränkischen Passionsspiele Sömmersdorf 2018. Zum Abschluss feiert Weihbischof Ulrich Boom am Sonntag um 10 Uhr einen Festgottesdienst auf der Freilichtbühne. Prominenter Besucher der letzten Vorstellung am Nachmittag ist Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

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