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    Gerolzhofen / Dingolshausen

    Pilot der „Eisernen Jungfrau“ trägt sich ins Goldene Buch ein

    Roland Martin trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Gerolzhofen ein. Mit im Bild (von links) Dingolshausens Altbürgermeister Erwin Loos, Martins Tochter Dale Jones, Dingolshausens Bürgermeister Lothar Zachmann, Main-Post-Redakteur Norbert Vollmann, Gerolzhofens 2. Bürgermeister Erich Servatius und Bürgermeister Thorsten Wozniak. Foto: Marianne Vollmann

    Es sind bewegende Momente für alle Beteiligten, die dem Empfang der Stadt Gerolzhofen für Roland Martin im Alten Rathaus beiwohnen. Höhepunkt der kleinen Feierstunde wird die Eintragung des Gastes aus den USA ins Goldene Buch der Stadt sein. Im Alter von bald 96 Jahren ist der Mann aus Kalifornien an die Stelle oberhalb des Neuen Sees zwischen Dingolshausen und Gerolzhofen zurückgekehrt, an dem er einst am 14. Oktober 1943 beim zweiten Großangriff der US-Luftwaffe auf die Kugellagerfabriken in Schweinfurt von der Flak und deutschen Jagdflugzeugen vom Himmel geholt und zur Notlandung auf freiem Feld zwischen Waldesruh und Neuem See gezwungen worden war.

    Roland Martin ist der Pilot des Boeing B-17-Bombers, den die Besatzung auf den Namen „Iron Maiden“ (Eiserne Jungfrau) getauft hatte und dessen Einsatz an dem kleinen Faulbach endete. Norbert Vollmann war es 2005 mithilfe der Tochter eines der damaligen MG-Schützen an Bord gelungen, den als verschollen gegoltenen Ex-Piloten in Kalifornien ausfindig zu machen. Der Main-Post-Redakteur hatte auch das Programm für seine jetzige Reise zurück in die eigene Vergangenheit zusammengestellt. Roland Martin war in Begleitung seiner Tochter Dale Jones aus den USA nach Gerolzhofen gekommen.

    Am"Schwarzen Donnerstag"

    Am 14. Oktober 1943 flogen die Amerikaner von England aus ihren zweiten Großangriff auf die Kugellagerfabriken in Schweinfurt. Der Tag ging aufgrund der hohen Verluste als „Black Thursday“ („Schwarzer Donnerstag“) in die US-Geschichtsbücher ein. Auch die „Iron Maiden“ kehrte nicht mehr auf ihren Stützpunkt  zurück. Nachdem sechs Mann der zehnköpfigen Crew bereits mit dem Fallschirm abgesprungen waren, hatte das Flugzeug so stark an Höhe verloren, dass Roland Martin nur noch die Möglichkeit zur Notlandung blieb.

    Vor Ort kommen bei Roland Martin (2. von rechts) die Erinnerungen an die damalige Notlandung neben der kleinen Faulbach zwischen Dingolshausen und Gerolzhofen wieder hoch. Foto: Marianne Vollmann

    Zwei Gründe hatten den Ausschlag zur Rückkehr von Roland Martin an die Originalschauplätze der damaligen Ereignisse gegeben. Der eine war seine Tochter. Roland Martin hatte sie heuer gefragt: „Sollte ich Dich auf eine Reise mitnehmen, wo würdest Du gerne mit mir hingehen?“ Darauf hatte Dale Jones ihn mit der Antwort überrascht: "Ich würde gerne mit Dir nach Deutschland gehen, um zu sehen, wo Du den Bomber gelandet hast.“

    Empfang der Stadt

    Der zweite Grund war ein sehr persönlich gehaltener, von gegenseitigem Respekt geprägter Brief von Gerolzhofens Altbürgermeister Hartmut Bräuer, wie Roland Martin auch jetzt noch einmal betonte. Bräuer hatte Roland Martin im August 2005 anlässlich dessen ersten Wiedersehens mit dem  inzwischen verstorbenen Daniel Sirianni, einem der MG-Schützen an Bord des Bombers, geschrieben.

    Jetzt sitzt der frühere Bomberpilot auf einem der Stühle, die für den Empfang zu seinen Ehren von der Stadt in der Rüstkammer des Alten Rathauses aufgestellt worden sind und lauscht aufmerksam den musikalischen Eröffnungsklängen. Für die würdige Umrahmung des Festakts sorgen die jungen Querflötistinnen Lena Ament und Selin Schutzbier mit ihrer Musiklehrerin Elke Friedl von der Musikschule Schweinfurt-Gerolzhofen.

    Bürgermeister Thorsten Wozniak erinnert eingangs seiner Rede daran, dass sich im  kommenden Jahr das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal jähren wird. 60 bis 70 Millionen Menschen hätten ihr Leben gelassen. Noch viele Jahre nach Kriegsende seien Millionen Menschen auf der Flucht gewesen und hätten das  Gesicht Europas verändert. Es seien viele traurige Geschichten, aber auch glückliche und lang anhaltende wie die von Roland Martin, die sich um Kriege wie diesen ranken würden. Umso mehr, so Wozniak, im Rückblick auf die dramatischen Ereignisse am 14. Oktober 1943, sei es ihm eine Freude und Ehre,  Roland Martin und seine Tochter in Gerolzhofen begrüßen zu können. Dieser Besuch 76 Jahre danach sei ein starkes Zeichen der Freundschaft. Dass er zustande kam, sei den Recherchen von Norbert Vollmann zu verdanken.

    Roland Martin (95) am von Deutschen und Amerikanern gemeinsam errichteten Luftkriegsmahnmal am ehemaligen Spitalsee-Luftschutzhochbunker in Schweinfurt. Foto: Norbert Vollmann

    Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der notwendigen Verbrüderung der Nationen sei in Europa ein verlässlicher Frieden ermöglicht worden, der zuvor nicht möglich erschienen sei und nun schon bald 75 Jahre währe. Dies nicht zuletzt dank der Jahrzehnte langen Unterstützung und Freundschaft mit Amerika, so der Bürgermeister weiter. Wozniak unterstrich: „Bei aller Kritik, die es zwischen Deutschland und den USA immer wieder gibt, dürfen wir das nicht vergessen. Und wenn wir heute zurückblicken, dann sind wir mit dem europäischen Miteinander, dem Zusammenhalt und der Freundschaft der Menschen Vorbild für eine friedliche Welt.“

    "Wir begegnen uns als Freunde"

    Der Bürgermeister verwies in diesem Zusammenhang auf die von der Stadt Gerolzhofen gepflegten Städtepartnerschaften und Freundschaften mit Menschen aus Italien (Scarlino), Ungarn (Elek) und  Frankreich (Mamers) als einem ehemaligen Kriegsgegner. Wozniak betonte in seiner Rede: "Und auch Roland Martin war ein Feind – und heute begegnen wir uns als Freunde. Das beweist, dass wir aus der Geschichte gelernt haben. Lassen Sie uns weiterhin für Frieden, Freundschaft und Freiheit eintreten.“

    Im Museum für Militär- und Zeitgeschichte in Stammheim präsentierte Museumsleiter Günter Weißenseel dem ehemaligen Piloten Roland Martin eine der gefürchteten 8,8-cm-Flakkanonen, die dem von Martin geflogenen Bomber am 14. Oktober 1943 starke Schäden zufügte.  Foto: Norbert Vollmann

    Dann stand der Eintrag des Gastes ins Goldene Buch an. Dazu gruppierten sich neben Thorsten Wozniak auch sein Stellvertreter Erich Servatius, Bürgermeister Lothar Zachmann und sein Amtsvorgänger Erwin Loos aus Dingolshausen, Martins Tochter Dale Jones und Norbert Vollmann um den Schreibtisch.

    Tief bewegt

    Roland Martin selbst dankte tief bewegt für die Ehre, die ihm die Stadt Gerolzhofen angedeihen ließ und all die Gastgeschenke, die ihm seitens der beiden Bürgermeister, als auch schon zuvor bei der Besichtigung der Landestelle in Dingolshausen von Altbürgermeister Erwin Loos zuteil geworden waren. Norbert Vollmann habe ihn damals für etwas „geöffnet, das er lange für sich behalten und bis dahin auch nicht groß in der Familie kommuniziert hatte“, machte er noch einmal deutlich. Ebenso bekundete er noch einmal sein Verständnis für die Kriegsopfer. Die Soldaten auf beiden Seiten hätten nur das gemacht und ausgeführt, wofür sie ausgebildet worden waren. Roland Martin: „Unsere Aufgabe als Amerikaner war es eben, die Welt vor Hitler zu retten.“

    Treffen mit dem ehemaligen Gegner

    Der Vormittag hatte Roland Martin unter anderem ins Militärmuseum nach Stammheim und vorbei an den damals bombardierten Kugelfabriken nach Schweinfurt zum Luftkriegsdenkmal vor dem früheren Spitalsee-Luftschutzbunker geführt. Dort kam es mit dem ehemaligen Luftwaffenhelfer und späteren Kämmerer der Stadt Schweinfurt, Paul Eichhorn, zu einer Begegnung der ganz besonderen Art: Roland Martin befand sich am 14. Oktober 1943 in der Luft, um Schweinfurt anzugreifen - und Paul Eichhorn als junger Schüler-Soldat in der Flakstellung bei Euerbach, um die Stadt gegen die feindlichen Eindringlinge zu verteidigen.

    Roland Martins Blick schweift zwischen Dingolshausen und Gerolzhofen über das Gelände, in dem er am 14. Oktober 1943 den stark beschädigten US-Bomber unterhalb der Waldesruh notlandete. Foto: Marianne Vollmann
    Sonntagsausflug zu dem am 14. Oktober 1943 unterhalb der Waldesruh notgelandeten, von der Besatzung auf den Namen "Iron Maiden" (Eiserne Jungfrau) getauften Boeing B-17-Bomber. Foto: Repro-Foto Norbert Vollmann

    Am Nachmittag war es dann an die Stelle zwischen Waldesruh und Neuem See  gegangen, an der der von Roland Martin gesteuerte Bomber zum Stehen gekommen war, nachdem er rund 250 Meter über die Äcker geschlittert und gerumpelt war. Vieles, was sich damals abspielte, sei ihm bei dem Besuch wieder bewusst und gegenwärtig geworden, bekannte Roland Martin danach.

    Querflötistinnen der Musikschule Schweinfurt-Gerolzhofen sorgten mit ihrer Lehrerin Elke Friedl für die Umrahmung des Stadtempfangs im Alten Rathaus mit Eintragung von Roland Martin ins Goldene Buch der Stadt Gerolzhofen. Foto: Marianne Vollmann

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