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    MAINBERG

    Postkartenaktion: Region am Main will Fachkräfte zurückholen

    Wer fränkisch „Ned schlecht“ sagt, meint tatsächlich ein großes Lob. So bedruckt ist eine blaue Postkarte, mit der in Kneipen in München und Stuttgart für die Landkreise Schweinfurt und Haßberge geworben wird. Um gebürtige Unterfranken daran zu erinnern, welche Vorteile das Leben in der Heimatregion gegenüber der Großstadt bietet.

    140 000 Postkarten verschickt

    140 000 solcher und ähnlich werbender Postkarten haben die beiden Landkreise in 700 verschiedenen Lokalen in den beiden süddeutschen Metropolen verteilen lassen. Sie sind allerdings nur ein Baustein der Kampagne „Am Main daheim“, mit der seit November 2017 um junge Fachkräfte geworben wird, wieder in ihre Heimatregion zurückzukehren.

    Denn der Fachkräftemangel ist für die Unternehmen hier das größte Problem, weiß Frank Deubner, Leiter der Wirtschaftsförderung im Landratsamt Schweinfurt. Gemeinsam mit den Haßbergen wird nun geworben. „Ich würde mir aber wünschen, dass sich die ganze Region hier stärker positioniert“, meint Deubner.

    Zielpersonen sind junge Leute aus der Region, die in der Großstadt erste berufliche Erfahrungen sammelten und jetzt vor der Entscheidung einer neuen beruflichen Orientierung und/oder der Familiengründung stehen. Auf der Homepage www.am-main-daheim.de sollen daher die Pluspunkte der Region Entscheidungshilfe leisten.

    Übersicht über Mieten und Grundstückspreise

    Verglichen werden etwa regionale Wohnungsmieten, Grundstücks- und Hauspreise mit denen in Ballungsräumen. Trotz teils etwas niedrigerer Einkommen ist die Kaufkraft pro Kopf in der Region aufgrund der geringeren Lebenshaltungskosten dennoch höher: Die Region gehört hier zu den Top-20-Gebieten in Deutschland. Gehälter für Jungakademiker in Schweinfurt, Beispiel Ingenieurwissenschaften, werden ebenfalls als „top“ bezeichnet.

    Über eine Online-Pinnwand können Rückkehr-Interessierte und örtliche Firmen kommunizieren. „Das wird allerdings kaum genutzt“, bekennt Deubner. Social Media-Kanäle wären wohl geeigneter, was aber aufgrund der Datenschutz-Grundverordnung schwierig sei.

    Idee: Schulen einbinden

    Auf der Suche nach mehr Möglichkeiten, wie man Kontakt zu den „Ehemaligen“ bekommt oder hält, denkt Deubner auch an die Einbindung der hiesigen Schulen. Zudem erhalten Firmen aus der Region Werbepostkarten für ihre Messestände. Und an In-Treffpunkten junger Leute wie der Weinbergswanderung Wipfeld werden große Region-Banner aufgehängt. „Es sollen Denkanstöße sein, dass es hier auch gute Jobs gibt, dass die Region eine Alternative ist, auch wenn man an Familiengründung denkt“.

    Das waren auch Gründe für Ralf Fambach, nach neun Jahren in Stuttgart und Mannheim wieder in seine Heimatgemeinde Schonungen zurückzukehren. Die Bindung dorthin war dem Maschinenbau-Ingenieur geblieben, wegen Familie, Freundin und seiner Band „Die Frankenräuber“, mit der er seit 20 Jahren „fränkisches Kulturgut“ verbreitet.

    Für den heutigen ZF-Angestellten in Schweinfurt zählt all das. Im Vergleich zur Großstadt nennt er sein Leben nun „entschleunigend“, er schätzt die Natur, die Geselligkeit, das „vernünftige Preisgefüge“ und die gute Verkehrsanbindung.

    Wie er so empfand auch Jungunternehmerin Eva Glöckner die Jahre fern der Heimat als durchaus bereichernd. Die 35-Jährige, die in Mainberg exklusive Trachten unter dem Label „MainDirndl“ designt und näht, genoss das großstädtische Leben in Köln, wo sie sieben Jahre lang für die Mediengruppe RTL als Stylistin arbeitete. Weil sie sich dort aber beruflich nicht weiterentwickeln konnte, weil sie bei einem Heimatbesuch ihren heutigen Verlobten kennenlernte, entschloss sie sich 2015 zur Rückkehr und zum Schritt in die Selbstständigkeit.

    Auch der Sömmersdorfer Johannes Gessner kehrte München nach drei Jahren wieder den Rücken zu. Hohe Miete, lange Fahrt zur Arbeit, geringere Kaufkraft, zählt der 33-jährige Ingenieur der Kunststofftechnik auf. Weil er seit seiner Kindheit als Laien-Schauspieler die Faszination der Sömmersdorfer Passionsspiele erlebt, sich im Vorstand engagiert und dort auch seine heutige Frau kennenlernte, entschied er sich 2014 zur Rückkehr.

    Bei gleichem tarifgebundenem Lohn wie in München fand er eine adäquate Stelle in der Schweinfurter Großindustrie. Für seine Familie hat er ein Eigenheim gebaut. „In München wäre das für mich unmöglich gewesen“.

    Die Finanzierbarkeit solch eines Wunsches war auch für Matthias Wehner einer von mehreren Gründen, nach acht Jahren im Raum München wieder nach Hergolshausen zu ziehen. Zudem wurde für den 34-jährigen Polizeirat auch ein beruflicher Aufstieg möglich: Seit September 2017 ist er stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Schweinfurt.

    Auch wenn auf dem Land nicht alles rosig ist, die Hausarztsituation zum Teil schwierig, die Kinderbetreuung nicht überall gleich gut oder nach nächtlichen Kirchweihfeiern nur schwer Taxis zu bekommen sind, schätzen diese „Rückkehrer“ ihre Region. „Es ist wichtig, seine Wurzeln zu kennen, auszufliegen und wieder zurückzukommen“, sagt Eva Glöckner.

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