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    SCHWEINFURT

    Richtungsweisend für das Konzertleben

    . Foto: unknown

    Das ist jetzt alles andere als leicht zu schreiben. Man verlässt nach einem teilweise phänomenalen Konzert-Abend das Theater, musikselig euphorisiert. Schaltet auf der Heimfahrt das Radio ein und erfährt vom Grauen, das in Paris seinen Anfang in der Mitte des Konzerts nahm und sich jetzt weiter entwickelt.

    Vor diesem Hintergrund die richtigen Worte für eine Konzertkritik zu finden – schwierig. Deshalb hier der Versuch, mit etwas Abstand, einem Abend gerecht zu werden, der richtungsweisend für das zukünftige Schweinfurter Konzertleben sein könnte. Der designierte Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, Jakob Hrùša, gerade einmal 34 Jahre alt, wird künftig bei der Programm-Gestaltung der Bamberger in gewichtiges Wörtchen mitzureden haben.

    Auffallend bei seinem Debüt im Theater die unaufgeregte Dirigiertechnik des jungen Tschechen, ohne jegliche Theatralik, auf das Wesentliche konzentriert.

    Phänomenale Geigerin

    Im Zentrum dieses Konzertabends stand das erste Violinkonzert von Dimitri Schostakowitsch mit der jungen Geigerin Karen Gomyo. Gomyo ist eine Art Weltenbummlerin in Sachen berühmter Violinkonzerte. Mozart in Detroit, Mendelssohn in Oregon, Tschaikowsky in Tasmanien, Beethoven in Neuseeland, Saint-Saëns in Melbourne und jetzt eben Schostakowitsch in Schweinfurt. Da sage noch einer, Franken (und Schweinfurt im Speziellen) sei kein Zentrum der Globalkultur.

    Mit welch sensationeller Technik die junge Kanadierin Schostakowitschs ungemein sperriges und forderndes Werk meisterte, war verblüffend. So verblüffend, dass selbst die hinteren Pulte der ersten und zweiten Violinen im Orchester lange Hälse machten, um möglichst viel von Gomyos Spiel mitzubekommen.

    Das war brillant musiziert und mit vielleicht noch größerem Kunstgeschmack interpretiert: Einer fast maschinenhaft präzisen Intonation bei den halsbrecherischen Doppelgriffen und Läufen stand eine wunderbar versunkene Melancholie und Musikalität (im dritten Satz) gegenüber. Das Publikum schien der furiosen Interpretation ähnlich gebannt zu folgen: kein Husten, kein Räuspern, kein Rascheln bei der großen Kadenz vor dem Schlusssatz. Man folgte der Violin-Akrobatik atemlos, am Ende eruptiver Jubel. Zugabe: Die meditative Tango Etüde Nr. 4 von Astor Piazzolla. Jakob Hrùša am Pult begleitete mit den Bambergern sparsam in der Gestik, akkurat und lebendig.

    Nach der Pause Hector Berlioz' Symphonie Fantastique, ein in vielfältiger Weise bedeutsames Werk. Berlioz hat die gewaltige Komposition mit einer beachtlichen Erweiterung des Orchesters und der gezielten Verwendung von Leitmotiven verbunden – Berlioz nennt sie Idée fixe. Rappelvoll besetzt war die Bühne. Was die Bamberger unter Jakob Hrùša boten, war über weite Strecken furios, manchmal aber auch diskussionswürdig.

    Musikalität und Lockerheit

    Bei den großen Tutti-Stellen beispielsweise des Schlusssatzes mangelte es Jakob Hrùša weder an Feuer noch einem musikalischen Konzept, wohl aber am Willen, kompositorische Entwicklungen klangarchitektonisch bruchlos aufzubauen. Blech und Schlagzeug kamen hier teilweise noch zu ungedämpft, zu ungebremst.

    Dem gegenüber stand bei dem jungen Tschechen nicht nur die zurückhaltende Präzision des Schlags, sondern auch eine ungemein packende, selbstverständliche Musikalität und Lockerheit.

    Dabei interpretierte er die symphonischen Verläufe mit intensiver Aufmerksamkeit, Hellhörigkeit, Empfindsamkeit und Intelligenz. Das Ergebnis mit einem exzellent aufgelegten Orchester (Holzbläser!): eine mitreißende, ungemein klangschöne Interpretation. Ovationen.

    Man hätte den langen Abend nach der Zugabe vergnügt und beschwingt ausklingen lassen können, wären da nicht die Ereignisse in Paris gewesen und das komische Gefühl, im Konzertsaal gesessen zu haben, während die Barbarei ihren Verlauf nahm.

    Von unserem Mitarbeiter

    thomas Starost

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