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    Schweinfurt

    Roland Breitenbach: Nicht aus der Kirche austreten. Auftreten!

    Roland Breitenbach in seiner Kirche, St. Michael in Schweinfurt  Foto: Anand Anders

    Wir müssen uns mal über Gott und die Welt unterhalten. Das war Roland Breitenbach (Jahrgang 1935) und Redakteurin Susanne Wiedemann (Jahrgang 1965) klar, als sie feststellten, dass sie beide am 7. August Geburtstag haben. So etwas verbindet schließlich, schnell waren die beiden beim "Du".  Wobei der Schweinfurter Pfarrer - herzlicher, offener Mensch, der er ist - mit vielen Leuten per Du ist. Fazit der beiden nach knapp drei Stunden ebenso netter wie intensiver Unterhaltung: Müssen wir mal wieder machen. Und dann nicht so lange warten, bis ein Termin gefunden ist. Wobei  das bei einem so aktiven Mann wie Breitenbach nicht so einfach ist. 

    Frage: Wie geht's Dir? Spürst Du nochFolgen des Unfalls von 2014, als Du vom Fahrrad gestürzt bist?  Es sah damals schlimm um Dich aus, viele haben sich große Sorgen um Dich gemacht. Du warst lange im Krankenhaus, lange nicht in der Öffentlichkeit zu sehen. 

    Roland Breitenbach: Durch den Unfall ist mir vieles verloren gegangen. Namen, Gesichter. Das musste ich wieder lernen. Eine gute Freundin geht jeden Tag mit mir spazieren. Das tut mir gut. Viele Leute helfen mir und kümmern sich um mich. Zum anderen: Nicht beklagen, was geschehen ist, dankbar sein für alles, was mir bislang geschenkt wurde.

    Du hast wieder Bücher in Arbeit. 60 hast Du schon geschrieben. Du schreibt regelmäßig eine Kolumne, das "Ortsgespräch". Woher nimmst Du mit 83 die Kraft? Hast Du einen Tipp, wie man sich nicht entmutigen lässt und  seinen Weg nicht verliert? 

    Breitenbach: Dankbarkeit und Gelassenheit zeigen das Ziel. Die Wege entstehen, wenn wir sie gehen. Wenn jeder tut, was er will und kann, wird sich in der Kirche sehr viel ändern und bewegen. Auch deswegen schreibe ich in anderen Blättern, weil meine Gedanken und Worte zum Beispiel im Würzburger katholischen Sonntagsblatt nicht zu finden sind. Dort bin ich unerwünscht, nicht einmal ein Leserbrief von mir wurde veröffentlicht.

    Kannst Du Dir eigentlich vorstellen, mal nichts mehr zu machen? Nichts mehr zu schreiben? 

    Breitenbach: Nein! Im Gegenteil. Das schöne an meinem Unfall ist, dass ich zwar körperlich behindert bin, aber mein Kopf mitmacht. Deswegen entsteht, weil ich ja jetzt Zeit habe, ein Buch nach dem anderen. Freitags um 9 Uhr - ungünstige Zeit, möchte man meinen -  halte ich Gottesdienst in der Kapelle von St. Michael. Das ist mir wichtig. Um die 60 Leute kommen da regelmäßig. Das macht mich ganz besonders stolz, sogar glücklich.  

    Wie bist Du eigentlich zum  Schreiben gekommen?  

    Breitenbach: Durch die Bildzeitung  (lacht). Als Schüler  habe ich per Zufall erfahren, das es ein Preisausschreiben bei der Bildzeitung gibt. Für einen Artikel über Flüchtlinge, das gab's damals auch schon, habe ich den ersten Preis gewonnen. Der Preis war fünf  Tage Hamburg und Mitarbeit in der Redaktion.  Leider wurden über meine Artikel ziemlich blödsinnige Überschriften gemacht. Ich war übrigens auch Mitarbeiter bei der Volkszeitung in Aschaffenburg. "Jetzt weißt Du, wie Geldverdienen geht", hat mein Vater damals gesagt und mir das Taschengeld gestrichen, aber Geld für ein Fahrrad geliehen. Auf der Rückfahrt von Hamburg war ich in Würzburg, habe dort einen Bekannten getroffen, der inzwischen Regens im Priesterseminar geworden war. Er meinte: Ich hab' immer gedacht, Du kommst mal zu uns. Schau Dir das alles  doch mal an. Das habe ich dann gemacht. Und bin erwartungsvoll geblieben. Wie ein kleines Wunder, am übernächsten Tag war in der Zeitung zu lesen: Der Regens vom Priesterseminar ist Bischof von Würzburg geworden.  Da war es um mich geschehen.

    Ich gehöre zu den Glücklichen, die regelmäßig eine Mail von Dir im Eingang haben mit einem "Impuls für den Tag". Freue ich mich jeden Tag drauf.  Passt immer, regt an zum Nachdenken.  der zum Beispiel: Wenn du dich heute positiv und angenehm fühlst,  sage laut zu dir: Es ist gut! Es kann kaum Schöneres geben,  also freue dich und zeige Mut! 

    Breitenbach: Das freut mich. Früh um sechs mache ich mich meist an die Arbeit. Ich schicke die Impulse nicht als Sammel-Mail, sondern persönlich. Ich denke an die Person, die die Mail bekommt und will ihnen auf diese Weise meinen Segen geben. Viele Leute warten und reagieren darauf, schreiben: Das hat mir sehr gut getan.

    Trotz Alter und trotz des schweren Fahrradunfalls unermüdlich aktiv: Roland Breitenbach in seiner Kirche, St. Michael in Schweinfurt Foto: Anand Anders

    Hetze, Hass, Polarisierung: Man hat das Gefühl, die Welt ist sehr negativ geworden. Vor allem, wenn man in die sozialen Netzwerke schaut. Wie erlebtst Du das?    

    Breitenbach: Da seid ihr von der Presse auch dran schuld. Ihr berichtet so viel über Negatives, über Schlägerei, Mord und Totschlag. Da ist so viel Böses darin. Aber, das klingt vielleicht etwas verrückt, aber das liegt auch daran, dass die Leute nicht mehr in die Kirche gehen, was übrigens auch an der Kirche liegt. Früher hat es dazu gehört, in die Kirche zu gehen. Und man musste sich versöhnt haben, bevor man in die Kirche gegangen ist. Das fehlt uns auf vielen Ebenen jetzt. 

    Stichwort: Die Kirche ist schuld. Du warst und bist als Kirchenkritiker bekannt. Wenden sich immer noch Leute an Dich, auch wenn Du nicht mehr aktiv bist als Pfarrer?   

    Breitenbach: Viele Leute schreiben mir, sie wollen aus der Kirche austreten. Dafür habe ich viel Verständnis. Aber was verbessert sich dadurch? Im Gegenteil. Und die Kirche verändert sich dadurch auch nicht. Auftreten statt austreten lautet meine Devise. Deswegen habe ich aber auch meine Autobiographie geschrieben. Weil ich sage, man muss von Grund auf die Gedanken ändern. Aber bei unseren Bischöfen ist das halt schwer. Ich behaupte mal, die Bischöfe waren früher anders, sie waren menschlicher. Ein Pfarrer hat mir geschrieben: Es ist eine Schande, wie die Kirche mit den Frauen umgeht. Deswegen will ich ein Frauengebet verfassen. Das werde ich auch als Kärtchen rausbringen. Die lasse ich nach der Kirche nur an Frauen austeilen.

    Meinst Du, wir erleben noch, dass der Zölibat aufgehoben wird?  

    Breitenbach (lacht):  Ich habe einen Witz geschrieben. Ein Priesterjubilar wird gefragt: "Wie haben Sie es denn all die Jahre mit dem Zölibat ausgehalten?". Antwort: "Das kann ich Ihnen nicht sagen. Da müssen Sie schon meine Söhne und Töchter fragen." Wenn ich entsprechend gefragt werde, sage ich: Was mir fehlt, ist eine Familie. Weißt Du, der ganze Missbrauch hängt meiner Meinung nach mit zwei Dingen zusammen

    Nämlich? 

    Breitenbach: Da ist einmal die Sexualfeindlichkeit der Kirche. Was habe ich als Jugendlicher mitgemacht mit diesem Quatsch und Zwang! Dann, der daraus in Rom entstandene Zölibat. Das ist schlimm und kaum wieder gut zu machen.  Erst wenn der massive Priestermangel  überhand nimmt, wird man vielleicht nur Länderweise die erzwungene Ehelosigkeit der Priester aufheben. Aber das ist dann viel zu spät. Eine Fülle von Entschuldigungen, von Wiedergutmachungen ganz zu schweigen, stünden in der fast tausendjährigen unheilsamen Geschichte des Zölibats dann an. Doch auch dafür wäre es viel zu spät! Prophetisch hat bereits vor 800 Jahren Hildegard von Bingen gesagt: Die Kirche wird austrocken. Das liegt dann keinesfalls am frischen Wind, denn der Heilige Geist ist in dieser Kirche nicht gefragt. Und es wird immer schlimmer. Jetzt noch diese Bemerkungen von Benedikt, wonach die Ursache von Missbrauch lediglich die sexuelle Revolution sei. Über diese höchstfragwürdige Abschiebung kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

    Zur Zeit wird viel über christliche Werte geredet. Auch in der Politik. Was hältst Du davon?  

    Breitenbach: Ja, über Werte kann man viel reden. Man muss sie halt umsetzen. Adolph Kolping  hat gesagt: Schöne Worte tun es nicht, die Tat ziert den Mann. Weißt Du, den Worten folgen zu wenig Taten, auch bei den Bischöfen. Ich kann deren Gerede manchmal nicht mehr hören, denn ihr Leben ist von der Wirklichkeit meilenweit entfernt. Mitmenschlichkeit ist für sie ein Fremdwort, dabei ist die Nähe zu den Menschen immer auch Nähe zu Gott. Sie ist den Oberhirten längst verloren gegangen.

    Was ist für Dich  das Wichtigste, das ein Mensch tun kann in seinem Leben? 

    Breitenbach: Das hört sich vielleicht ein bisschen blöd an. Aber das wichtigste ist für mich immer die Nächstenliebe.  Die bestimmt auch mein Denken, bis zum heutigen Tag. Wird für den anderen etwas gut oder besser, durch das, was Du sagst, oder tust? "Gott ist nicht glücklich mit Dir, wenn Du nicht andere glücklich machst", habe ich mal in einem meiner Impulse  geschrieben. Und im zweiten  Impuls: Was du aus Liebe lässt oder tust, hat für immer Bestand.

    Du hast Dich nicht beliebt gemacht bei Deinen Vorgesetzten mit Deiner Kritik. Wer austeilt, muss auch einstecken, das ist klar. Aber gibt es einen Moment, der Dir nachgeht?  

    Breitenbach: Bischof Friedhelm hat, als er meinen Namen hörte, gesagt: Breitenbach? Einer von dieser Sorte genügt uns! Er hat mir zur Pensionierung die übliche, vorgedruckte Urkunde geschickt. Der Satz: "Mit Dank und Anerkennung für den langjährigen Dienst in der Seelsorge" war durchgestrichen. Die Urkunde wollte ich nicht annehmen. Ich habe um eine neue gebeten. Sie ist nie gekommen, aber ich lebe auch ohne dieses Papier und mit meiner in Jahrzehnten verdienten Pension. Aber, damit kein falsches Bild entsteht, ich war immerhin mit Bischof Josef Stangl und Kardinal Julius Döpfner befreundet.

    Und Du hast wirklich noch Hoffnung, dass sich die Kirche ändert? 

    Breitenbach: Ich denke an das schöne Wort: Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern. So lange ich hier wirken und leben kann, kann ich wenigstens kleine  Schritte tun und damit das große Ziel zeigen.  Die neue, andere Kirche könnte vor allem damit beginnen, dass sich Ort für Ort, nicht nur in Domen und Kathedralen von ganz unten  christliche Gemeinden selbständig bilden.   Dazu hat zum Beginn des 3. Jahrhunderts der afrikanische Schriftsteller Tertullian gesagt, niemand könne allein ein Christ sein, sondern nur in und mit einer Gemeinde ist er ein Christ. Ihre Leiter und Leiterinnen könnten sie sich selber wählen, Vieles, wenn nicht gar alles, würde weit besser, weil es dann Zukunft hätte. Die Bezeichnung: wir sind Christen, könnte endlich der Wahrheit entsprechen und nur die  macht frei, hat Jesus Christus eindeutig gesagt.

     

    Roland Breitenbach
    Geboren am 7. August 1935 in Chemnitz, aufgewachsen in Aschaffenburg, wurde er 1963 von Bischof Josef Stangl zum Priester geweiht. Der Zeit als Kaplan in Retzstadt folgte die des Kur-Seelsorgers in Bad Kissingen. Anschließend war Roland Breitenbach fünf Jahre als Religionslehrer am Schweinfurter Olympia-Morata-Gymnasium tätig, ehe er 1974 im Schweinfurter Musikerviertel die Pfarrei St. Michael übernahm. Breitenbach wurde durch sein soziales Engagement und durch neue Ideen weit über Unterfranken hinaus bekannt. Seine Motorradgottesdienste sind legendär. Viele Paare ließen sich von Roland Breitenbach trauen und erneuerten beim Ehe-TÜV in einem speziellen Gottesdienst ihr Bekenntnis zueinander. 
    Etwa tausend Trauungen hat Breitenbach  gemacht, nicht nur in Kirchen oder Kapellen. Gerne auch an besonderen Plätzen, dort, wo das Paar, sich kennen und lieben gelernt hat. Dem Ort entsprechend formulierte er  dazu Leitsätze, die das Paar begleiten sollten. Einige Beispiele und das dazu gehörende Wort. Bei einer Fahrt mit dem Schiff auf dem Main: „Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker hängen. Was immer euch sichert, ist die Liebe.“ Im Heißluftballon hoch über der Stadt: „Was das Gas für den Ballon ist, schafft die Liebe: sie macht leicht, zeigt euch das Ziel und hebt über alles.“
    Breitenbach ist Autor von 60 Büchern, die neue Wege im Glauben aufweisen wollen und die Amtskirche kritisieren.

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