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    Kreis Schweinfurt

    Rot, Orange, Gelb – ein Notfallplan für die Notfallambulanz

    Gesundheitsminister Jens Spahn will die Notfallversorgung reformieren. Das St.-Josef-Krankenhaus hat sich dafür schon gerüstet. Die Ambulanz hat jetzt einen eigenen Chefarzt.
    Viele Patienten kommen in die Notaufnahme, auch wenn sie nicht akut gefährdet sind. Das St.-Josef-Krankenhaus hat seine Notfallambulanz nun umstrukturiert, um Hilfesuchende effizient behandeln zu können. Foto: Anand Anders

    Fast schon sein ganzes Berufsleben lang arbeitet Dr. Jürgen Weigand in der Notaufnahme. Doch manchmal kommen Patienten, die machen auch ihn noch sprachlos. Zum Beispiel die Frau, die wegen eines abgebrochenen künstlichen Fingernagels die Notfallambulanz aufsuchte und um Hilfe bat. Sein Oberarzt Martin Eichhorn hatte da gerade Dienst und konnte der Dame nur schwer verständlich machen, dass sie kein Notfall war. Oder der Mann, der nicht einsehen wollte, dass Husten kein Fall fürs Krankenhaus ist. "Es herrscht ein Anspruchsdenken, da kann man nur mit dem Kopf schütteln." 

    Seit 1. Januar ist Jürgen Weigand Chefarzt der Zentralen Notaufnahme (ZNA) am St.-Josef-Krankenhaus, die damit gleichzeitig zu einer eigenständigen Fachabteilung geworden ist. Die Klinik schlägt damit einen neuen Weg ein. Bislang war die ZNA einem Fachgebiet zugeordnet, mit dem Nachteil unklarer Zuständigkeiten oder Verantwortlichkeiten. Als eigenständige Abteilung steht die ZNA nun auf gleicher Ebene wie alle anderen Fachabteilungen. Sie ist nicht einem Fachgebiet verpflichtet, sondern allen. Und mit Chefarzt Dr. Jürgen Weigand hat man einen qualifizierten Notfallmediziner gefunden, der sich sein ganzes Berufsleben lang schon der Notfallmedizin verschrieben hat. "Das ist mein Traumjob", sagt Weigand.

    Ihm zur Seite steht als Leitender Oberarzt Martin Eichhorn. Sein Wunschpartner, mit dem er bereits in seiner Zeit als Chefarzt der Notaufnahme des Caritas-Krankenhauses Bad Mergentheim zusammengearbeitet hat. Und "ein engagiertes Team aus Mitarbeitern am Empfang, Notfall-Pflegekräften sowie Ärztinnen und Ärzten aus allen Fachabteilungen des Krankenhauses", so Weigand.

    Das Führungsduo: Dr. Jürgen Weigand (links) ist neuer Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am St.-Josef-Krankenhaus. Als Leitender Oberarzt unterstützt ihn Martin Eichhorn. Foto: Anand Anders

    Schwindende Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung

    Ein Besuch in der Notaufnahme: Eigentlich sagt die Bezeichnung ja deutlich, dass diese Einrichtung für akute medizinische Notfälle gedacht ist. Die Realität sieht aber anders aus. Eine Studie an 50 bundesdeutschen Krankenhäusern hat ergeben, dass 52 Prozent der Patienten in der Notfallambulanz keine echten Notfälle sind. Auch im St. Josef ist das so: 90 bis 100 Patienten kommen täglich in die ZNA. "Die Hälfte schicken wir nach ambulanter Behandlung wieder nach Hause", sagt Weigand. Es sind Patienten, die keinen Termin beim Facharzt bekommen haben. "Wir sind häufig Facharztersatz." Oder Patienten, die mit einer Überweisung vom Hausarzt kommen. "Bei uns gibt's halt das ganze Diagnostikprogramm in kürzester Zeit." Oder Patienten, die überhaupt keinen Hausarzt haben, "weil es auf dem Land halt nicht genug Ärzte gibt". Oder Patienten, die mit Wehwehchen kommen, "weil die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung schwindet und die Menschen vom System überfordert sind".

    Ein Farbsystem stuft die Dringlichkeit der Behandlung von Patienten in der Notaufnahme ein. Bei Rot muss sofort ein Arzt kommen, bei Orange spätestens in zehn Minuten, bei Gelb nach 30 Minuten. Foto: Anand Anders

    Das führt dazu, dass die Ambulanzen überlaufen sind und echte Notfälle warten müssen, wenn "Nicht-Notfälle" die Notfallmediziner in Beschlag nehmen. Das St. Josef hat darauf reagiert und seine ZNA umstrukturiert, um allen Patienten Rechnung tragen zu können. Die Behandlung erfolgt nicht mehr nach Reihenfolge der Anmeldung, sondern allein die medizinische Indikation bestimmt die Schnelligkeit der Behandlung. Die sogenannte Triagierung (Einschätzung) der Patienten erfolgt nach einem standardisierten Verfahren.

    Die Dringlichkeit wird mit Farben symbolisiert. Bei Rot muss sofort ein Arzt kommen, bei Orange spätestens in zehn Minuten, bei Gelb nach 30 Minuten. Patienten mit der Farbe Grün oder Blau können warten, eineinhalb bis zwei Stunden oder auch länger. Denn wenn schlimmere Notfälle in die Ambulanz kommen, werden die leichteren immer wieder nach hinten gestuft. Das führt allerdings auch zu Unzufriedenheit und Verärgerung. "Es gibt ständig Diskussionen mit Patienten oder Angehörigen wegen der Wartezeiten", sagt Weigand. 

    Ein anderes Problem sind die Kosten. Für die Krankenhäuser sind die ambulanten Fälle in der Notaufnahme finanziell ein Verlustgeschäft. "Ohne Einweisung in die Klinik legen wir 80 Euro pro Patient drauf", sagt Weigand. Die Notaufnahmen arbeiten deshalb alle defizitär. 

    Integrierte Notfallzentren sollen Lotsenfunktion übernehmen

    Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat dies erkannt und plant eine Reform. Ein neues Gesetz aus seinem Haus soll die medizinische Notfallversorgung neu organisieren, auch finanziell auf eigene Füße stellen. Geplant sind eine übergeordnete Leitstelle und sogenannte Integrierte Notfallzentren (INZ), die Hilfesuchende  an die richtige Stelle lotsen – entweder ins Krankenhaus oder zu niedergelassenen Ärzten. 760 solcher INZ sollen an ausgewählten Krankenhäusern unter der Leitung der Kassenärztlichen Vereinigung in Deutschland entstehen und deren Leistungen – anders als bisher – von den Krankenkassen außerhalb des Budgets finanziert werden. 

    Auf dem Weg zum Patienten: Leitender Oberarzt Martin Eichhorn. Foto: Anand Anders

    Für den vorgelegten Gesetzentwurf gibt es Lob, aber auch Kritik. So fürchten Bayerns Landräte etwa um die Zukunft der medizinischen Notfallversorgung auf dem Land. Denn nach einer Hochrechnung der Landräte würden von den derzeit 360 bayerischen Krankenhäusern mit Akutversorgung nur 80 ein neues Notfallzentrum erhalten. In der Regel jede größere Stadt eines. Auch in Schweinfurt würde es nur noch eine Notfallambulanz geben. Ob am St.-Josef-Krankenhaus oder am Leopoldina, das entscheiden die Landesausschüsse aus Vertretern der Kassenärzte, der Krankenkassen und der Krankenhäuser.

    Kleine Krankenhäuser bangen um ihre Existenz

    Das St. Josef sieht sich für die Einrichtung eines INZ gut gerüstet. Vor allem, weil man mit der seit 2016 im Haus installierten Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung bereits einen Schritt weiter ist, schon jetzt eine Art Lotsenfunktion übernimmt. Wer bei der Vergabe leer ausgeht, wird doppelt bestraft. Denn Häuser ohne INZ sollen künftig keine ambulanten Notfall-Leistungen mehr erbringen. Tun sie es doch, soll die Vergütung um die Hälfte gekürzt werden. So sieht es der Gesetzentwurf vor.

    Kleine Häuser bangen um ihre Existenz. Denn kein Krankenhaus kann Patienten abweisen, die vor der Tür stehen. Schon jetzt werde im St. Josef viel auf Kulanz gearbeitet, verweist Chefarzt Weigand auf das christliche Leitbild der von den Würzburger Erlöserschwestern getragenen Klinik, denen eine gute Versorgung der Menschen besonders am Herzen liegt. "Unser Ziel ist es, dass die Patienten zufrieden aus der Klinik gehen. Auch wenn man Barmherzigkeit nicht abrechnen kann." 

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