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    GEROLZHOFEN

    Roth, Röder, knallrot

    Ganz auf Rot(h) war das Gerolzhöfer Theaterhaus des Kleinen Stadttheaters zur nachmittäglichen Kaffeestunde am Sonntag eingestellt. Gemeint war zu allererst die Hauptperson des Grünen-Gesprächs über Kultur im ländlichen Raum: Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth. Noch einen Tick röter beziehungsweise, grammatikalisch nicht ganz korrekt, röder kamen die beiden Gastgeberinnen daher. Das waren die Grünen-Landtagskandidatin Birgid Röder und die Leiterin des Kleinen Stadttheaters, Silvia Kirchhof, im knallroten Kleid. Rund 50 Kulturinteressierte waren dem Aufruf „Auf ins Theater“ gefolgt.

    Das Publikum auf den nostalgischen Stühlen und Sesseln im „großen Saal“ des einstigen Cafés erlebte einen kurzweiligen Nachmittag mit einer engagierten, leidenschaftlichen und wachrüttelnden Claudia Roth. Vor dem frischen Hintergrund von Chemnitz geriet ihr Vortrag dann doch zu einer ernsten Angelegenheit. Dazu passten die stark politisch angehauchten Chansons des „Café Sehnsucht“ wie der Deckel auf die Kaffeekanne. Komponiert und getextet von Achim Hofmann, wurden sie in unnachahmlicher Art von seiner Frau Silvia Kirchhof gesungen und interpretiert.

    Was ist los im großen Welttheater?

    Mit den Aufführungen des „Großen Salzburger Welttheaters“ von Hugo von Hofmannsthal im Jahr 2010 hatte das Kleine Stadttheater seine Geburtsstunde erlebt. Diesen Ball nahm Claudia Roth auf, indem sie feststellte: „Schauen Sie sich um, was los ist auf der Erde im großen Welttheater?“ Als ersten Punkt nannte die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und langjährige Bundesvorsitzende der Grünen „die riesengroße Klimakatastrophe mit nicht erreichten Klimazielen und zunehmender Erderwärmung“.

    Zum anderen seien wir „auf der ganzen Welt von immer mehr Demokratiefeinden und Demokratieverächtern umgeben“, ob in den USA, in Russland, Venezuela, China, der Türkei, Ungarn, Polen, Italien oder Österreich. Städtepartnerschaften bekämen in Zeiten von Trump, Putin, Erdogan, Orban und anderen eine ganz andere Bedeutung.

    Claudia Roth: „Wir brauchen Brückenbauer. Sprengmeister haben wir viel zu viel.“ Dabei bräuchte es eben gerade Europa als Garant für all die Errungenschaften der Demokratie wie etwa Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, Versammlungsfreiheit und Redefreiheit oder eben auch die Kunstfreiheit. Claudia Roth fragte: „Was ist los in dieser Welt?“

    Alle sind als Verfassungsschützer gefordert

    Mit Blick auf die Ereignisse in Chemnitz sowie vor dem Hintergrund der „organisierten rechtsradikalen Struktur“, Hass und Rassismus sowie „der Erosion an Rechten und Freiheitsrechten“ rief sie dazu auf, „dem etwas entgegenzusetzen.“ Ihre Empfehlung mit dem betonenden Zusatz „hier redet nicht die grüne Roth, sondern die Vizepräsidentin des Bundestags“, lautete: „Wir müssen jetzt gemeinsam Verantwortung übernehmen. Lassen Sie uns alle Verfassungsschützer und Verfassungsschützerinnen sein!“ Nach wie vor habe sich nichts an dem Satz im Grundgesetz geändert, der da besagt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Claudia Roth: „Lassen Sie uns das vor denen beschützen, die das angreifen wollen.“

    Die Entfremdung der Sprache

    Ebenso geißelte sie im weiteren Verlauf ihrer Rede die „Umdeutung der Geschichte“ in Sachen Nationalsozialismus und die bewusste „Entfremdung der Sprache“. Claudia Roth: „Damit fängt es an. So wird Öl ins Feuer für Hass und Gewalt geschüttet. Der nächste Schritt ist der Angriff auf die Menschlichkeit und dann kommt der Mensch.“ In Deutschland dürfe kein Mensch aufgrund seiner Hautfarbe oder seines Lebensstils Angst haben müssen. Diese „Verrohung und politische Unkultur“ habe man jetzt in Chemnitz in Form gezielter Bedrohung von Menschen erlebt.

    Kopieren stärkt nur das Original

    Mit Begriffen wie „Antiabschiebungsindustrie“ oder „Asyltourismus“ befeuerte Bilder seien Gift für das Leben in unserem Land, betonte sie weiter, „denn der Zweck heiligt definitiv nicht die Mittel“. Diese bedenklichen und „brandgefährlichen Strömungen“ gelte es dabei friedlich zu bekämpfen, allerdings nicht durch Kopieren. Claudia Roth: „Die Übernahme der Themen und der Sprache stärkt nur das Original.“ Damit war sie beim Kern ihrer Rede angelangt, nämlich „dem gezielten Angriff auf Kunst und Kultur, weil sie natürlich eine unglaubliche Kraft für die Demokratie hat“. Claudia Roth machte deutlich: „Kunst und Kultur gehören in der Demokratie als Grundnahrungsmittel dazu. Kunst muss einem dabei nicht gefallen, aber sie ist frei.“

    Das Statement mündete in dem Schlussplädoyer: „Kunst und Kultur brauchen wir überall und auch hier.“ Mit „hier“ waren in diesem Fall Gerolzhofen und der Ländliche Raum gemeint. Es folgte lang anhaltender Applaus für Claudia Roth.

    Birgit Röders „Empfehlungen“

    Birgit Röder hatte in diesem Zusammenhang im Beisein des Grünen-Direktkandidaten Hans Plate (Hüttenheim) zuvor eine „besondere Aufmerksamkeit und Unterstützung für anspruchsvolle und ortsbezogene Kulturarbeit im ländlichen Raum“ angemahnt, so wie sie durch das Kleine Stadttheater unter der Leitung der Gerolzhöfer „Kultur-Ikone“, wie Röder Silvia Kirchhof nannte, geleistet werde.

    Drei Punkte stehen ganz oben auf der Liste der Gerolzhöfer Landtagskandidatin der Bündnisgrünen mit ihren „Empfehlungen an das Land Bayern“ zur Förderung von Kultur und Kulturnetzwerken abseits der großen Ballungszentren.

    • Die Anhebung der für die Kultur auf dem Lande wichtigen Fördermittel samt Entwicklung eines Förderprogramms für kulturelle Existenzgründungen.

    • Die Durchführung eines Wettbewerbs für besondere Kulturprofile auf dem Land.

    • Die verstärkte Förderung der zentralen Beratungs- und Förderungsinstitutionen.

    Von der Theater- auf die politische Bühne

    Claudia Roth („Es ist schön hier im Theaterhaus“) hatte eingangs daran erinnert, dass Kunst und Kultur bei ihr im Elternhaus so etwas wie ein Grundnahrungsmittel gewesen seien. Ferner ging sie darauf ein, wie es schließlich dazu kam, dass sie nach dem abgebrochenen Studium der Theaterwissenschaft, einem kurzen Intermezzo als Dramaturgin am Theater in Dortmund und der Zeit als Managerin der deutschen Rockband „Ton Steine Scherben“ um den Frontmann und Sänger Rio Reiser 1985 zur Pressesprecherin der ersten deutschen Bundestagsfraktion wurde und somit„auf eine andere, die politische Bühne“ wechselte.

    Silvia Kirchhof hatte auf die Anfänge des Kleinen Stadttheaters im Jahr 2010 zurückgeblickt und was sich daraus an großen Projekten bis hin zu „Frl. Schmitt und der Aufstand der Frauen“ sowie „Du musst dran glauben“ entwickelt hat, „um durch die Kunst einen Beitrag zur Gegenwartskultur zu leisten“.

    Künstlerische Bedeutung in Frage gestellt

    Die 2019 geplante Wiederaufnahme des „Großen Welttheaters“ von 2010 in einem „riesig großen Festzelt“ mit Live-Musik und mehr sei mit 200 000 Euro veranschlagt. Umso mehr beklagte sie, dass dem Stadttheater bislang in München eine Förderung für das  neue Vorhaben mit dem Hinweis auf die in Frage gestellte künstlerische Bedeutung verwehrt worden sei. Doch Silvia Kirchhof zeigte sich kämpferisch. Sie unterstrich: „Ich gebe nicht auf. Wir stellen den Antrag noch einmal.“

    Töpper kam noch, ein Bürgermeister aber nicht

    Am Rande der Veranstaltung wurde von Besuchern kritisiert, dass trotz dreier Bürgermeister kein offizieller Vertreter der Stadt der Bundestagsvizepräsidentin die Aufwartung machte. Dabei war sie doch erst dieser Tage etwa bei Besuchen in Zeil am Main oder in Bad Königshofen gebeten worden, sich ins Goldene Buch einzutragen. Schließlich hatte sich auch Landrat Florian Töpper trotz rappelvollen Terminkalenders an diesem Sonntag die Zeit genommen, noch zu der Runde mit Claudia Roth dazuzustoßen. Birgid Röders Kommentar: „Mir fehlt da bei der Stadt die Wertschätzung.“ Dass Claudia Roth nach Gerolzhofen kommt, sei allen Bürgermeistern und Stadträten rechtzeitig bekannt gewesen.

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