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    WAIGOLSHAUSEN

    Schweinerich Lutz im Guckkasten

    Büttner steckt von der Hüfte an aufwärts in einem Weidenkorb, der 95 Zentimeter hoch und inklusive Puppen und Requisiten 18 Kilo schwer ist. Die Bühne ist der obere Korbrand. Büttners Beine sind der „menschliche Unterbau“. Oder er spielt in einer „klassischen“ Guckkasten-Standbühne: 2,70 Meter hoch, zwei Meter breit und um 180 Grad drehbar, so dass die Rückseite eine zweite Bühne mit anderer Kulisse präsentiert.

    Selbst gemacht und erdacht sind die Stab- und Handpuppen, die Kulissen und auch die zeitlosen, hoffnungsfrohen Geschichten und ihre lustigen Figuren. Den Kindern und Erwachsenen Unterfrankens ist der Name Ali Büttner durchaus geläufig. Weniger gewahr scheint die Tatsache, dass die künstlerische Ausdrucksform seines Korbtheaters europaweit ziemlich einzigartig ist. Dabei ist die Idee gar nicht neu: Arme Puppenspieler, die als „Theater“ eine Weinkiepe wie einen Rucksack umher trugen, gab es schon im 18. Jahrhundert.

    Schicksalhafte Begegnung

    Wiedergeboren wurde die technische Idee vom geflochtenen Bauchladen-Theater dann 1989 während eines Kneipenabends. Der schicksalhaften Begegnung des Hobby-Puppenspielers Büttner mit dem gleichaltrigen und ebenfalls liebeskummerbeschwerten Korbflechter Johannes Bauer folgte ein konstruktiver Urknall. „Ein irrsinniger Moment“, so Büttner. Der binnen zehn Tagen geflochtene Erstlingskorb blieb nicht nur ein kurioser Hingucker in Fußgängerzonen. Vielmehr avancierte das Puppentheater auf dem Korbrand binnen kurzer Zeit zum Publikumsmagneten.

    Was sollte aus dem Korbtheater-Experiment werden? Büttner hatte eigentlich keine Zukunft in der als „brotlos“ verschrienen Kleinkunstbranche angepeilt. Nach dem Hauptschulabschluss schloss er die vom Vater lancierte Lehre zum Landmaschinenmechaniker ab. Erst mit 19 Jahren habe er seine künstlerische Ader wirklich wahrgenommen und eine Lehre als Kunstschmied begonnen. Zurückblickend vermutet er den Ursprung seiner vielseitigen Kreativität in seiner Naturverbundenheit. „Ich fühle mich aber eher als Handwerker.“

    Während der Zivildienstzeit schloss er sich der Schweinfurter Puppenbühne „Pfefferkorn“ an und spielte dort „aus Spaß an der Freud'“ vier Jahre lang. Kinderpfleger wollte er währenddessen werden, machte die Mittlere Reife nach und betreute schließlich Montessori-Schüler in Würzburg. Bis zum Treffen mit Korbmachermeister Johannes Bauer. Da war „Ali“ Büttner 22 Jahre alt und – wie er selbst sagt – „extrem unstet und auf der Suche“.

    Im Krankenwagen auf Tour

    Durch die Korbtheateridee wurden sein handwerkliches Geschick und künstlerisches Talent „entflammt“. Er schnitzte vier Puppen, nähte ihnen Kleider. Mit seiner „Musikrevue“, einer improvisierten Playback-Show zu Pop- und Rockmusik, trat er auf. Eine Spontan-Tournee durch Deutschland folgte, in einem alten, umgebauten Mercedes-Krankenwagen. „Allein über diese Tour sollte ich ein Buch schreiben. Da habe ich Sachen erlebt, die mich geformt haben. Und da war ich dann an dem Punkt, zu wissen, dass man das ausbauen sollte“

    Denn eine Würzburger Künstleragentur hatte schon angeklopft, verlangte aber nach einer Puppen-„Geschichte“. Und anpackend, wie es Ali Büttners Art ist, entwickelte er den „Verzauberten Schuh“: ein modernes Märchen mit „wenig Logik und viel Dynamik“. Denn seine Stücke und sein Theaterspiel leben schlichtweg von der Improvisation und Spontaneität, mit der Büttner auf Situation, Stimmung und Publikum eingeht - erfolgreich bewiesen bei rund 1300 Auftritten. Die Folgeproduktion hieß „Fred Banane zieht aus“.

    Ein Jahr später expandierte das Korbtheater: Büttner und Bauer bauten eine vier Mal drei Meter große Standbühne für eine große Inszenierung. Damit wagte sich das Korbtheater auch in die professionellere Szene. Die Geschichten, die er sich oft erst während des Bauens der Puppen ausdenkt, sollen dabei weder die Welt verbessern noch moralisieren, einfach nur das Lebenswerte am menschlichen Dasein unterstreichen.

    „1993 wurde die Leidenschaft zum Beruf. Büttner holte sich einen Mitarbeiter für Buchhaltung, Management und Sponsoring ins Boot. Bei einem gemeinsamen Auftritt mit Clown Zapobo (Dirk Denzer aus Schwebheim) war er auf den Geschmack gekommen. Mehr Technik hielt Einzug im kleinen und großen Korb: Musik, Geräusche. Lichteffekte. Rund 80 Figuren und insgesamt 20 Produktionen entstanden, ebenso wie künstlerische Alternativen in Richtung Varieté (Handoper „La Traviata“, Slapstick-Butler) und Artistik (Stelzentheater).

    Bescheiden geschätzte 500 000 Menschen hat Ali Büttner mittlerweile mit seinen Stücken verzaubert. Seine fantastischen Charaktere Schweinerich „Lutz“, der Drache „Frederick“, Maulwurf „Marlo“, der faule Hase „Paule“ oder Enterich „Fred Schnabel“ berühren die Herzen des Publikums.

    Ein Sponsor trägt seit 1994 die „Aktion Sonnenstrahl“: Bei bislang schon mehreren hundert Gastspielen in Krankenhäusern ließ das Korbtheater junge Patienten für eine Weile ihre Krankheit und Einsamkeit vergessen. Vor sechs Jahren rief Büttner zusammen mit dem Autor und Regisseur Charlie Bick die „Aktion Herbstsonne“ ins Leben: ein experimentelles Theaterprojekt speziell für ältere Menschen in Seniorenheimen, das auf deren Lebensumstände mit einfühlsamer Leichtigkeit aufgreift. Von anfänglicher Skepsis begleitet lief das Ausgangsstück „Es ist nie zu spät“ so erfolgreich, dass aktuell schon die Fortsetzung „Die Reise“ auf Tour ist.

    Und bei der Frage nach weiteren Ideen und Projekten schweift Büttners Blick viel sagend in die Ferne. Nach seiner erfolgreichen „jüngsten Produktion“, nämlich der sieben Monate alten Tochter Amelie, entstehen in seinem Kopf offenbar schon neue Zukunfts- und Wunschbilder: „Noch einmal einen kleinen Korb flechten lassen“, verrät er zum Erstaunen von Frau Stefanie: „Nächstes Jahr wird irgendwas passieren.“

    Online-Tipp:

    ww.korbtheater.de

    www.aktion-herbstsonne.de

    Von unserer Mitarbeiterin Gabi Kriese

    Fotos

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