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    Schweinfurt

    Schweinfurt im 20. Jahrhundert

    Während des Ersten Weltkriegs war die Versorgungslage der Bevölkerung schlecht, hier stehen die Menschen 1916 im Rathaushof für Lebensmittel an. Foto: Sammlung Peter Hofmann

    Eindringlich war die Botschaft, die ausgerechnet am Tag des antisemitischen Anschlags in Halle von einem Lichtbilder-Vortrag des Schweinfurt-Forschers und SPD-Stadtrats Peter Hofmann ausging: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder Antisemitismus. Denn Hofmanns Streifzug durch "Schweinfurt im 20. Jahrhundert" zeigte vor allem eindrücklich den Niedergang der Stadt durch die Herrschaft der Nationalsozialisten, aber auch den Neuaufbau nach Kriegsende.

    Die Kantine im Ämtergebäude an der Alten Bahnhofstraße war mit knapp 90 Interessierten gut gefüllt. Ihnen verdeutlichte Christopher Richter, Vorsitzender des veranstaltenden SPD-Ortsvereins Hochfeld-Deutschhof-Steinberg-Haardt, wie wichtig es sei, die Geschichte zu kennen und die Parallelen zu aktuellen Entwicklungen wahrzunehmen.

    Im Gedenken an die Opfer von Halle erinnerte die SPD-Kandidatin zur Oberbürgermeisterwahl, Marietta Eder, an die Bedeutung von Rechtsstaat und Demokratie. Weil es im Vortrag von Peter Hofmann über die bauliche und geschichtliche Entwicklung der Stadt auch ums Thema Wohnen und Baugebiete ging, gab sie eine Unterschriftenliste zum Bürgerbegehren "Bezahlbar wohnen in Schweinfurt" herum.

    15 mal wurde Schweinfurt im Zweiten Weltkrieg bombardiert, die Zerstörungen, hier 1944 in der Schultesstraße, waren verheerend. Foto: Sammlung Peter Hofmann

    Die Zeit von 1900 bis 2000 in Schweinfurt veranschaulichte Peter Hofmann in 90 Minuten, konzentriert verfolgt vom Publikum. Anhand seiner umfangreichen Fotosammlung, die er auch auf seiner Homepage www.schweinfurtfuehrer.de zeigt, bebilderte er seine Ausführungen.

    15 300 Einwohner zählte Schweinfurt Anfang des 20. Jahrhunderts, damals noch überwiegend evangelisch. Ansichten von Straßen und Plätzen zeigten eine schmucke, lebendige Stadt mit Marktgeschehen, Geschäften, Pferdebahn oder dem Rathaus mit Marktplatz, "mit einer schöneren Bepflanzung als heute", wie Hofmann meinte. Auf einzelne Bauten wie das Gymnasium von 1891, das Justizgebäude von 1905, das Feuerwehrhaus von 1908 oder das Städtische Krankenhaus von 1912 waren die Schweinfurter besonders stolz. Die Produkte der Schweinfurter Industrie, das Kugellager, wurden allmählich weltweit bekannt. Für die Arbeiterschaft seien die Arbeitsbedingungen aber schlecht gewesen, so der SPD-Mann.

    Am 9. März 1933 wurde die Hakenkreuzfahne am Rathaus gehisst. Foto: Sammlung Peter Hofmann

    Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 wurde im Schweinfurter Tagblatt die Mobilmachungserklärung Kaiser Wilhelms veröffentlicht. Er stellte den Nationalstolz in den Mittelpunkt, verteufelte die Nachbarstaaten, die Deutschland angeblich den Krieg aufzwingen würden. Die SPD leistete schon zuvor, aber letztlich vergeblich Widerstand gegen das Kriegstreiben.

    Die schwierige Versorgungslage der Bevölkerung zeigten Fotos von Schlange stehenden Menschen im Rathaushof von 1916 sowie Notgeld-Scheine. Die Bilanz des verlorenen Kriegs 1918: 731 gefallene Schweinfurter Soldaten. 1919 kam Oberndorf wieder zu Schweinfurt, 1920 wurde nach Wilhelm Söldner der nächste SPD-Mann, Dr. Benno Merkle, zum Ersten Bürgermeister gewählt. In diesem Jahr wurde allerdings auch die Ortsgruppe der NSDAP gegründet.

    Schweinfurt als Fahrradstadt, in der die Torpedo-Nabe erfunden wurde, dokumentiert dieses Foto aus den 1920er-Jahren. Foto: Sammlung Peter Hofmann

    Der Aufstieg dieser Partei wurde durch die Wirtschaftskrise und die Inflation begünstigt. Bilder von Notgeldscheinen mit Milliarden-Wert dokumentierten die Situation. Die soziale Not, Arbeitslosigkeit und das Gefühl, nichts wert zu sein, "machte die Menschen blind und empfänglich für Extremismus", so Hofmann.

    1933 wurden OB Merkle und zwei Stadträte in "Schutzhaft" genommen, der Stadtrat gleichgeschaltet. Neuer OB wurde der NS-Mann Ludwig Pösl. Schon am 9. März 1933 wehte die Hakenkreuzfahne am Rathaus. SPD und Kommunisten wurden verboten, es begann die Judenverfolgung. Kugellager und andere Produkte der Schweinfurter Industrie wurden für Armeefahrzeuge gebraucht. "In den Betrieben wurde der Nationalsozialismus hochgehalten", sagte Hofmann. Bilder von der Einweihung des Willy-Sachs-Stadions zeigten eine NS-Propaganda-Veranstaltung.

    Am 11. April 1945 marschierte die US-Armee in Schweinfurt ein. Die Staubwolke geht auf die Sprengung der Maxbrücke zurück, die von deutschen Soldaten zerstört wurde, um die Amerikaner am Eindringen in die Stadt zu hindern. Das Foto erhielt Peter Hofmann aus amerikanischen Beständen. Foto: Sammlung Peter Hofmann

    Dann kam der Krieg, auch nach Schweinfurt, mit 15 Bombardierungen der Alliierten, mit Fliegeralarm, mit der Flucht in die Luftschutzbunker. Das Ergebnis: "Eine zerstörte Stadt und die Erkenntnis, dass nationalsozialistischer Wahn nur ins Verderben führt", so der Referent. Aus einem Brief vom April 1944 zitierte Jürgen Eusemann, ehemaliger Schulamtsdirektor, die gewaltigen Zerstörungen. Die Trümmer räumten auch in Schweinfurt die Frauen weg. Der Schuttberg an der Ignaz-Schön-Straße zeugt noch heute davon. Der Wiederaufbau begann. Unter OB Georg Wichtermann wurden Rathaus-Anbau (1958), Sommerbad (1958), die neue Maxbrücke (1960) eröffnet. 

    Die Amerikaner trennten nach ihrem Einmarsch in Schweinfurt die Männer und Frauen. Am 12. April 1945 wurden alle Männer über 50 Jahren gesondert vernommen. Foto: Sammlung Peter Hofmann

    Die 1960er Jahre waren von reger Bautätigkeit geprägt: Polytechnikum, Wohnscheibe Bergl, Hochhaus "Blauer Klaus", Sprung über den Main, Hahnenhügelbrücke, Stadttheater, Stadtteil Deutschhof. Als große Bewegung bezeichnete Hofmann den Protest gegen das AKW Grafenrheinfeld von 1972 bis 1975. Der Mauerfall 1989, sichtbar an Trabis und Wartburgs in Schweinfurt, war einer der Höhepunkte in der jüngsten Geschichte.

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