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    Schweinfurt

    Schweinfurts Stadtmuseum: Wie man aus der Vergangenheit lernt

    In der Alten Reichvogtei, hier die Ansicht von der Oberen Straße aus, wird ab Frühjahr 2023 das Schweinfurter Stadtmuseum einziehen. Das gelbe Haus rechts daneben wird abgerissen, dort entsteht ein Neubau, der unter anderem für Wechselausstellungen genutzt wird. Foto: Anand Anders

    Was macht ein gutes Museum aus? Wie schafft man es, dass Besucher mehrmals kommen, sich wohlfühlen, immer wieder Neues entdecken? Wie kann man Geschichte erlebbar machen für alle Generationen? Wie gelingt es, historisch korrekt auszustellen und weder Kinder noch geschichtlich interessierte Menschen zu langweilen? Ein kleiner Auszug der Fragen, die sich im Moment Kulturforums-Leiterin Katharina Christ und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Andrea Mayer stellen, wenn sie über das neue Schweinfurter Stadtmuseum nachdenken.

    Vor einigen Monaten geriet das Projekt Kulturforum am Martin-Luther-Platz, in dem auch das neue Stadtmuseum ein wesentlicher Teil ist, in die Kritik, da der eigentlich geplante Konzertsaal mit 300 Personen entgegen des Architektenentwurfs doch nicht baulich möglich ist. Der Sommer war beherrscht von teils heftigen Diskussionen und Vorwürfen, und ein wenig untergegangen ist dabei die Planung für das Stadtmuseum, die nicht nur vielversprechend ist, sondern die Darstellung der reichen Schweinfurter Geschichte auf ein neues Niveau heben soll.

    "Wir wollen Raum schaffen für neue Blickwinkel und Abwechselung"
    Kulturforum-Leiterin Katharina Christ über das neue Stadtmuseum.

    Neben neuen Entwürfen für den Neubau des Kulturforums mit einem kleineren Saal hat der Stadtrat im Juli nämlich auch den Weg für den Planungswettbewerb für das Stadtmuseum, das in die Alte Reichsvogtei kommen soll, freigemacht. Bis 2015 war das Museum im Alten Gymnasium, danach wurde es geschlossen, und die Objekte wurden in den Depots eingelagert. Drei Millionen Euro inklusive Gestaltung und Möblierung sind für das neue Museum im Etat vorgesehen, die europaweite Ausschreibung für die Suche nach einem Unternehmen, das mit der Neukonzeptionierung eines modernen Museums Erfahrung hat, ist auf den Weg gebracht.

    Blick aus dem Alten Gymnasium Richtung Alte Reichsvogtei, links das Stadtschreiberhaus, in der Bildmitte der aufgegrabene ehemalige Friedhof von St. Johannis, der von der Bodendenkmalpflege untersucht wird. Foto: Oliver Schikora

    Andrea Mayer und Katharina Christ ist die Vorfreude anzumerken, sie haben sich tief eingearbeitet, in den vergangenen Monaten, auch im Urlaub jede Gelegenheit genutzt, sich Museen in ganz Europa anzuschauen und Ideen zu sammeln. Ganz wichtig aus Gesprächen mit vielen Kollegen: Den Wettbewerb nicht mit einem zu engen Korsett angehen, sondern nur einen Rahmen setzen, innerhalb dessen die Planer genügend Luft zum Atmen haben.

    "Es wird sicher kein Museum von der ersten Besiedelung bis heute", so Andrea Mayer. Zwei Schwerpunkte gibt es: Schweinfurt als freie Reichsstadt und Schweinfurts Entwicklung zu einer Industriestadt, wie es sie heute als zweitgrößtes Industriezentrum Nordbayerns ist.

    Eine der Herausforderungen für das neue Stadtmuseum in der Alten Reichsvogtei ist der Treppenaufgang aus dem Erdgeschoss in die Ausstellungsräume. Foto: Oliver Schikora

    "Wir wollen die Besucher an die Hand nehmen, es ist wichtig, dass die Schweinfurter ihr Stadtmuseum für sich entdecken", erklärt Mayer. Mit an die Hand nehmen meint sie nicht nur eine Präsentation der Objekte und Schriften nach neuestem Standard, sondern vor allem das Herstellen von Bezügen zur Gegenwart. Warum sollte es einen jungen Besucher interessieren, wie das Leben in der freien Reichsstadt im späten Mittelalter war? Vielleicht, weil man aus der Art, wie damals der Stadtrat aufgebaut war, wie die Bürger lebten, etwas lernen kann für das 21. Jahrhundert: Wie wertvoll Demokratie ist und dass bei uns jeder eine Stimme hat.

    Das Gleiche gilt für die industriegeschichtliche Entwicklung der  Stadt von den Zeiten der Farbenherstellung über die Entwicklung der Kugellagerindustrie bis zur großen Krise der 1990er-Jahre und dem Aufschwung nach der Jahrtausendwende. Vor allem der Ursprung der Industrie ist interessant, wenn man Bezüge schafft, wie die Arbeiter damals lebten, wie die Infrastruktur war, wie die großen Erfinder Sattler, Sachs oder Fischer auf ihre Ideen kamen, welche Widrigkeiten sie überwinden mussten. Für Andrea Mayer ist gerade die Darstellung der Industriegeschichte "eine schöne Herausforderung", insbesondere weil man keine großen Maschinen ausstellen kann, da die Decken in der Alten Reichsvogtei das gar nicht aushalten.

    Seit 2015 ist das Schweinfurter Stadtmuseum geschlossen, durch die Planungen für das Kulturforum  gibt es eine neue positive Perspektive, im Frühjahr 2023 soll es neu konzeptioniert wieder eröffnet werden. Foto: Oliver Schikora

    Natürlich gibt es noch ganz viele weitere Themen, denen sich das Stadtmuseum widmet: Der Weltpoet Friedrich Rückert bekommt den ihm gebührenden Platz, auch Olympia Morata soll ein Thema sein und die älteste noch existierende naturwissenschaftliche Gesellschaft Leopoldina, die im 17. Jahrhundert in Schweinfurt gegründet wurde. Selbstverständlich nicht vergessen wird der Zweite Weltkrieg genauso wenig wie die Migration in all ihren Facetten – von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg, Gastarbeitern oder Aussiedlern, die die Stadtgesellschaft in Schweinfurt maßgeblich veränderte. Das alte Stadtmuseum endete in seiner Darstellung etwa 1920, es gilt also rund einhundert Jahre Geschichte aufzuarbeiten.

    Im Alten Gymnasium (links) ist zukünftig ein Aktionshaus, im Stadtschreiberhaus (rechts daneben) die Verwaltung des Kulturforums am Martin-Luther-Platz. Foto: Oliver Schikora

    Die Grundidee, immer Bezüge zum eigenen Leben der Besucher zu schaffen, kann man unter anderem auch bei einem nicht ganz einfach darzustellenden Thema wie Friedrich Rückert sehen. "Weltpoesie ist Weltversöhnung" war das Credo des Dichters im 19. Jahrhundert, und was würde besser passen auf eine so multikulturelle Stadt wie Schweinfurt als diese Grundeinstellung?

    Die Räume in der Alten Reichsvogtei waren vielfältig genutzt, unter anderem war hier das FiZ untergebracht. Sie sind für ein Museum eine Herausforderung wegen so genannter gefangener Räume, die die Besucherführung erschweren. Foto: Oliver Schikora

    Die Entwicklung des neuen Museums geht natürlich Hand in Hand mit den Architekten und der Bauverwaltung, die das Gesamtprojekt Kulturforum bearbeiten. Eröffnung soll im Frühjahr 2023 sein, und natürlich müssen vor allem in den historischen Gebäuden Alte Reichsvogtei, Altes Gymnasium (dorthin kommt das Aktionshaus) und Stadtschreiberhaus (für die Verwaltung) Themen wie Barrierefreiheit baulich sensibel umgesetzt werden. "Anspruchsvolle Räume", sagt Katharina Christ schmunzelnd, bei denen man sich zum Beispiel die Besucherlenkung wegen so genannter "gefangener" Räume überlegen muss, also Zimmer, bei denen der Eingang auch Ausgang ist.

    Die Planungsvariante B für das Kulturforum am Martin-Luther-Platz in Schweinfurt, die nach dem Stadtratsbeschluss im Juli nun weiterentwickelt und den Räten erneut zur Entscheidung vorgelegt werden soll. Dabei gibt es einen Saal mit maximal 166 Plätzen. Foto: Animation Freie Architekten Heinle, Wischer und Partner
    In den hellen Räumen des Alten Gymnasiums soll nach der Sanierung ein Aktionshaus entstehen mit unterschiedlichen Themenbereichen und Angeboten. Foto: Oliver Schikora

    Der Haupteingang für das Kulturforum und das Stadtmuseum ist über den Martin-Luther-Platz. Im Erdgeschoss wollen Christ und Mayer eine Art Prolog, der Lust machen soll, das Museum zu besuchen, installieren. Kostenlos zugänglich kann man sich an einem neuen, vielleicht animierten Stadtmodell über Schweinfurts Geschichte informieren. "Wir wollen Raum schaffen für neue Blickwinkel und Abwechselung", so Katharina Christ. Das soll auch durch die Wechselausstellungen gelingen, die sich teilweise im Neubau des Kulturforums wiederfinden. Da kann man auf "Gesellschaftsthemen in allen Varianten", so Mayer, gezielter eingehen, es wäre auch genügend Raum für Ausstellungen der beliebten "Made in SW"-Reihe.

    Visualisierung des geplanten Kulturforum am Martin-Luther-Platz, die blau gekennzeichneten Gebäude werden bzw. wurden abgerissen. Dahin kommt ein Neubau. Foto: Lang/Stadt Schweinfurt
    Einen Sammlungsaufruf für das neue Stadtmuseum starteten Andrea Mayer (links) und Katharina Christ. Foto: Oliver Schikora

    Ein Projekt, das kürzlich begonnen hat, liegt Mayer und Christ besonders am Herzen: Der Sammlungsaufruf an alle Schweinfurter, Objekte und Gegenstände, die sie zu Hause haben und mit denen ein Stück Schweinfurter Stadtgeschichte aus den letzten hundert Jahren verbunden ist, dem Museum als Dauerleihgabe zu bringen. Es sind schon einige Gegenstände, verbunden mit spannenden persönlichen Geschichten, abgegeben worden, die Museumsmacherinnen hoffen auf noch mehr. Zwei Termine gibt es im Moment: am Samstag, 9. November (10 bis 12 Uhr), sowie am Dienstag, 3. Dezember (14 bis 16 Uhr), jeweils im Leopoldina-Saal des Friedrich-Rückert-Baus am Martin-Luther-Platz 20. Um Anmeldung unter (09721) 514770 wird gebeten.

    Die Entwicklung der Idee Kulturforum in den vergangenen drei Jahren:

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