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    Schweinfurt

    Schweinfurts erster Abgeordner im Landtag und das Geiseldrama

    Der Abgeordnete Stolle: Ernst Petersen hat ihn auf dem bekannten Gemälde des Genremalers Peter von Hess entdeckt, der die Grundsteinlegung der Gaibacher Konstitutionssäule 1823 in Öl verewigt hat. Foto: Archiv Petersen

    Holt unsere Jungs da raus! Die Parole ist nicht neu: Neben kriegerischen Heldentaten kann auch das  tapfere Ausharren in Feindeshand die Popularität künftiger Politiker befördern (wie beim 2018 verstorbenen US-Senator John McCain, ehemals Gefangener der Nordvietnamesen). Georg Christoph Caspar Stolle ist in Schweinfurt heute quasi unbekannt, war aber immerhin der erste Landtagsabgeordnete, den die ehemals Freie Reichsstadt 1819  hervorgebracht hat. Am Beginn seiner Karriere stand die Verschleppung durch französische Revolutionäre, was den "Schweinfurther" Lokalpatriotismus ungemein betrübte. Ernst Petersen hat als Vizevorsitzender des Historischen Vereins bislang unbekanntes Archivmaterial gesichtet. Das Ergebnis wurde bei einem reich bebilderten Vortrag in der Rathausdiele vorgestellt.

    "Meister des Umbruchs" hat der Ehemann der ehemaligen Landtagsabgeordneten Kathi Petersen  seine Präsentation genannt. Es waren bewegte Zeiten zwischen  Bastillesturm 1789, der Angliederung des verarmten Mini-Stadtstaats Schweinfurth 1814 ans Königreich Baiern und dessen ersten "richtigen" Verfassung. 1818 geruhte König Max Joseph zwar noch nicht die Demokratie (Gott bewahre!) einzuführen, aber doch eine konstitutionelle Monarchie. Zum Zweikammer-Parlament zählte die Münchner "Ständeversammlung", später Landtag genannt.

    Auf eigene Kosten in die Gefangenschaft

    Das mit dem MdL war Stolle irgendwie schon in die Wiege gelegt: Der Sohn von Ratsherr Dr. Georg Balthasar Stolle wurde 1771 in eine bestens vernetzte Dynastie von Ärzten und Juristen geboren, als Mitglied der städtischen Hautevolee (eine Tochter heiratete später in die Fabrikantenfamilie Sattler ein). Das Freundschaftsalbum des Bruders umfasste, als "Facebook" seiner Zeit, 400 Seiten.  Der studierte Jurist trat 1795  in den Dienst der Stadt. Im August des Folgejahres rückte die französische Revolutionsarmee unter General Jourdan an, um sich mit den Truppen des österreichischen Erzherzogs Carl zu schlagen. Die klamme Pariser Regierung, das "Direktorium", benahm sich dem Namen entsprechend: In Bankster-Manier wurden besetzte Städte ausgepresst, so auch Schweinfurt.

    Schweinfurth, das beschauliche Landstädtchen: Ernst Petersen erinnerte an Georg Christoph Stolle, der die ehemals Freie und Reichsstadt ab 1819 im Landtag vertrat. Foto: Uwe Eichler/Archiv Petersen

    Gefordert wurde eine halbe Million Livre, 36 000 Livre brachten die Bürger auf Anhieb zusammen. Um die Zahlung der ungeheuren Restsumme sicherzustellen, verlangten die Besatzer acht Geiseln aus gutem Haus: in fünf Fällen sprangen die Söhne für ihre Väter ein, darunter Georg Junior. Auf eigene Kosten reisten die Gefangenen ins Feindesland, per Flusschiff und Kutsche. Sowohl Stolle als auch der Mitgefangene Wirsing führten Tagebuch. Demnach waren die Bewacher trinkfreudig, aber meist anständig. Nur die Kutschen wurden zwischenzeitlich "requiriert". Im September kamen die Gefangenen im Ardennenstädtchen Givet an der Maas an. "Verwahrort" an der Grenze zum heutigen Belgien sollte die düstere Festung Charlemont sein. Bestechung sorgte dafür, dass statt "Papillon" Boulangerie angesagt war: Georg kam bei einem Bäckermeister unter. Anfang September schlug Erzherzog Carl die Franzosen in der Schlacht bei Würzburg. Dabei wurde (neben einem revolutionären Späh-Ballon) auch die erste Ratenzahlung der Schweinfurter erbeutet, aber nicht rückerstattet: "Auch der Erzherzog brauchte dringend Geld."

    Entsprechend scheppten sich die Verhandlungen zur Geisel-Freilassung hin, bis Sommer 1797. Bei der Rückkehr gab es einen Festempfang mit Dankgottesdienst, Ehrenmedaillen sollten geprägt werden. Plötzlich stellte sich die Frage nach den Kosten des Zwangsausflugs. Ironischerweise war Rechnungsrevisor Stolle selbst mit dem Thema befasst, und konnte einige Belege nicht nachreichen. Die Medaillen für die vermeintlichen "Urlauber auf Staatskosten" fielen flach.

    Stolle als Kämpfer für das Soziale und die Integration der jüdischen Bevölkerung

    1807 heiratete Stolle Johanna Rosina Schleich, genannt Jeanette, aus der Ehe überlebten vier Kinder. Zwölf Jahre später schaffte der Magistratsrat den Sprung in den Landtag, dem er bis 1825 angehörte. Der Vertreter des Untermainkreises brauchte dazu gerade mal neun Wahlmänner-Stimmen, dank ungleichem Klassenwahlrecht. Petersen beschreibt Stolle dennoch als "geradlinig und praktisch". Anders als der Würzburger Amtskollege Wilhelm Behr, der beim Gaibacher Fest 1832 eine moderne Verfassung forderte und wegen Majestätsbeleidigung abgestraft wurde, hämmerte der gemäßigt liberale Protestant nicht an der Monarchie. Bei der Grundsteinlegung der Konstitutionssäule im Gaibacher Schlosspark, dem späteren Revoluzzertreff, war er dabei – verewigt auf einem Peter von Hess-Gemälde 1823.

    Der Rechtsgelehrte kämpfte für öffentliche Gerichtsverfahren oder die Übernahme von Advokaten in den Staatsdienst gemäß Leistung, nicht Protektion; für Pfarrwitwen-Versorgung und ausreichend bairische Gendarmen, ebenso für die Integration der jüdischen Bevölkerung. Der "Meister des Umbruchs" starb am 20. März 1829, heute ist er in seiner Heimatstadt vergessen. Zu Unrecht, findet Ernst Petersen, der sich durchaus eine Stolle-Straße vorstellen kann.

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