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    Schweinfurt

    Sind Negerküsse nur was für Todesser?

    Kopftuch-Tragen als freie Entscheidung selbstbewusster Frauen: Beim Theater gegen Rassismus im Celtis-Gymnasium ging es um das Leben mit den "Anderen". Foto: Uwe Eichler

    Der Demokratie hierzulande geht es wie Teenager Julia (17): Sie ist in einem schwierigen Alter und sucht Orientierung, auf der Theaterbühne. "Die Anderen" nennt sich das hochaktuelle Zwei-Frauen-Stück des "Spoken Word Theaters" Berlin, in der Aula des Celtis-Gymnasiums. Bei den abschließenden Fragen der Schauspielerinnen, wie es die Neuntklässler mit dem Thema "Rassismus" halten, soll das Publikum die Hände mit geschlossenen Augen heben, der Unbefangenheit wegen. Zuvor heißt es "Augen auf": Marie-Theres Schwinn und Janina Keppel schlüpfen in die "Doppelrolle" von Julia, die beim Schüleraustausch eine verstörende Erfahrung gemacht hat: Die junge, weltoffene Deutsche wurde in Frankreich als "Nazi" beschimpft. "Was hab ich denn bitte mit Hitler zu tun?" fragt Julia empört.

    Marie-Theres Schwinn ist in Schweinfurt keine Unbekannte, als Poetry Slammerin. "Gestörte Möchtegern Twins" nannte sich ein Theaterstück in der Disharmonie, ebenfalls mit zwei Frauen in der Titelrolle, auf einer fiebrig-poetischen Suche nach Identität.  Nun geht es altersgerecht um eine Schülerin, die wie das ganze Land in sich gespalten ist. "Liebe Welt, manchmal bist du viel zu schnell für mich", seufzt Julia 1 und greift zur braunen Versuchung: Ein "Negerkuß", ins Brötchen geknatscht. "Neger sagt man nicht", nörgelt Julia 2, politisch korrekt: "Worte können weh tun!"  Als Jamaica-Urlauberin wars schließlich auch hart, eine "leuchtend Weiße" unter lauter Schwarzen zu sein. Um zu beweisen, dass sie kein Nazi ist, greift Julia zum Kopftuch, wie das tunesische Mädchen in ihrer Klasse. So ein Schleier ist doch eigentlich ein chicer Sonnenschutz, wurde erst später betenden Frauen auferlegt (im Korintherbrief des Paulus, nicht im Koran) und war Muslimas in Tunesien lange Zeit verboten: Kann ein Kopftuch sogar ein Zeichen persönlicher Freiheit sein?

    Aber was ist mit den Flüchtlingskids vorm Supermarkt, die "Schlampe" schreien und ausspucken? Idioten gibts überall, stellt Julia fest, Menschen können Fehler haben und sie (theoretisch) ändern: "Wie kann ein Mensch selbst der Fehler sein?" Dann die Nachrichten, voller Islamisten-Terror und Integrations-Verweigererung:  Mehr Schlagzeilen über den Klu-Klux-Klan bitte! Nur scheint soviel Angst gewollt zu sein: "Rassismus ist die wichtigste Waffe in der Politik." Selbst bei "Harry Potter", wo der dunkle Lord und seine "Todesser" alle Muggelstämmigen auslöschen wollen: als Faschopartei im Hogwards-Universum.  Hilft gegen Rassismen nur Zauberei? "Kommunikation" ist das Zauberwort, so die Erkenntnis der beiden Julias: der Versuch, das Leben der Anderen zu verstehen. Erstmal den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, bevor man am Miteinander arbeitet. Auch viele Schüler stammen von Migranten ab. Und ja, der eine oder andere wurde schon mal "Nazi" genannt. "Die Anderen" ist vielschichtiges, idealistisches, aber nie weltfremdes Jugendtheater, mit Fragen auf der Höhe der Zeit, einer Prise Feminismus und flotten Musikeinlagen - und der Erkenntnis, dass es auf der Welt nur die Unterscheidung in "Idioten" und "Nicht-Idioten" geben sollte.

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