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    Gochsheim

    Spektakulärer Fund: Jüdischer Schatz aus Gochsheim in Museum

    Hobby-Historiker Leo Jäger hat viele Jahre nach den jüdischen Heiligtümern aus Gochsheim geforscht. Foto: Aaron Niemeyer

    Seit Anfang Juni stellt das Museum für Franken jüdische Heiligtümer aus, die bei der Reichspogromnacht 1938 geraubt wurden. Die Sammlung von jüdischen Ritualgegenständen gilt als einer der bedeutendsten Funde der vergangenen Jahre und war bislang im jüdischen Museum in München ausgestellt. Mit dabei sind zwei Heiligtümer aus Gochsheim (Landkreis Schweinfurt), die jahrzehntelang als verschollen galten.

    Das Tora-Schild der Synagoge Gochsheim war lange verschollen. Foto: Klaus Bauer / Museum für Franken

    Leo Jäger ist glücklich und zornig zugleich. Glücklich ist er, weil der Zufall eine Fügung ermöglichte, an die er lange nicht mehr geglaubt hatte. Bei einer Generalinventur im Jahr 2016 entdeckte das Museum für Franken in Würzburg mehrere Kisten mit lange verloren geglaubten jüdischen Ritualgegenständen. Mit dabei zwei goldene Tora-Schilder, die die jüdische Gemeinde in Gochsheim bis zu ihrer Auflösung 1937 im Gottesdienst verwendet hatte. Viele Jahrzehnte hatte der Hobby-Historiker aus Gochsheim erfolglos danach geforscht. Dass sie nun durch einen Zufall zutage kommen sollten, hatte er nicht mehr für möglich gehalten.

    Leo Jäger ist jedoch auch zornig, weil die Geschichte der Heiligtümer eine traurige ist. Sie zeugt von menschlichen Abgründen, von Hass, Gier und Leid. „Die kleine jüdische Welt, die es einst in Gochsheim gab, ist von blindem Fanatismus und Hass vernichtet worden“, sagt Leo Jäger. Trauer schwingt in seiner Stimme mit.

    Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Gochsheim

    • 1409: Die erste überlieferte Dokumentation jüdischen Lebens in Gochsheim stammt von 1409. In einem Briefwechsel besprechen Erkinger I. von Seinsheim, Freiherr von Schwarzenberg und der Fürstbischof zu Gerolzhofen, wem geraubter jüdischer Besitz zustehe.
    • 1548: Kurfürst Friedrich II. von der Pfalz veranlasst die Vertreibung einer kleinen jüdischen Gemeinde, die sich in Gochsheim niedergelassen hatte. Verhindert wurde dies zumindest kurzzeitig durch einen Schutzbrief von Kaiser Karl V.
    • 1581: Der Würzburger Bischof Julius Echter erreicht nach mehrfacher Anweisung die Vertreibung der Gemeinde. Bereits im Jahr 1654 wurde jedoch eine neue Synagoge errichtet.
    • 18. Jahrhundert: Die Zahl der jüdischen Familien in Gochsheim steigt auf 26.
    • 19. Jahrhundert: Aufgrund einer umfassenden Landflucht sinkt die Mitgliederzahl der Gemeinde von 152 (im Jahr 1816) auf  44 (im Jahr 1910).
    • 1937: Die Gemeinde löst sich auf. Die verbleibenden Mitglieder werden der Gemeinde in Schweinfurt zugeteilt. In diesem Zuge werden wohl auch die Gochsheimer Heiligtümer nach Schweinfurt gebracht.
    • 1938: Während der Reichspogromnacht am 9. November kommt es zu gewalttätigen Übergriffen auch gegen die Gochsheimer Gemeindemitglieder. Ihre Wohnungen werden verwüstet und geplündert. Die Polizei entwendete die Heiligtümer der Gemeinde.
    • 1942-1945: Laut der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem starben 21 Gochsheimer Juden durch die Shoah. Eine einzige Gochsheimer Jüdin blieb im Ort und überlebte.

    Die Reichspogromnacht als traumatischer Einschnitt

    Nicht nur für die Gochsheimer Juden stellte das Novemberpogrom, an dem die Gochsheimer Toraschilder aus der Schweinfurter Synagoge geraubt wurden, ein traumatisches Ereignis dar. „Es war die Nacht des Schreckens und der Verzweiflung für die Juden in Deutschland. Es war die Nacht der Bereicherung an jüdischem Eigentum“, erklärte Josef Schuster, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Würzburg und des Zentralrats der Juden in Deutschland anlässlich der Ausstellungseröffnung in München.

    Wie die Gochsheimer Heiligtümer nach dem Pogrom von 1938 ins damalige Mainfränkische Museum kamen, ist ungeklärt. Klar ist jedoch, dass sie bei der Bombardierung  des Museums am 16. März 1945 schwer beschädigt wurden. "Die Schilder wurden durch die Bombardierung des Museums teilweise schwer deformiert, daher wissen wir, dass sie bei uns eingelagert waren", sagt Claudia Lichte, Leiterin des heutigen Museums für Franken. Was nach 1945 mit den Schildern passierte, ist wiederum unklar. Erst der Zufall brachte sie im Jahre 2016 bei einer Generalinventur zum Vorschein.

    Wiedergutmachung durch Erinnerungskultur?

    Hergestellt wurden die vergoldeten Toraschilder, auch "Tass" genannt, im 18. Jahrhundert in Nürnberg. Sie sind eines von fünf Schmuckstücken der Tora, die wiederum ein Teil der hebräischen Bibel ist. Im Gottesdienst werden Toraschilder etwa als Orientierungshilfe benutzt, um die Torarollen den jeweiligen Feiertagen zuzuordnen.

    Dass die Gochsheimer Heiligtümer wieder aufgetaucht sind, bedeutet dem Gochsheimer Hobby-Historiker Leo Jäger viel. Seit den 60er Jahren setzt er sich mit der jüdischen Geschichte in Deutschland auseinander. "Ich wollte etwas gutmachen, wenn man das als Deutscher kann." Die Heiligtümer der Gochsheimer Synagoge zu finden, war für ihn ein Teil der Aufarbeitung. In den 80er Jahren hatte er die Hoffnung dann jedoch aufgegeben. "Ein Fund von stadthistorischer Bedeutung scheint für immer verloren", schrieb er damals enttäuscht in eine Notiz.

    Im Ort seien seine Recherchen nicht immer gerne gesehen gewesen. Die Leute hätten ihre Ruhe gewollt. Nun wünscht er sich, dass möglichst viele Gochsheimer die Ausstellung in Würzburg besuchen: "Die jüdische Geschichte war schließlich auch ein Teil unseres Lebens.“

    Die Ausstellung "Sieben Kisten mit jüdischem Material. Von Raub und Wiederentdeckung 1938 bis heute" im Museum für Franken ist bis 20. Oktober von 10 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.

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