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    Spielt in "Harry-Belafonte": Gerhard Haase-Hindenberg

    Markenzeichen grüne Brille: Gerhard Haase-Hindenberg auf der Außentreppe des Theaters. Foto: Katharina Winterhalter

    Die Brille sieht toll aus: ein kaltes, leuchtendes Grün, klassische Form, sehr auffällig. Und sie hat eine fantastische Geschichte, die Gerhard Haase-Hindenberg zum Einstieg des Gesprächs mit sichtlichem Vergnügen erzählt. Eine französische Freundin von Jacky Onassis hat sie Truman Capote geschenkt. Es gibt ein Foto, auf dem der amerikanische Schriftsteller und Schauspieler mit genau dieser Brille zwischen jener Freundin und Andy Warhol sitzt. Haase-Hindenburg liebt die Brille. Er trägt sie privat, aber manchmal auch im Film oder auf der Bühne – wie jetzt im Theater der Stadt Schweinfurt. Noch bis Samstag spielt der 60-Jährige in der „Harry Belafonte Story“ einen New Yorker Clubbesitzer.

    Im Publikum wird wahrscheinlich der eine oder andere Freund von Gerhard Haase aus Jugendtagen sitzen. Haase, so hieß der Schauspieler früher, als er noch in seiner Geburtsstadt Schweinfurt lebte und beim Ditzel Herrenmode verkaufte. Den wohlklingenden „Hindenberg“ hat er sich später angeheiratet. Bevor wir über seine Rollen, seinen Dreh mit Tom Cruise, seine Bücher und seine Stadt Berlin sprechen – in der er seit rund 40 Jahren in einer Zwei-Zimmer-Altbauwohnung am Savigny-Platz lebt – erzählt Gerhard Haase-Hindenberg ganz offen und ziemlich witzig über seine Kindheit und Jugend. Über die Schulen, von denen er flog, weil er so undiszipliniert war. Über unvergessene Abende im Theater mit der Mutter oder dem Vater – die Eltern hatten ein gemischtes Abo. Haase-Hindenberg hat die wunderbare Tilla Durieux in „Zwei ahnungslose Engel“ gesehen. Sie war zu der Zeit schon über 80 und hat den Jungen so nachhaltig beeindruckt, dass er schon damals von einem ganz anderen Leben träumte.

    Nach einer kurzen Episode in München – den Umzug nach Berlin hatte ihm die Mutter mit 17 nicht erlaubt – und acht Monaten beim „Ditzel“ war es am 10. August 1971 soweit: Gerhard Haase verließ die Enge der Kleinstadt und zog in sein geliebtes Berlin. Bis heute ist es für ihn die aufregendste Stadt der Welt, obwohl er in New York, Kairo und Kathmandu gelebt hat.

    Die ersten Monate in der geteilten Stadt arbeitet er noch als Verkäufer, macht auf der Abendschule mittlere Reife und Abitur nach und weiß schon ziemlich genau, dass er Schauspieler werden will. Mit 23 konzipiert er einen Brecht-Abend und lädt zur Premiere den bekannten Schauspieler Bernhard Minetti ein. „Größenwahnsinnig“, sagt er heute und grinst. Minetti kommt, bescheinigt ihm Talent und sagt: „Du brauchst eine Ausbildung“. Weil sein Sohn Hans-Peter Minetti nicht nur Leiter der Ernst-Busch-Schule in Ost-Berlin, sondern auch ein politisch einflussreicher Mann ist, erhält Haase-Hindenberg als einziger West-Berliner überhaupt ein Auslandsstipendium für diese Schauspielschule. In seiner Freizeit fährt er ständig in den Westteil – nicht zuletzt wegen einer Frau – und verdient sein „West-Geld“ als Zeitungsschreiber.

    So wird quasi der Schreiber Haase-Hindenberg geboren. Aber für viele Jahre wird erst einmal die Schauspielkunst im Vordergrund stehen. Nach der Ausbildung in Ostberlin nimmt er das einzige feste Engagement seines Lebens an: von 1981 bis 85 am Schauspielhaus Nürnberg. Seine Wohnung am Savigny-Platz behält er. Zurück in Berlin arbeitet er an verschiedenen Theatern und fürs Fernsehen, spielt Bösewichte in den Serien SK Babys oder HeliCops und spielt den „Stullenpaul“ in Dieter Wedels sechsteiligem Fernsehdrama „Der König von St. Pauli“. Diese Rolle wird ihm auch die Türe in sein zweites Leben als erfolgreicher Autor öffnen.

    Auch diese Geschichte ist so witzig, dass sie hier erzählt werden soll. Es ist Ende der 1990er-Jahre. Haase-Hindenberg hat ein paar Theaterstücke geschrieben und für Zeitungen gearbeitet, weil die Fernsehangebote spärlicher kommen. Er hat eine Idee. 25 Jahre nach der Verhaftung des Spions Günter Guillaume will er dessen Sohn Pierre interviewen. In dieser Zeit läuft der „König von St. Pauli“ im Fernsehen und Pierre Boom ist erstaunt, als nicht der angekündigte Journalist, sondern „Stullenpaul“ zur Türe herein kommt. Man versteht sich, der Artikel erscheint und plötzlich ist ein Verlag an der Geschichte des Guillaume-Sohns interessiert. Und der besteht auf Haase-Hindenberg als Autor. Das Buch „Der fremde Vater“ erscheint 2004 im Aufbau Verlag und landet auf der Bestsellerliste.

    Der Erfolg bringt Haase-Hindenberg einige Anfragen. Er zieht für das Buch „Göttin auf Zeit“ nach Kathmandu, recherchiert in einem ghanaischen Hexendorf für „Die Hexe von Gushiegu“ und schreibt in Kairo „Das Mädchen aus der Totenstadt“. Von der Revolution auf dem Tahirplatz berichtet er für das Magazin „Cicero“ und für das ZEIT-Magazin. Auf die Frage, was seine Bücher gemeinsam haben, sagt Haase-Hindenberg: „Es geht um Lebensgeschichten“. Weil ihn die ungewöhnlichen Biografien von Menschen interessieren und weil ihm das Schreiben leicht fällt, wird man in Zukunft vermutlich noch mehr von ihm lesen.

    „Mit dem Theater bin ich eigentlich durch“, sagt er. Filme würde er noch machen, wenn ihm passende Rollen angeboten werden. Theater höchstens noch in Berlin. Aber eigentlich interessiere ihn die Bühne nicht mehr sehr. Das Engagement für die Harry Belafonte Story mit den Kempf Theatergastspielen Grünwald habe er auch nur angenommen, weil der musikalische Leiter Thomas E. Killinger ein langjähriger Freund ist und ihn darum gebeten hat.

    Viel spannender findet Gerhard Haase-Hindenberg sein neues Buchprojekt. Weil er glaubt, dass man eine Gesellschaft nur dann versteht, wenn man die sexuellen Fantasien ihrer Bürger kennt, befragt er derzeit Deutsche nach ihren erotischen Fantasien. Das Buch erscheint im Herbst im Rowohlt-Verlag. Eine Lesung in der Buchhandlung Vogel ist bereits geplant. Wer mag, kann sich anonym beteiligen unter www.geheime-fantasien-deutschland.de

    Zur Person

    Gerhard Haase-Hindenberg wurde 1953 in Schweinfurt geboren und zog 1971 nach Berlin, wo er heute noch lebt und arbeitet.

    Er ist in zahlreichen Theaterproduktionen und einigen Fernsehserien aufgetreten. 2007 spielte er an der Seite von Tom Cruise die Rolle des Hermann Göring in „Operation Walküre“.

    Bekannt ist Haase-Hindenberg auch als Autor. Auf Youtube findet man einen 30-minütigen ZDF-Film über den Geschichtenerzähler. Die ARD hat sein Buch „Der Mann, der die Mauer öffnete“ verfilmt, mit Haase-Hindenberg in der Rolle eines ARD-Reporters.

    Die Harry Belafonte Story im Schweinfurter Theater läuft noch bis 18. Januar, jeweils 19.30 Uhr. Es gibt noch Karten für alle Vorstellungen, Vorverkauf Tel. (0 97 21) 51 49 55.

    Szenenbild: Gerhard Haase-Hindenberg (mitte) mit Karsten Kenzel, Dominique Siassia und Ron Williams (rechts) in der Harry Belafonte Story. Foto: Achim Zeppenfeld

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