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    Schweinfurt

    Sprachbarriere: Praxisunterricht macht ausländische Ärzte fit

    Wenn der Arzt nur schlecht Deutsch spricht, dann hat der Patient kein Vertrauen. Das St. Josef Krankenhaus hat das vor Jahren erkannt und einen Lösungsweg gefunden.
    Sie drücken freiwillig nach Dienstende die Schulbank: Viele ausländische Ärztinnen und Ärzte nutzen das Angebot des St. Josef Krankenhauses, ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Dozent Olaf Brischwein vermittelt ihnen dabei sogar Grundkenntnisse im fränkischen Dialekt. 
    Sie drücken freiwillig nach Dienstende die Schulbank: Viele ausländische Ärztinnen und Ärzte nutzen das Angebot des St. Josef Krankenhauses, ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen. Dozent Olaf Brischwein vermittelt ihnen dabei sogar Grundkenntnisse im fränkischen Dialekt.  Foto: Anand Anders

    Pilar Lopez de Miguel hat Temperament. Viel Temperament. Sie redet schnell. Manchmal zu schnell. Dann verstehen die Patienten die junge spanische Ärztin nicht. Der Franke dagegen ist wortkarg. Und er spricht mitunter seltsam. Wenn ein Patient zum Beispiel von einem "aufgeblähten Ranzen" spricht, dann versteht ihn die spanische Ärztin nicht.

    "Der Dialekt ist schwer für unsere Mitarbeiter", weiß Yvonne Riegel-Then. Und auch ohne Dialekt tun sich ausländische Ärzte in der Patientenkommunikation oft schwer. Deshalb hat die Assistentin der Geschäftsleitung des St. Josef Krankenhauses in Kooperation mit dem Leopoldina-Krankenhaus einen Sprachkurs initiiert. Er läuft so gut, dass er jetzt auch für externe Interessenten geöffnet wird. Ziel ist es, internationale Pfleger und Ärzte zu einem sicheren Umgang mit der deutschen Sprache im Klinikalltag sowie zu einer empathischen und interkulturellen Kommunikation zu befähigen.

    Spanische Ärztin und afghanischer Pfleger: Pilar Lopez de Miguel mit Obaid Sultani auf dem Weg zur Visite.
    Spanische Ärztin und afghanischer Pfleger: Pilar Lopez de Miguel mit Obaid Sultani auf dem Weg zur Visite. Foto: Anand Anders

    Ohne ausländische Mediziner ginge in Deutschlands Krankenhäusern und Arztpraxen nichts mehr. Jeder achte hierzulande praktizierenden Mediziner stammt inzwischen aus einem anderen Land. Laut einer Statistik der Bundesärztekammer sind in Deutschland 55 000 ausländische Ärzte und Ärztinnen in der Patientenversorgung tätig – fast dreimal so viele wie noch vor zehn Jahren. Im St. Josef Krankenhaus sind insgesamt 735 Mitarbeiter beschäftigt, 125 kommen aus dem Ausland. Das entspricht 17 Prozent der Belegschaft. Sie sind in allen Bereichen tätig und kommen aus den verschiedensten Ländern. 47 Nationen sind vertreten – von Afghanistan bis Weißrussland.

    Hilferuf aus der Belegschaft

    Der Hilferuf im St. Josef Krankenhaus kam aus der Belegschaft. Ärzte und Pfleger aus dem Ausland hatten mit Stereotypen und Vorurteilen zu kämpfen. Nach dem Motto: Wer nicht richtig Deutsch spricht, dem fehlt die Kompetenz. "Wir haben dann überlegt, wie wir das proaktiv angehen können", sagt Riegel-Then. "Wir achten den Menschen als Persönlichkeit, unabhängig von Volkszugehörigkeit, Religion, Geschlecht, gesellschaftlichem Ansehen, Einkommen und Alter", heißt es im Leitbild des St. Josef Krankenhauses, das von der Kongregation der Erlöserschwestern Würzburg getragen wird. "Für die Schwestern war diese Fortbildung deshalb eine Herzensangelegenheit", so Riegel-Then. Als Dozenten konnte sie Olaf Brischwein gewinnen. Der studierte Germanist und Doktor der Philosophie unterrichtet an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt Studierende in Deutsch als Fremdsprache.  

    Einmal in der Woche ist Unterricht in der Krankenpflegeschule des St. Josef Krankenhauses. Dienstags für Pflegekräfte, mittwochs für Mediziner. Fünf junge Frauen und ein junger Mann drücken an diesem Mittwoch die Schulbank. "Reno, du bist der Hahn im Korb", sagt Olaf Brischwein und schaut in verdutzte Gesichter. Dann erklärt er seinen Schülerinnen aus Spanien, Italien, Aserbeidschan und Kanada, dass der Gynäkologe aus Indonesien als einziger Mann in der Frauenrunde sozusagen der "Hahn im Korb" ist. Olaf Brischwein bindet gerne Alltagsgegebenheiten in den Sprachunterricht ein. Bei ihm lernen die Teilnehmer nicht nur die deutsche Grammatik und die richtige Aussprache, sondern auch deutsche Redewendungen und ganz nebenbei die deutsche Literatur kennen. Zum Beispiel Goethes Faust mit dem geflügelten Wort "des Pudels Kern".

    17 Prozent der Belegschaft im St. Josef Krankenhaus kommt aus dem Ausland. Die 88-jährige Editha Müller aus Hofheim hat keine Berührungsängste mit der spanischen Ärztin Pilar Lopez de Miguel und dem afghanischen Krankenpflegerschüler Obaid Sultani.
    17 Prozent der Belegschaft im St. Josef Krankenhaus kommt aus dem Ausland. Die 88-jährige Editha Müller aus Hofheim hat keine Berührungsängste mit der spanischen Ärztin Pilar Lopez de Miguel und dem afghanischen Krankenpflegerschüler Obaid Sultani. Foto: Anand Anders

    Immer wieder gibt es auch Abstecher ins Fränkische, die Sprache vieler Patienten. Pfleger und Ärzte erhalten ein Buch, in dem sie aufschreiben, was sie nicht verstehen. Olaf Brischwein, ein gebürtiger Franke, übersetzt es dann. "Mir schießt's nein Bauch" zum Beispiel bedeutet Bauchweh. Und wenn ein Patient "was Kscheids" haben will, möchte er ein schnell wirksames Medikament.

    Die Umgangssprache ist das eine, die Fachsprache das andere: "Vielen fällt es schwer, auf Deutsch einen Arztbrief zu schreiben", weiß Olaf Brischwein. Der dreimodulige Kurs deckt deshalb auch die Kommunikation mit Fachkollegen ab und vermittelt das nötige Wissen fürs Schreiben im medizinischen Umfeld. Der Dozent bedient sich hier dem E-Learning. Er spielt den Kursteilnehmern ein Radiointerview vor. Zwei Professoren sprechen darüber, wie die Kommunikation zwischen Arzt und Patient gelingen kann. Ein Gespräch auf hohem Niveau. Die Kursteilnehmer müssen danach Fragen zum Inhalt beantworten. Gleichzeitig lernen sie dabei das deutsche Gesundheitswesen kennen. 

    "Wir machen hier interkulturelle Integration."
    Yvonne Riegel-Then, Assistentin der Geschäftsführung im St. Josef Krankenhaus

    Der zweistündige Unterricht von Olaf Brischwein ist aber viel mehr als reine Sprachvermittlung. "Wir machen hier interkulturelle Integration", sagt Riegel-Then. Obaid Sultani ist dafür ein leuchtendes Beispiel. Der 21-jährige Afghane war 2016 als jugendlicher Flüchtling nach Deutschland gekommen, machte die Mittlere Reife und sollte dann abgeschoben werden. Dass er jetzt im St. Josef Krankenhaus eine Ausbildung zum Krankenpfleger und parallel dazu am Telekolleg sein Fachabitur machen kann, verdankt er ein stückweit Olaf Brischwein. Mit seiner Hilfe schaffte er das für die Ausbildung notwendige C1-Sprachzertifikat in nur zwei Kurswochen, normalerweise braucht man ein Jahr dafür, und konnte sofort die Ausbildungsstelle antreten. "Dafür bin ich Olaf dankbar."

    Auch Pilar Lopez de Miguel ist froh, dass sie den Sprachintegratioskurs am St. Josef Krankenhaus besuchen kann. Die 30-jährige Spanierin kam 2016 über das Erasmus-Programm nach Deutschland und sprach nur wenig Deutsch. Inzwischen ist sie so fit, dass sie ihre Dissertation über "Patientenzufriedenheit" in Deutsch geschrieben hat. Ein Thema ihrer Forschungsarbeit übrigens ist, inwieweit die Nationalität des Arztes eine Rolle für die Patientenzufriedenheit spielt. 

    Olaf Brischwein ist für seine Schützlinge Lehrer, Helfer, Berater und Vermittler in nahezu allen Lebenslagen. Kurzum: ein Integrationsmanager, der Deutsch unterrichtet. "Wir machen eigentlich das, was die Politik machen müsste", sagt Olaf Brischwein, "sonst würden Menschen wie Obaid oder Pilar durch die Maschen fallen." 

    Die spanische Ärztin Pilar Lopez de Miguel – hier bei der Untersuchung einer 100-jährigen Patientin – versteht sogar fränkischen Dialekt, Krankenpfleger Obaid Sultani aus Afghanistan kann ihn teilweise auch sprechen.
    Die spanische Ärztin Pilar Lopez de Miguel – hier bei der Untersuchung einer 100-jährigen Patientin – versteht sogar fränkischen Dialekt, Krankenpfleger Obaid Sultani aus Afghanistan kann ihn teilweise auch sprechen. Foto: Miriam Christof
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