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    Obbach

    Spurensuche: Trauma der Nazi-Herrschaft lässt sie nicht los

    Nachkommen der jüdischen Familie Ramsfelder suchen in Obbach die Orte, an denen ihre Eltern und Großeltern lebten. Wie ein Metall-Koffer die Erinnerung wachhalten soll.
    Vor dem Platz an dem die Vorfahren lebten: Das Elternhaus ihres Vaters Walter Ramsfelder in Obbach suchten dessen Kinder Miriam Levin und Jonathan Ramsfelder, die aus den USA zur Spurensuche nach Franken gekommen waren. Foto: Silvia Eidel

    Ihre Eltern sind nie mehr aus den Staaten zurück nach Deutschland gekommen. Zu schmerzhaft war die Erinnerung für Walter und Ruth Ramsfelder, zu traumatisch waren die Erlebnisse, die sie als jüdische Kinder während der Nazi-Herrschaft erlebten. Die Nachkommen aber, Jonathan Ramsfelder und seine Schwester Miriam, wollten beim Besuch vor Ort eigene Erfahrungen mit der Heimat ihrer Eltern machen, wollten verstehen, warum dieses Trauma ihre Familie nicht loslässt.

    Walter Ramsfelder als 19-Jähriger in den USA, der mit seinen Eltern aus Obbach geflohen war. Foto: Miriam Levin

    Der handgeschriebene Stammbaum der Familie Ramsfelder rollt sich auf über einem Meter Länge über den Ratstisch des Euerbacher Rathauses. Der 52-jährige Jonathan und seine 56-jährige Schwester Miriam sind darüber gebeugt, deuten auf die Verwandtschaftsbeziehungen, auf Urgroßvater Willi Ramsfelder in Obbach und seine sechs Geschwister mit Familien, auf Großvater Max mit seinen Brüdern Isidor und Alfred sowie Schwester Carrie, die mit Mann und Sohn bei Freiburg lebte und wie weitere Verwandte den Holocaust nicht überlebte. Und sie deuten auf ihren Vater Walter Ramsfelder, Max’s Sohn, der vor zwei Jahren in den USA starb.

    Von Würzburg aus ins Ghetto

    Auch der Name des Verwandten Siegfried Ramsfelder steht dort: Er war im November 1941 von Würzburg aus ins Ghetto Riga und ins Außenlager Riga-Jungfernhof deportiert, später ins KZ Stutthof verschleppt worden. Als einer der wenigen Überlebenden der Deportationen kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Würzburg zurück und baute laut der "Biografischen Datenbank Jüdisches Unterfranken" die neue "Jüdische Gemeinde Würzburg und Unterfranken" mit auf. Von 1956 bis 1958 führte er als Nachfolger von David Rosenbaum die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg.

    Mit einem handschriftlichen Stammbaum ihrer jüdischen Familie Ramsfelder waren die Geschwister Jonathan und Miriam in die Gemeinde Euerbach gekommen, um hier mehr über ihre Familie zu erfahren. Die Chronik von Obbach, die Bürgermeister Arthur Arnold ihnen übergab, enthält einige Kapitel dazu. Foto: Silvia Eidel

    Von Elisabeth Böhrer lassen sich die Geschwister Ramsfelder deren selbst recherchierte Ergänzungen zu den Verwandten erklären, die sie in einer nach Generationen sortierten Mappe mitgebracht hat. Die Sondheimerin erforscht ehrenamtlich die jüdische Geschichte in der Region, sucht und findet Namen und Schicksale fränkischer Juden und hat auch für diese Familie aus New Jersey die Vorfahren in Obbach seit 1757, seit Jakob Schmul Ramsfelder, eruiert. Für einige Tage sind die Geschwister mit ihren Ehepartnern sowie Sohn Zachary in Franken: In Obbach und in Wertheim, woher die Mutter Ruth Schwarzschild stammt.

    Fast ein Drittel der Einwohner waren jüdischen Glaubens

    Das Ehepaar Ruth und Walter Ramsfelder kurz vor dem Tod von Walter in den USA. Beide besuchten Deutschland nie mehr. Foto: Miriam Levin

    Solche Spurensucher empfängt Euerbachs Bürgermeister Arthur Arnold ab und zu im Rathaus. Er weiß, dass die Geschichte des Gemeindeteils Obbach eng mit der Geschichte der Juden verwoben ist, dass im 19. Jahrhundert knapp ein Drittel der Gesamtbevölkerung – damals rund 700 Einwohner – jüdischen Glaubens war, dass deren Handel und Gewerbe das Dorfleben bis ins 20. Jahrhundert maßgeblich mitbestimmten. Vor allem Vieh- und Pferdehändler lockten an viele Kunden aus halb Unterfranken.

    Arnold weiß auch, dass das jüngste, dunkelste Kapitel von Vertreibung und Deportation die Zahl von über 50 ermordeten Juden schreibt. Festgehalten ist das in der Obbacher Chronik, in der Elisabeth Böhrer gemeinsam mit Professor Andreas Schäfer, Enkel des damaligen Schlossherrn Dr. Georg Schäfer, das Kapitel zur jüdischen Geschichte verfasste.

    Auch Walter Ramsfelders Vater Max war, wie dessen Vater Willi vor ihm, ein Viehhändler, hatte nebenbei eine kleine Landwirtschaft. "Gehobene Mittelschicht" nennt dies sein Enkel Jonathan beim Besuch in Obbach. Das Anwesen mit Wohnhaus, Hof und Stallungen, das Willi 1896 gebaut hat, lag an der heutigen Greßthaler Straße, gegenüber der stattlichen Synagoge und unweit des Schlosses.

    Als die Nazis kamen und alles zerschlugen und verwüsteten

    "Er hat uns von seinen Erinnerungen erzählt, als die Nazis ins Haus kamen und die Möbel zerschlugen und alles verwüsteten", berichtet Jonathan von seinem Vater Walter. Dieser war beim Novemberpogrom 1938 noch ein Kind, fünf Jahre alt. Aber er erlebte mit, wie sein 38-jähriger Vater Max am 10. November festgenommen, nach Schweinfurt ins Gefängnis eingeliefert wurde und einen Monat lang nicht heim kam: Er war ins KZ Dachau gebracht und von dort am 13. Dezember 1938 entlassen worden, wie Elisabeth Böhrer recherchierte.

    Vor allem aber erlebte der Junge hautnah mit, wie die Synagoge in Brand gesteckt wurde und das 20 Meter lange und 14 Meter hohe Gebäude in Flammen stand. "Das sind die beiden Fenster, von denen aus muss er wohl zugesehen haben", zeigt Böhrer später auf den Ostgiebel, als die Besuchergruppe am Elternhaus in Obbach steht. Gleich gegenüber, wenige Meter entfernt, stand früher die Synagoge. An diesem Besuchstag werden dort gerade Sonnenblumen aus dem Lagerhaus des Schlossguts verladen.

    Traumatische Erfahrungen, die heute noch zu Tränen rühren

    "Oh mein Gott", entfährt es der 56-jährigen Miriam mit Tränen in den Augen und sie schüttelt ungläubig den Kopf. Wie muss dieses Erlebnis das Kind, ihren Vater, traumatisiert haben, diese Angst und dazu das Schicksal der Verwandten.

    Walters Vater Max hatte schon vorher seine Ausreise geplant und am 2. Mai 1938 sein Anwesen an das benachbarte Schlossgut verkauft. Viehhandel durfte er da schon nicht mehr ausüben. Käufer war laut Kataster die "Kugelfischer, Erste autom. Gußstahlkugelfabrik vorm. Friedrich Fischer OHG, Schweinfurt", die spätere FAG Kugelfischer Georg Schäfer. Als Viehhändler hatte er wohl geschäftliche Beziehungen zum landwirtschaftlichen Gut des Schlosses, wie Jonathan Ramsfelder beim Rundgang auf dem Schlossareal schlussfolgert, und als Nachbarn hatte man sich wohl gekannt.

    Im Euerbacher Rathaus empfing Bürgermeister Arthur Arnold (rechts) die Familie Ramsfelder im Rathaus: (von links) Zachary Ramsfelder, Forscherin Elisabeth Böhrer, Jamie und Jonathan Ramsfelder, Alan und Miriam Levin. Der künstlerisch gestaltete Metallkoffer soll als Erinnerung an die Deportation der Juden in Obbach aufgestellt werden. Ein zweites Exemplar wird am Bahnhof in Würzburg platziert Foto: Silvia Eidel

    Von Obbach aus zog Max Ramsfelder im Februar 1939 mit seiner Frau Johanna und Sohn Walter zu Verwandten nach Schweinfurt in die Wilhelmstraße und wollte so schnell wie möglich ausreisen. Aber es dauerte bis Mai 1940, bis die Familie von Deutschland wohl mit dem Zug nach Genua oder dann nach Portugal gelangte und sich nach New York einschiffen konnte. Max‘ Brüder Alfred und Isidor waren bereits dorthin geflüchtet und hatten die Bürgschaft für ihn übernommen. "Warum das so lange dauerte, wissen wir nicht", sagt Jonathan. Dass das mit den restriktiven amerikanischen Einwanderungsbeschränkungen zusammenhängt, kann vermutet werden.

    Neuanfang in New York

    Sicher ist nur, dass Walter Ramsfelder sein Leben lang unter diesen belastenden Erlebnissen litt. Seine Eltern hatten mittellos in New York neu anfangen müssen. Sie hatten auch zwei Neffen, deren Eltern den Holocaust nicht überlebten, aufgenommen, die wie Brüder mit Walter aufwuchsen. Leid und der Schmerz über den Verlust waren allgegenwärtig. "Es ist unser Familiendrama, es ist immer präsent", sagt Miriam.

    Dass die Aufarbeitung dieser deutschen Geschichte nicht leicht, aber nötig ist, unterstreicht Bürgermeister Arnold. Daher beteiligt sich die Gemeinde Euerbach auch am "Projekt Aumühle": Zwei künstlerisch gestaltete Metall-Koffer sollen an die Deportation der Juden von dem Würzburger Güterbahnhof aus erinnern. Ein Koffer wird in Würzburg platziert, einer in Obbach. Über ein pädagogisches Jugendprojekt soll der Standort im Herbst festgelegt werden.

    "Bitte geben Sie uns Bescheid, wann das ist", gibt Miriam dem Bürgermeister mit. Denn für die Zukunft sei es wichtig, nicht zu vergessen.

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