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    Stadtranderholung: Besser als Urlaub in Italien

    Von allen Seiten strömen Kinder auf die Terrasse. Plötzlich für den Betrachter völlig überraschend sortieren sich die Kinder in acht Gruppen und setzen sich in langen Reihen auf den Boden. Kristin Bausewein begrüßt sie. „Guten Morgen“ schallt es aus 80 Kinderkehlen laut zurück.

    Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) hat wieder zu seiner Stadtranderholung eingeladen. Sechs Wochen lang bietet der Verband im Zeller Grund von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr Ferienfreizeit für fünf- bis 14-Jährige an.

    Leiterin kam schon als Kind hierher

    Und wer einmal hier war, kommt scheinbar nur schwer wieder los. Bausewein jedenfalls kommt schon seit 21 Jahren regelmäßig hierher, erst als Kind, dann als Hilfsbetreuerin, später im Leitungsteam und seit 2011 hat die gelernte Heilerziehungspflegerin endgültig die Hauptleitung übernommen. „Gut ist, dass ich im Haus Marienthal arbeite und so im Sommer sechs Wochen Urlaub bekomme“, erklärt sie. Dadurch habe sie Zeit.

    Ihren „Urlaub“ verbringt sie nämlich im Zeller Tal. Auch ihr Lebensgefährte ist seit 15 Jahren dabei und ihren Bruder Philipp hat sie auch hergelockt. Der erinnert sich: „Ich wollte am Anfang überhaupt nicht, dann hab ich für zwei Wochen zugesagt, bin fünf geblieben und seitdem immer die kompletten sechs Wochen dabei“. Es mache halt einfach Spaß, meint er.

    Freizeit bietet nur noch das BRK an

    „Ich habe großen Respekt vor Leuten, die das machen, ihren Urlaub hier verbringen“, lobt Kreisgeschäftsführer Thomas Lindörfer. Das BRK ist nicht nur eine Hilfsorganisation, sondern auch ein Wohlfahrtsverband, deshalb gehöre Familienbildung unbedingt zu den Aufgaben des Verbandes. „Wir sind die letzten Dinosaurier, die das anbieten“, erklärt Lindörfer.

    Früher hätten noch Diakonie und Caritas solche Angebote gemacht, die aber seien eingestellt worden. Das BRK dagegen will das Freizeitangebot auf alle Fälle aufrecht erhalten. Die Anmeldezahlen zeigen deutlich, dass dies auch nötig ist. Nach den 80 Kindern in der ersten Woche kommen schon in der zweiten 114. Mit den Ferienspaßaktionen in den Gemeinden sieht er sich nicht in Konkurrenz, denn was nützt es beispielsweise Eltern, ihre Kinder einmal für drei bis vier Stunden unterzubringen, wenn sie selbst acht Stunden arbeiten.

    Auch logistisch eine Aufgabe

    Gabi Siegmund kümmert sich um die Logistik, alles muss bedacht und organisiert werden. Welche Busse holen wann welche Kinder ab, schließlich kommen diese aus der ganzen Region, von Wasserlosen, Gerolzhofen bis Stadtlauringen. Wer kümmert sich um die Küche, die Kinder bekommen mehrere Mahlzeiten, wer putzt, es gibt viel zu bedenken. Siegmund kennt das Angebot schon aus der Zeit als ihre eigenen Kinder hier „Urlaub“ machten, was sie besonders schätzt, ist die Tatsache, dass die Kinder ihre Angebote selbst auswählen können. Es gibt keinen Druck und keinen Stress.

    Nach dem Frühstück sitzen die Kinder wieder in Reih und Glied auf der Terrasse, Philipp Bausewein nennt ihnen die Angebote des Tages: Geländespiel, T-Shirts gestalten, Lager bauen, Fußball spielen oder ab in die „Schlucht“? Jedes Kind sucht sich seines aus. Dann ziehen sie mit ihren Betreuern los.

    Die Betreuer kommen meist aus der Fachakademie und machen hier eines ihrer Praktika, erzählt Kristin Bausewein. Nach sechs Wochen Stadtranderholung, wird eine Woche aufgeräumt, dann geht sie in die Fachakdemie und ähnlich Einrichtungen und wirbt um ehrenamtliche Betreuer. „Aber es kommen auch viel, die früher selbst als Kinder hier waren“, erzählt Bausewein.

    Sozial und kulturell bunt gemischt

    Mit 14 Jahren werden Kinder schon als Hilfsbetreuer eingesetzt. Einer, der sehnsüchtig auf diese Chance gewartet hat, ist Cedric. Er ist eines der Kinder mit Handicap, die wie selbstverständlich dazugehören, ebenso wie solche mit Migrationshintergrund und Flüchtlinge. „Wir sind sozial und kulturell bunt gemischt“, erklärt Bausewein. Cedric hat eine massive Hörbeeinträchtigung. Als er das erste Mal hier war, sprach er kaum, heute weiß er sich gut zu artikulieren und er habe „hier Freunde gefunden“, erzählt er.

    Endlich ist er Hilfsbetreuer, passt auf die Kleineren auf, die ihn lieben, deckt den Tisch, hilft beim Basteln. Cedric ist glücklich, er hat nur noch ein Problem, nach drei Wochen im Zeller Grund muss er mit seinen Eltern nach Italien in den Urlaub. „Das gibt jedes Jahr Gemecker“, erzählt Bausewein lachend.

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