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    GEROLZHOFEN

    Straßenschild „Dr.-Benzion-Kellermann-Stiege“ enthüllt

    Evamaria Bräuer am Grabstein von Benzion Kellermanns Vater Joseph Löb auf dem Israelitischen Friedhof in Gerolzhofen. Foto: Peter Pfannes

    Der in Gerolzhofen am 11. Dezember 1869 geborene Benzion Kollermann galt zeitlebens als kritischer Geist. Bis heute hat aber das, was er gelehrt und gelebt hat, nichts an Aktualität eingebüßt: Ein respektvolles und friedliches Miteinander im Allgemeinen und das der Religionen im Besonderen.

    Am Tag vor seinem 148. Geburtstag erfuhr einer der lange vergessenen großen Söhne der Stadt jetzt eine nachträgliche Anerkennung und besondere Ehrerweisung. Ab sofort heißt die Treppe, die gleich neben dem Denkmal für die von den Nationalsozialisten verfolgten und umgebrachten jüdischen Mitbürger von der Schuhstraße hinunter zur Bleichstraße führt, „Dr.-Benzion-Kellermann-Stiege“.

    Nur wenige Häuser weiter stand stadtauswärts auf dieser Straßenseite in der Schuhgasse 276, dem heutigen Anwesen Schuhstraße 20, einst das Geburts- und Elternhaus des Sohnes Zions, der aber meist nur Ben genannt wurde.

    Eine besondere Note verlieh der Enthüllung des Straßenschildes die Anwesenheit von Nachkommen der Familie Kellermann. Mit der in Begleitung ihres Mannes Peter gekommenen Judith Batkin-Kellermann und ihrer Tochter Alice waren eine Enkelin und eine Urenkelin Benzion Kellermanns aus England angereist.

    Die Londonerin ist die Tochter von seinem zweiten Sohn Ernst Walter. Zuletzt waren 2009 Nachfahren der Linie Kellermann aus Israel nach Gerolzhofen gekommen, um den Wurzeln der Familie nicht zuletzt auf dem Israelitischen Friedhof nachzuspüren.

    Torsten Lattkis Verdienst

    Das Verdienst, dass der Name des jüdischen Reform-Rabbiners, Lehrers und Philosophen Benzion Kellermann lange nach seinem Tod am 22. Juni 1923 in Berlin, wo er auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee bestattet ist, wieder hochgehalten wird, kommt Torsten Lattki zu.

    Der wissenschaftliche Mitarbeiter für Projektkoordination und Öffentlichkeitsarbeit am Jüdischen Kulturmuseum in Augsburg hatte für seine Doktorarbeit an der Universität Erfurt das Leben, Wirken und Werk Benzions Kellermanns erforscht und nachgezeichnet. Ihren Niederschlag fand die Dissertation in dem 2015 erschienenen Buch „Benzion Kellermann – Prophetisches Judentum und Vernunftreligion.“

    Mit der Biografie gab Torsten Lattki Benzion Kellermann den Platz in der Philosophie- und deutsch-jüdischen Geschichte zurück, der ihm als wichtige Persönlichkeit des liberalen Judentums im deutschen Kaiserreich und den Anfängen der Weimarer Republik zukam.

    Die Recherchen hatten den Autor im August 2011 auch nach Gerolzhofen an den Geburtsort Kellermanns geführt. Hier stand ihm vor allem Evamaria Bräuer mit ihrem reichen Wissen über das Judentum im Allgemeinen und die jüdische Gemeinde in Gerolzhofen im Speziellen zur Seite. Sie öffnete ihm auch die Türen in die Archive der Stadt und des „Steigerwald-Boten“.

    Das, was Torsten Lattki angestoßen hat, war schließlich vom Kulturforum als weiteres und neuestes Projekt der lokalen Geschichts- und Erinnerungsarbeit aufgegriffen worden. Der vom Stadtrat einstimmig unterstützte Antrag des Vereins hatte letztendlich zu der Straßenbenennung des Verbindungsweges geführt. Damit bleibt die Erinnerung an ihn für die Nachwelt erhalten.

    Bürgermeister Torsten Wozniak räumte freimütig ein, zunächst nichts über Benzion Kellermann gewusst zu haben, weshalb er nach der Kontaktaufnahme durch das Kulturforum erst recherchieren musste.

    Der Bürgermeister erinnerte daran, dass sich Benzion Kellermann um die Verständigung zwischen Juden und Christen verdient gemacht habe und reihte ihn unter den ganz großen Gerolzhöfern ein. Allerdings sei er erst später als solcher erkannt worden.

    Durch die Benennung des Verbindungsweges zwischen Schuh- und Bleichstraße nach dem bedeutenden Gerolzhöfer wolle die Stadt daran erinnern, wie wichtig und bedeutend es ist, sich für Völkerverständigung und ein friedvolles Miteinander der Religionen einzusetzen.

    Im Mittelpunkt des Festaktes stand der Vortrag „Von Gerolzhofen nach Berlin – Leben und Werk von Benzion Kellermann (1869-1923)“ (siehe gesonderten Bericht) von Kellermann-Biograf Torsten Lattki im außerordentlich gut gefüllten Foyer des Bürgerspitals. Stadt, Kulturforum und Volkshochschule hatten dazu gemeinsam eingeladen, bevor es zur Enthüllung des Straßenschildes in die Schuhstraße ging.

    Gingen sie zusammen zur Schule?

    Evamaria Bräuer vom Kulturforum hatte zuvor über „Straßenbenennungen nach heimischen Persönlichkeiten“ referiert und sich dabei vier Söhnen der Stadt gewidmet: dem Friedens-Architekten zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, Johannes Müller (1583-1648), dem Maler Philipp Stöhr (1793-1856), dem Dichter Ludwig Derleth (1870-1948) und Bürgermeister Philipp Weigand (1865-1937).

    Kellermann und die beiden letztgenannten müssten sich gekannt haben und sich auf dem Schulhof begegnet sein, wenn man von den Geburtsdaten ausgeht, so Bräuer.

    Der Vorsitzende des Kulturforums Gerolzhofen, Burkard Tebbe, dankte allen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen hatten, von den Hauptprotagonisten des Vormittags bis zu den Übersetzern der Rede für die Gäste aus England.

    Torsten Lattki bescheinigte er „lehrreiche und tief greifende Ausführungen, die uns den Weg zu Benzion Kellermann gezeigt und geöffnet haben“. Ein dickes Lob verteilte er zugleich an Evamaria Bräuer. Tebbe wörtlich: „Die Erinnerungsarbeit steht und fällt mit ihr. Sie ist das Laufrad, das alles in Bewegung hält.“

    Für die musikalische Umrahmung der Feierstunde im Bürgerspital hatten Elke Friedel (E-Piano) und Franziska Lang (Querflöte) gesorgt.

    Die „Dr.-Benzion-Kellermann-Stiege“ erinnert künftig an den 1869 in Gerolzhofen geborenen jüdischen Reform-Rabbiner, Lehrer und Philosophen. Im Bild bei der Enthüllung des Straßenschildes (von links): Bürgermeister Thorsten Wozniak, Kellermanns Urenkelin Alice Batkin, seine Enkelin Judith Batkin-Kellermann, Kellermann-Biograf Torsten Lattki, sowie Evamaria Bräuer und Burkhard Tebbe vom Kulturforum Gerolzhofen. Foto: Norbert Vollmann
    Kellermann-Biograf Torsten Lattki hielt den Festvortrag. Foto: Lattki

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