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    Schweinfurt

    Suggestive Tanzkunst im Theater

    Tanztheater aus Indien: Menschlichkeit überwindet Brutalität. Foto: Beka Javakhishvili

    Im Halbdunkel flüchten Menschen, näher kommende Einschläge von Granaten, knirschendes Metall. Unheil, Inferno, Todesangst beherrschen die Szene. Manchmal halten die Gehetzten inne, knien mit zum Himmel gerichteten Armen nieder, stumme Gesten der Verzweiflung und der Ohnmacht. Dazu dröhnt unbarmherzig (auch für die Ohren des Publikums) ein Puls der Vernichtung und des Grauens.

    So lässt die indische Choreografin Aditi Mangaldas ihr zweiteiliges Werk "Within" (unser Inneres) beginnen, das sie am Wochenende mit ihrem siebenköpfigen Tanzensemble und vier Musikern zweimal im Theater präsentierte. Mangaldas beeindruckte bereits 2011 in Schweinfurt mit ihrem virtuosen Kathak-Tanzstil aus dem 13. Jahrhundert, dessen kraftvolle Körpersprache sie mit zeitgenössischen Ausdrucksformen weiterentwickelte.

    Die Choreografin gilt in Indien fast als Rebellin, die sich nicht davor scheut, immer wieder aktuelle soziale und politische Probleme ihrer Heimat anzusprechen und sich damit auseinanderzusetzen. So wurde sie zu dieser Choreografie vor allem durch eine brutale Vergewaltigung einer jungen Frau durch mehrere Männer inspiriert, die 2012 nicht nur Delhi, sondern die ganze Welt schockierte. "Das versetzte mich in große Aufruhr und zeigte mir: Es war an der Zeit, den ständigen Ansturm von Gewalt zu thematisieren". Doch Mangaldas setzt der Unmenschlichkeit des ersten Teils im zweiten durch die Schönheit des Kathak und seiner meditativen Atmosphäre eine hoffnungsvolle Umkehr, einen Neubeginn entgegen.

    Bilder des Grauens

    Doch noch sind wir bei Mangaldas' Bildern des Grauens, denen die drei Tänzerinnen und vier Tänzer mit beklemmender Intensität Gestalt verleihen: Zwar bedienen sie sich schon hier einiger Elemente des klassischen Kathak: Ausgeprägte, rhythmische Fußbewegungen, spektakuläre schnelle Drehungen, Sprünge, harte Lautsilben. Doch hier bewegen sich die Flüchtenden wie Besessene, schleppen sich über die Bühne, um nach ekstatischen Bewegungen am Boden liegen zu bleiben. Ein auf einen Haufen geworfener Körper.

    Szenenwechsel. Mangaldas liegt in einem Lichtkreis auf dem Boden. Ihre Hände und Arme bewegen sich unkoordiniert, ihr Körper zuckt wie unter Stromschlägen. Sie erhebt sich mühsam, bricht wieder zusammen. Eine Männergruppe beobachtet sie aus der Ferne mit verhüllten Gesichtern. Mangaldas: "Wir können nicht die Brutalität in uns selbst erkennen".

    Wird Menschlichkeit siegen?

    Der zweite Teil gehört dem klassischen Kathak: In langen Gewändern tanzen sechs noch gesichtslose Gestalten im goldfarbenen Licht – zu Ehren eines Gottes? Trommelwirbel und kehlige Rufe motivieren sie zu immer schnelleren Drehungen und Bewegungen. Blitzschnelle Fußarbeit voll drängender Rhythmik, lyrische Episoden mit anmutigen Hand- und Armbewegungen. Nacheinander legen sie ihre Verhüllung ab – es sind lächelnde Menschen "die die Schönheit des Lebens erkennen, sich ihren Möglichkeiten bewusst werden", so die Choreografin.

    Sie beeindruckt noch einmal mit einem großen Solo voller Virtuosität, doch ihr Tanz vermittelt mehr: Stolz, Leidenschaft, Freude, Zärtlichkeit, Konzentration, Musikalität, ungeheure Lust am tänzerischen Ausdruck. Das Ensemble gesellt sich zu ihr, um ein großes Freudenfest zu feiern, das sich zu einem furiosen Finale mit suggestiver Kraft entwickelt. Das Publikum gerät schnell in den Sog dieser subtilen Dynamik. Nach einer Atempause feiert es die Gäste aus Indien mit stürmischem Applaus.

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