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    SCHWEINFURT

    Traumatisiert durch die Flucht

    Was nicht jeder weiß: Auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterliegen der Schul- oder der Berufsschulpflicht. Wie das in der Praxis aussieht, war bei der Zusammenkunft des Arbeitskreises „Jugend in Bewegung“ Thema.

    Den Arbeitskreis gibt es seit acht Jahren. Ihm gehören alle Institutionen aus Schweinfurt an, die an der Integration sozial benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener beteiligt sind – vom Jugendgericht und Bewährungshilfe über die Jugendämter und Bildungsträger bis hin zu den Schulen. Die zwei Treffen jährlich organisieren das Projekt RABE der Gesellschaft für berufliche Förderung in Kooperation mit der Agentur für Arbeit.

    Seit dem Schuljahr 2013/14 gibt es im Alfons-Goppel-Berufsschulzentrum eine Asylbewerberklasse, die speziell für junge Flüchtlinge eingerichtet wurde. Das so genannte Berufsintegrationsjahr stellte Beratungslehrerin Barbara Klemm vor. In einer „Vorklasse“ lernen die jungen Leute aus aller Herren Länder dort zum einen die deutsche Sprache, aber auch lebenspraktische Bereiche unserer Kultur kennen. Dazu gehört auch eine sozialpädagogische Betreuung.

    Denn: Die traumatisierenden Erfahrungen im Heimatland und auf der Flucht, die diese jungen Menschen ohne familiäre Unterstützung in einem fremden Land bewältigen mussten und müssen, seien „nicht zu unterschätzen“, schilderte Klemm.

    Im zweiten (Schul-)Jahr geht es intensiv um die berufliche Orientierung. Hier kommt den jungen Menschen die Vielfalt am Alfons-Goppel-Zentrum zugute, können sie doch in verschiedene Berufsfelder „hineinschnuppern“. Im zweiten Jahr gehen die jungen Menschen auch an zwei Tagen pro Woche ins Praktikum. Ziel ist der Mittelschulabschluss.

    Ein Schüler bekam bereits von seinem Praktikumsbetrieb das Angebot, 2015 dort eine Ausbildung zu beginnen. Im laufenden Schuljahr wurde das Angebot um zwei Berufsintegrationsklassen erweitert. Trotzdem gibt es eine Warteliste.

    Monika Morick-Kraus von der Asylberatung der Diakonie schilderte im zweiten Referat die vielschichtigen Probleme der Asylbewerber. Die Unterbringung in den Gemeinschaftsunterkünften sei mangels Rückzugsmöglichkeiten für viele belastend. Das Arbeitsverbot gilt zwar nur noch in den ersten drei Monaten.

    Ein großes Hindernis seien aber immer noch die Sprache und die mangelnde Anerkennung der im Herkunftsland erworbenen Qualifikationen. Außerdem wird bei der Besetzung einer offenen Stelle noch immer geprüft, ob es einheimische Bewerber gibt. Diese müssen vorrangig behandelt werden. Diese „erzwungene Untätigkeit“ führe in Verbindung mit den traumatischen Erlebnissen der Flucht häufig zu depressiven Symptomen.

    Wichtig nannte die Beraterin die angebotenen Sprachkurse, die jedoch nicht ausreichten, um alle Asylbewerber zu versorgen. Besonders schwierig sei die Situation in den Unterkünften auf dem Land, da hier keine professionellen Sprachkurse angeboten und Fahrtkosten in die Stadt nicht übernommen würden. Erfreulich sei freilich das Engagement so vieler Ehrenamtlicher.

    Wichtig nannte Morick-Kraus auch die Sportvereine, das Interkulturelle Begegnungszentrum in Schweinfurt und andere Treffpunkte, die in irgendeiner Form bei der Integration helfen. „Sie ermutigen dazu, Kontakte außerhalb der Unterkunft aufzunehmen.“

    Dies alles verdeutlichte der von der Filmgruppe der Goppel-Berufsschule (Leitung Sabine Otter) gedrehte, preisgekrönte Film „Von Menschen, die auszogen…“. Asylbewerber in Zirndorf sowie in Gemeinschaftsunterkünften wurden interviewt, außerdem wird die Geschichte eines ukrainischen Flüchtlings erzählt. Der Film erklärt den Ablauf eines Asylverfahrens, berichtet von Kindern, die keinen Platz in einer Tagesstätte fanden, geht auf die so genannte „Residenzpflicht“ ein und zeigt auf, was es bedeutet, „anerkannt“ zu werden.

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